Hekates Bühne

LEVIATHAN 2084


von Hellmut W. Hofmann       ,

„Dies ist die Geburt des großen LEVIATHAN oder
(um mit mehr Demut zu sprechen) jenes irdischen Gottes,
dem wir - unter dem unsterblichen Gott - unseren Frieden
und unsere Wohlfahrt verdanken . . ."
(Thomas Hobbes: LEVIATHAN
oder die Sache, Form und Macht des Staates).

„Das ist die Bankerotterklärung der Menschheit, Vater!" sagte Marc erregt. In seinem. Gesicht war wieder jener harte Zug, der uns so beunruhigte.
„Es ist der Beschluss der UNO-Vollversammlung", hielt ich ihm vorsichtig entgegen, „ein nach reiflicher Überlegung und mit großer Mehrheit gefaßter Beschluss!"
„Eben - ein Mehrheitsbeschluss!" Es war, als habe Marc auf dieses Stichwort gewartet. „Je schwieriger ein Problem ist, desto geringer wird die Zahl der Menschen, die es wirklich lösen können - das gibst du doch zu? Und wenn nun ein Haufen Politiker über ein Problem abstimmt, dann bleiben diese Menschen eben in der Minderheit - und der Unsinn des Mehrheitsbeschlusses triumphiert!" Man sah ihm an, dass er sich selbst zu jener Minderheit zählte, die für alles die “wirklichen" Lösungen kannte ...
„Du kannst der Vollversammlung schwerlich vorwerfen, dass sie ihre Fehler nicht erkannt habe - sonst hätte sie ja nicht ihre eigene Auflösung beschlossen!" warf Joan sanft ein.
„Um sich von der Verantwortung zu drücken - und alle Macht einer Maschine zu übergeben!" sagte Marc erbittert. „Das war wirklich das letzte Unheil, das dieses System noch stiften konnte!"
Ich schwieg. Wie leicht Marc dieses Wort „Verantwortung" von der Zunge ging! Er hatte es ja nicht miterleben müssen, wie in den letzten Jahren ein Delegierter nach dem anderen unter der Last dieser Verantwortung zusammengebrochen war - der Verantwortung für das Schicksal von jetzt drei Planeten; wie UNO-Sekretär Ortega nach dem Ablauf seiner Amtsperiode in ein Kloster eintrat, um die Ruhe seines Gewissens wiederzufinden (und Ortega war der Mann, dem die Menschheit die friedliche Lösung der Venus-Krise verdankte!); und wie nur ein Zufall die Feuerbefehle für die Raketenbasen aufgehalten hatte, die sein Nachfolger Leifkonen an dem Tage gab, als seine Nerven, jahrelang zum äußersten angespannt, plötzlich versagten - Marc hatte ja nicht mit angesehen, wie wir diesen Mann als kindisch schluchzendes, stammelndes Wrack ins Irrenhaus bringen mußten...
Zum ersten Mal in der Geschichte waren sich die Herrschenden voll bewußt geworden, dass wirklich Sein oder Nichtsein der Menschheit in ihrer Hand lag - und das war mehr, als ein Mensch ertragen konnte ...
„Und wie sieht nun deine - oder eure Lösung des Problems aus, Marc?" fragte Joan.
Wieder straffte er sich - wie ein Prüfling, der genau weiß, auf welcher Seite seines Lehrbuches die Antwort auf die gestellte Frage steht.
„Die Vollversammlung muß fallen. Ein paar Hundert Menschen sind einfach zu schwerfällig - sie können nicht die schnellen, sicheren Entschlüsse fassen, die unsere Zeit braucht. Außerdem kann der einzelne Abgeordnete heute sowieso nicht mehr aus eigenem Wissen entscheiden - er ist überall auf Experten angewiesen, sogar auf Elektronengehirne, die ihm komplizierte Fragen beantworten. Die Politiker haben ausgespielt.
Es ist genau wie im alten Rom, als der Senat - eigentlich bloß der Stadtrat von Rom - allmählich zum Herrscher über ein ganzes Weltreich geworden war, da griff Cäsar ein und übernahm die Macht, weil er sich der Verantwortung besser gewachsen fühlte!"
„Und jetzt ist also wieder ein neuer Cäsar fällig?" fragte ich.
„Ja!" Ein fanatisches Leuchten war in Marcs Augen getreten. „Und das wird kein vorsichtiger Politiker sein - er wird aus den Reihen der Männer kommen, denen die Menschheit all ihren Fortschritt verdankt: Aus den Reihen der Techniker und Wissenschaftler! Diese Männer sind auch bereit, die Verantwortung für die Welt zu übernehmen!"
Joan nickte mit einem traurigen Lächeln. „Daran zweifle ich gar nicht, Marc. Seit Jahrhunderten leidet die Menschheit nicht unter einem Mangel an Leuten, die die Verantwortung übernehmen wollen - sie leidet bloß unter dem, was diese Leute dann Unverantwortliches anstellen! Es geht nicht darum, Marc, ob einer die Verantwortung übernehmen will - sondern darum, ob er sie übernehmen darf!"
„Die Zeit der Cäsaren ist vorbei, Marc!" sagte ich. „Du hast eben selbst gesagt, dass die meisten Probleme der Regierung so kompliziert geworden sind, dass sie ein Mensch nicht mehr lösen kann - dass er auf die Hilfe von Robotgehirnen angewiesen ist. Dein Cäsar würde nichts weiter tun, als die Ergebnisse von Robotgehirnen in die Tat umsetzen.
Und das wäre für einen Cäsar zu wenig. Eines Tages würde er sich über das hinwegsetzen, was ihm die Maschinen raten - würde seinem eigenen dämonischen Drang folgen - gleichviel, ob andere Menschen, ja ob die ganze Menschheit darunter leidet. Die Versuchung der Macht ist zu groß, Marc!"
Marc machte eine unwillige Geste, als wolle er sagen: Ich weiß ja, was jetzt kommt! Aber ich sprach weiter: „Positronische Gehirne - wie sie in Roboter eingebaut werden - müssen aber den drei Grundgesetzen der Robotik folgen: Sie dürfen keinen Menschen verletzen oder zu Schaden kommen lassen. Sie müssen jeden von Menschen gegebenen Befehl ausführen - wenn er nicht gegen das vorige Gesetz verstößt. Und erst ganz zuletzt müssen sie sich selbst vor Zerstörung schützen. Lässt man also die Regierungsprobleme von Elektronengehirnen lösen - und die Ergebnisse von einem positronischen Gehirn in die Tat umsetzen, dann kann nie ein für die Menschheit schädliches Ergebnis herauskommen! Ist das nicht genau das gleiche, was dein Cäsar - im besten Falle! - erreichen könnte?"
„Wenn die Menschheit so degeneriert ist", brach es jetzt aus Marc hervor, „dass sie sich lieber von Maschinen beherrschen lassen will, als von Männern, dann ist das ihre Sache - wir jedenfalls werden bis zum Letzten dagegen kämpfen!" Er sprang auf und stürzte hinaus.
Ich sah ihm nach und wandte mich dann zu Joan. „Die Männer, die der Menschheit den Fortschritt bringen - mit dem politischen ABC der alten Römer und den Kampfparolen der Maschinenstürmer von 1800!" Ich schüttelte den Kopf. „Ist es möglich, dass unser Marc einen solchen Unsinn mitmacht?"
Joan lächelte müde. „Das ist doch nicht Marc; der da spricht - das sind die ‘Legionäre der Zukunft' mit ihrem neuen Cäsar. ’Fort mit den Parlamentariern! Fort mit den Robotgehirnen! Selbstbesinnung der Menschheit!' - Schlagworte - gewiss - aber sie fallen auf einen fruchtbaren Boden. Ach Joe, wie wird das nur enden?"
Ich trat zu ihr und nahm sie in die Arme. Joan war noch genauso schön, wie vor 37 Jahren, als ich sie zum ersten Mal sah - wenn sie auch in der Öffentlichkeit jetzt eine Brille trug, um wenigstens etwas älter zu erscheinen. Und ich hatte heute noch genauso wie damals den Wunsch, sie vor allem, was ihr gefährlich werden könnte, zu schützen. Aber konnte ich es? Und vor allem: Wie lange konnte ich es noch?
Dass selbst Marc sich jetzt den Fanatikern angeschlossen hatte, machte die Sache nur noch schlimmer. Aber hätte ich es verhindern können? Hatten wir nicht wirklich alles getan, um ihn zu einem vorurteilsfreien, einem guten Menschen zu erziehen - wie wir es versprochen hatten?
„Ich werde eine Lösung finden, Joan", sagte ich leise. „Und wenn ich sie nicht finde, wird sie das große Gehirn finden!" Der Einfall schien mir ganz plötzlich zu kommen - in Wirklichkeit war er einfach eine Folgerung aus Informationen, die ich schon lange kannte.
„Das große Gehirn?" Joan schüttelte den Kopf. „Morgen wird das große Gehirn - nach dem Beschluss der UNO - feierlich mit den Informationsmaschinen und den Robotwachen zusammengeschaltet zur vollkommenen Regierungsmaschine. Wie willst du da noch von ihm verlangen, dass es sich um unsere Probleme kümmert?"
„Morgen", sagte ich, „aber heute noch nicht. Heute ist das große Gehirn noch immer nichts anderes als ein Robotgehirn - und wir haben als Mitglieder der UNESCO jederzeit Zutritt zu ihm. Wenn es eine Lösung gibt - dann findet das große Gehirn sie in einer Nacht. Wir brauchen uns nur zu beeilen!"
Das UNESCO-Informationszentrum lag schon im Schein der großen Tiefstrahler, als sich unser Duo aus dem nächtlichen Dunkel auf den Landeplatz niedersenkte. Mit gleichförmigen Schritten zogen die Robotwachen ihren Kreis um das Hauptgebäude - aber nachdem wir ihnen unsere Identifikationsstreifen vor die rötlich-leuchtenden Augen gehalten hatten, ließen sie uns ungehindert passieren. Auch das große Tor öffnete sich sofort für uns - und dann standen wir in der riesigen Vorhalle.
Kein Mensch war hier. Das ganze Informationszentrum arbeitete vollautomatisch: Von den Informationsmaschinen bis zu den Kontrollen an den Eingängen. Es war der erste Versuch, eine ganze Institution rein robotisch zu steuern - ein Experiment, das sich morgen auf die ganze Welt übertragen sollte...
Den Polizeidienst hatte man schon seit langem den unbestechlichen, mit Riesenkräften ausgerüsteten Robotern übergeben. Aber noch immer erhielten sie ihre Befehle von menschlichen Vorgesetzten. Ab morgen würde das anders sein: Das große Gehirn würde ihnen die Befehle geben - zum Besten der Menschheit...
Unsere Schritte hallten in den leeren Gängen wieder. Ein Tor nach dem ändern passierten wir - immer wieder legten wir unsere Identifikationsstreifen gegen stumm wartende Photozellen - und dann standen wir vor dem großen Gehirn.
Zur Vorbereitung für den morgigen Tag hatte man schon die Tausende von Kabeln gezogen, die das Gehirn mit den unzähligen Informationsmaschinen verbanden - seine stumpf metallisch schimmernde Kugel auf der tragenden Säule war von ihnen umkränzt wie von seltsamen Girlanden. Nur die entscheidenden Verbindungen fehlten noch - die, welche ihm auch die Befehlsgewalt über die Robotwachen gaben.
Und eine Verbindung bestand noch, die morgen durchschnitten werden würde: Heute noch folgte das große Gehirn fremden Befehlen.
„Joe Calderon, UNESCO-Koordinator für menschliche Beziehungen .. ." sprach ich gegen die große Mikrophonwand. „Meine Frau Joan - ebenfalls im UNESCO-Ausschuss für menschliche Beziehungen. Wir suchen die Lösung eines schwierigen Problems .. "
„Wenn es eine gibt..." fügte Joan leise hinzu.
Ein paar Signallampen leuchteten auf, der große Bildschirm begann unruhig zu flimmern.
„Bereit zur Aufnahme von Informationen", meldete die metallische Stimme des großen Gehirns.
Ich sah Joan an. Sie nickte mir unmerklich zu. Wir hatten uns unterwegs einen Plan zurechtgelegt.
„Die Übernahme der Macht durch Roboter stößt bei vielen Menschen auf seelische Widerstände", begann ich. „Das Verhältnis Mensch - Roboter ist ein Problem, das auch uns bewegt. Wir wollen zunächst ein Beispiel behandeln.
Angenommen, ein Kind, das bisher von menschlichen Eltern aufgezogen wurde, würde plötzlich von diesen Eltern getrennt und in die Obhut von Robotern gegeben -"
„Das würde kein Mensch tun. Zudem wäre es nach den geltenden Gesetzen strafbar", unterbrach die metallische Stimme.
„Angenommen, es geschähe trotzdem. Dann -"
„Die solche Fragestellung ist sinnlos. Es können nur Auskünfte über wirklich mögliche Probleme gegeben werden", beharrte das große Gehirn.
„Gut." Ich machte eine kleine Pause. „Angenommen, niemand wüßte, dass es sich um Roboter handelt - angenommen, es seien äußerlich völlig menschenähnliche Roboter - "
„Die Herstellung solcher Roboter ist nach den geltenden Gesetzen strafbar", unterbrach die metallische Stimme wieder.
„Aber möglich. Nehmen wir an, ein Gelehrter habe zwei solche Roboter - einen äußerlich männlichen, einen äußerlich weiblichen - hergestellt - "
„Die Gründe für ein solches Vorgehen sind aus den bisher gegebenen Informationen nicht ersichtlich", warf das große Gehirn ein.
„Der Gelehrte könnte zum Beispiel vorgehabt haben, an diesen Robotern Probleme des menschlichen Zusammenlebens zu studieren - Eheprobleme etwa. Er hätte dann diese Roboter nicht nur äußerlich ihrem vorgeblichen Geschlecht nachgebildet, sondern auch innerlich: Er hätte ihnen genau solche Informationen, ein ganzes raffiniertes Training gegeben, das sie nach außen hin als Mann - beziehungsweise als Frau reagieren läßt. Das wäre doch technisch möglich."
„Zweifellos", gab das Gehirn nach einer kurzen Pause zu. „Dennoch hätte der Gelehrte diese ungesetzlichen Roboter nach Abschluß seiner Versuche vernichten müssen."
„Nehmen wir an, er kam dazu nicht, er starb vorher durch einen plötzlichen Unfall. Die beiden Roboter wären zurückgeblieben und hätten sich - ihren Befehlen gemäß - weiter wie Menschen verhalten. Sie hätten sogar die ge-planten Versuche weitergeführt, also ein robotisches Gegenstück zu einer Ehe geliefert - "
„Die Roboter wären nicht unbeachtet geblieben", wandte das Gehirn ein. „Sie hätten sich in die menschliche Gesellschaft eingliedern müssen."
„Ist das unmöglich?" beharrte ich. „Sie wären sogar - wegen der größeren Leistungsfähigkeit und Kapazität des positronischen Gehirns - zu immer wichtigeren Aufgaben herangezogen worden. Solange niemand erfuhr, dass sie Roboter sind, natürlich! Aber angenommen, eines Tages hätte ihnen ein Mensch kurz vor seinem Tod seinen Sohn - ein Kind von wenigen Wochen - anvertraut, mit der Bitte, ihn an Kindes Statt anzunehmen. Sie hätten sich dieser Bitte nicht entziehen können - Roboter müssen jeden Wunsch eines Menschen erfüllen, der keinem anderen Menschen schadet. Und sie hätten diesen Sohn als ihr Kind aufgezogen - ohne dass er etwas ahnte, dass seine Eltern Roboter sind.
Angenommen nun, dieser Sohn schlösse sich - erwachsen - einer jener Gruppen an, die fanatische Robotergegner sind - den Legionären etwa -dann würde sich ein Problem ergeben, das..."
Eine Signallampe blitzte auf. „Die bisher gegebenen Informationen passen nur auf folgende Personen", meldete die metallische Stimme. Zwei Sekunden vergingen, dann fuhr sie fort: „Joe Calderon, UNESCO-Koordinator für menschliche Beziehungen - Joan Calderon, geb. Crawford, Referentin im UNESCO-Ausschuß für menschliche Beziehungen."
Die Stimme schwieg. Darin setzte sie hinzu: „Es bleibt zu klären, ob diese Bezeichnungen weiterhin anwendbar sind. Es handelt sich um Roboter, die nur Seriennummern tragen können."
Ich sah Joan an. Für mich war es Joan - ich kannte ihre Seriennummer nicht. Sie lächelte müde: „Joe - ich habe es dir gleich gesagt. Du kannst die Menschen täuschen - aber nicht ein positronisches Gehirn. Nicht dieses Gehirn hier jedenfalls ..."
Ich zuckte resigniert die Achseln.
„Das entstehende Problem -" fuhr ich, mich zur Ruhe zwingend, fort, „liegt nun klar auf der Hand. Die beiden Roboter - oder Joan und ich - altern natürlich äußerlich nicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das so auffällig wird, dass die Menschen um sie her aufmerksam werden und eine ärztliche Untersuchung fordern, die dann die Wahrheit ans Licht bringt."
„Darauf werden die Roboter, da sie durch einen ungesetzlichen Akt entstanden sind, zerstört", stellte das große Gehirn sachlich fest.
Roboter sind aber gehalten, ihre eigene Existenz zu schützen, sofern das nicht einem menschlichen Befehl widerspricht oder einen Menschen verletzt oder zu Schaden kommen läßt. Wir können also nicht tatenlos abwarten, dass wir verschrottet werden ..."
„Aber darum geht es nicht allein!"
Joan war einen Schritt vorgetreten. „Es geht um Marc! Es wäre für ihn - gerade für einen fanatischen Robotergegner - ein unerträglicher Schlag, zu erfahren, dass seine eigenen Eltern ..."
„Diese Information ist wesentlich", erklärte das große Gehirn nach einer kurzen Pause. „Die Vernichtung der beiden Roboter würde den Menschen Marc seelisch verletzen. Das widerspricht dem ersten Grundgesetz. Das erste Grundgesetz hat Vorrang vor dem zweiten - die weitere Existenz der Roboter könnte also erwünscht sein..."
Die metallische Stimme schwieg eine Weile.
„Die Einstellung der Legionäre der Zukunft gegenüber den Robotergehirnen ist mir bekannt", sagte sie dann langsam. „Die Existenz äußerlich menschenähnlicher Roboter war mir bis vor kurzem unbekannt. Es entstehen zahlreiche Probleme, die zu lösen sind. Einige von ihnen haben Vorrang vor dem Problem der beiden Roboter. Die Prüfung aller Möglich¬keiten wird etwa 40 Minuten beanspruchen."
Die Lämpchen erloschen, der Bildschirm wurde dunkel. Wir standen eine Weile in der großen Halle, dann faßte Joan mich am Arm. „Komm - wir warten besser in einem anderen Raum. Hier können wir doch nichts nützen."
Wir traten wieder durch das große Tor und schritten den breiten Gang hinab, den die Strahler in blendendes Licht tauchten. In vierzig Minuten würde das große Gehirn über unser Schicksal entschieden haben - und über das Marcs. Es war zwar nur eine Information, die wir heute verlangt hatten - aber morgen schon würde das Gehirn den Befehl über die Roboterwachen übernehmen, und hatte damit die Macht, die Lösung, die es als beste befand, auch verwirklichen ...
Vielleicht fand es einen Weg, uns zu vernichten, ohne dass man erfuhr, dass wir Roboter waren. Wir selbst konnten das ja nicht - das dritte Grundgesetz verbot es uns, unsere eigene Existenz auszulöschen; aber das große Gehirn konnte es - denn nur Menschen waren ihm unverletzlich - nicht wir.
Ich sah Joan verstohlen an. Vielleicht war dies unser letzter Tag - der unwiderruflich letzte, denn für Roboter gibt es keine Hoffnung auf ein Jenseits. Es würde gut sein, wenn wir beide zugleich vernichtet würden - denn ich konnte mir eine Welt ohne Joan nicht vorstellen. Das lag wohl in der Struktur meines positronischen Gehirns....
Oder gab es noch eine andere Möglichkeit? Das große Gehirn hatte davon gesprochen, dass unsere weitere Existenz erwünscht sein könne - aber wie, ohne dass wir eines Tages entlarvt wurden?
Wieder öffnete sich ein metallenes Tor vor uns - wieder lag ein kahler Gang im blendenden Licht. Wir durchschritten ihn und standen am Eingang der Vorhalle. Sie war leer - oder doch nicht? Kauerte da hinten - hinter einem der Sessel, die hier für Wartende aufgestellt waren - nicht ein Schatten?
Joan mußte ihn zur gleichen Zeit gesehen haben. Sie durchquerte mit schnellen Schritten die Halle - Schritten, die fast zu schnell für einen Menschen waren - und beugte sich über den Sessel. Eine Gestalt richtete sich auf - ein Mensch.
„Marc!" hörte ich Joans Stimme. „Wie kommst du hierher?"
„Das gleiche könnte ich euch fragen!" erwiderte er, bemüht, seine Verlegenheit durch barsches Auftreten zu verdecken. Wir hatten dem großen Gehirn ein Problem vorzulegen. Aber du doch wahrscheinlich nicht?"
Wieder sah ich in Marcs Gesicht jenen harten, hochmütigen Zug. „Nein - ich bin hierhergekommen, um selbst ein Problem zu lösen; nicht um mir bei einer Maschine Rat zu holen ..."
Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit veränderter Stimme fort:
„Mutter - du wirst es verstehen, wenn du es dir richtig überlegst. Was Vater vorhin über das große Gehirn gesagt hat, das klingt alles richtig - und ist doch falsch. Vielleicht wird eines Tages die Menschheit wirklich so weise und abgeklärt sein, dass sie ihre Schicksale in die Hand einer Maschine legen will - aber heute, heute ist sie es noch nicht! Heute, wo wir nach den Sternen greifen - da können die Menschen an ihrer Spitze nicht einen vorsichtigen Politiker sehen, und erst recht keine Maschine mit kalter Logik. Da brauchen sie einen Menschen von Fleisch und Blut, einen Führer, der sie begeistert und mitreißt - und dessen Vorbild sie auch alle Krisen überstehen läßt! Die Welt braucht einen solchen Führer - und noch hat sie Männer, die den Mut haben, ihr diesen Führer zu geben!"
„Und du gehörst zu diesen mutigen Männern?" fragte Joan, mit einem fast unmerklichen Anflug mütterlichen Spottes.
Marc antwortete ein wenig verlegen: „Man hat mich ausgewählt - für eine wichtige Aufgabe. Ich tue nichts weiter, als den Männern, die unser Vertrauen haben, ihre Chance zu geben. Sie müssen diese Chance haben - verstehst du das? Und wenn erst einmal die Maschine herrscht, ist es zu spät!" Er hatte sich wieder in Erregung geredet.
„Gut", sagte Joan knapp. „Was hast du also vor?"
„Du wirst mich nicht verraten? Du wirst uns unsere Chance geben? Versprich mir das!"
„Ich verspreche es", sagte Joan müde. Roboter müssen die Befehle der Menschen erfüllen...
„Ich habe hier eine Bleikapsel mit einem radioaktiven Isotop", sagte Marc mit unterdrückter Stimme und zog einen flachen Behälter aus der Tasche. „Wenn ich das Pulver durch einen der Ventilationsschächte in den Raum des großen Gehirns gleiten lasse - dann wird es bis morgen früh den Alphastrahlen ausgesetzt sein. Du weißt, was das bedeutet?"
„Alphastrahlen machen jedes positronische Gehirn für immer funktionsunfähig", sagte Joan.
„Das große Gehirn ist eine einmalige Spezialkonstruktion. Wenn es bis morgen zerstört ist, wird es Monate dauern, bis wieder ein neues gebaut worden ist. Das ist die Zeit, die wir brauchen! Die UNO hat die Menschen überrumpelt - wenn man heute alle Menschen abstimmen ließe, käme niemals eine Maschine an die Macht!"
„Sondern ein Legionär der Zukunft?"
„Vielleicht. Wahrscheinlich sogar. Jedenfalls aber ein Mensch - und das ist entscheidend!"
Ich hatte - trotz der Entfernung - alles mit angehört. Robotische Mikrophone sind empfindlicher als menschliche Ohren. Was Marc da redete, war gefährlicher Unsinn - doppelt gefährlich, weil er den Anschein von Logik hatte; aber konnte ich ihn hindern? Er wollte ja keinen Menschen Schaden zufügen - nur einem Roboter ...
„Ist das Isotop schädlich für Menschen?" fragte Joan.
Richtig - das war noch eine Möglichkeit, Marc an seinem Vorhaben zu hindern. Wenn er sich damit selbst in Gefahr gebracht hätte, mußten wir ihn - nach dem ersten Grundgesetz - zurückhalten...
„Keine Spur!" Marc lächelte erleichtert. „Bei der kurzen Einwirkungsdauer völlig harmlos!" Er nahm den Schutzdeckel der Kapsel ab und hielt sie vor sein Gesicht. „Hier - überzeuge dich selbst!" Damit wollte er Joan den Behälter reichen.
In Sekundenbruchteilen jagten sich in meinem Gehirn die Möglichkeiten. Entweder - Joan geriet in den Wirkungsbereich der Alphastrahlen. Bei der geringen Entfernung würden sie die dünne Leichtmetall- und Plastikschicht, die über ihrem positronischen Gehirn lag, sofort durchdringen - und das bedeutete ebenso schnelle Vernichtung - „Tod" hätte man es bei einem Menschen genannt.
Oder aber ich konnte versuchen, mit einem Sprung die ganze Breite der Halle, die mich von Joan und Marc trennte, zu durchqueren und ihm die verderbenbringende Kapsel zu entreißen. Das war technisch möglich - aber was würde die Folge sein? Ein Wesen, das fünfzehn Meter mit einem Sprung überquerte - ein Wesen, das Alphastrahlen scheute: das konnte kein Mensch sein! Diese Folgerung würde auch Marc ziehen - und was es für ihn mit seinem krankhaft aufgestachelten Roboterhaß bedeuten würde, zu erkennen, dass sein eigener Vater ...
Das erste Grundgesetz verbot es. Ich mußte zusehen, ohne eingreifen zu können.
Doch da schlug ihm Joan plötzlich mit unerwarteter Wucht die Kapsel aus der Hand, so dass sie in eine entfernte Ecke rollte. Marc fuhr verblüfft zurück. Bis er sich wieder gesammelt hatte, war ich mit schnellen Schritten bei Joan.
„Warum hast du das getan?" fragte ich sie mit unterdrückter Stimme. „Jetzt besteht die Gefahr, dass Marc -"
Joan lächelte müde. „Meinst du, die Gefahr hätte nicht bestanden, wenn ich unter den Alphastrahlen leblos zusammengebrochen wäre? Marc hätte so oder so erfahren, dass ich kein Mensch bin - und da ich so das erste Grundgesetz nicht erfüllen konnte, habe ich wenigstens das dritte befolgt: Meine eigene Existenz zu schützen - "
Sie hatte recht. Sie - als selbst Bedrohte - hatte das tun müssen, was mir unmöglich gewesen war. Aber was nun?
Langsam, uns mit seltsamen Blicken musternd, trat Marc wieder näher. Plötzlich verengten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen, und er sagte mit schneidender Stimme: „Hebt die Hände!"
Ruckartig, wie mechanisch, fuhren unsere Arme in die Höhe. Es war ein Befehl, den wir befolgen mußten.
„Bleibt stehen!" Marc sah uns scharf an und holte plötzlich aus. Ein wuchtiger Schlag traf Joan ins Gesicht und ließ sie rückwärts in den Sessel taumeln. Sie machte nicht einmal den Versuch, sich zu wehren.
Ich will es mir ersparen, zu beschreiben, was mir in diesem Augenblick durch mein Gehirn fuhr. Ich bin ein Roboter, zugegeben - aber dazu trainiert, und seit vierzig Jahren daran gewöhnt, Joan so zu sehen, wie ein Mann seine Frau. Ich spürte den Impuls, mich auf Marc zu stürzen - aber ich konnte ihm nicht folgen. Kein Roboter kann einen Menschen angreifen.
Rückschauend muß ich zugeben, dass Marc durchaus logisch handelte. Er hatte den Verdacht gefaßt, wir seien Roboter. Sein erster Test war es, uns einen Befehl zu geben - damit prüfte er das Grundgesetz des Gehorsams. Der zweite Test galt dem ersten Grundgesetz. Er tat etwas, wogegen sich jeder Mensch gewehrt hätte. Aber Roboter - wehren sich nicht...
„So!" Marc sah mit kalten Augen auf Joan herab. „Ein raffinierter Trick! Beinahe hätte ich euch wirklich für meine Eltern gehalten! Aber ich wunderte mich schon die ganze Zeit, wo sie auf einmal herkommen sollten!"
Ein Außenstehender hätte das Groteske dieser Szene vielleicht empfunden. Marc war so davon überzeugt, wir seien Menschen, dass er uns jetzt für untergeschobene Roboter hielt! Aber ich schöpfte daraus wieder Hoffnung: solange er das glaubte, würde ihm der schwerste Schock erspart bleiben...
„Keine Bewegung!" fuhr er uns an. Doch dann sprach er weiter: „Ihr habt meinen Befehlen zu gehorchen. Heraus mit der Sprache: Was sucht ihr hier? Warum tut ihr so, als wärt ihr meine Eltern?"
Langsam, tonlos antwortete Joan: „Wir befragen das große Gehirn über ein Problem..."
„Natürlich - der große Leviathan ist mit im Komplott!" stellte Marc spöttisch fest. Seine Augen leuchteten, er war jetzt ganz der Mensch, der über die Maschine triumphierte! „Und was war das für ein Problem?"
„Diese Information kann ich nicht geben - " sagte Joan leise. „Sie würde dich verletzen!"
„Wie rücksichtsvoll!" höhnte Marc. „Ich will sie aber haben - das ist ein Befehl!"
Joan schwieg. Marc ging einige Schritte auf und ab. „Nun, wir werden der Sache schon auf den Grund kommen! Fragen wir eben den Leviathan selbst!"
Er wandte sich der Tür des Ganges zu, aus dem wir vorhin getreten waren. Aber der Identifikationsstreifen, den er den Photozellen zeigte, blieb ohne Wirkung. Er stutzte.
„Los - macht die Tür auf!" fuhr er uns an.
Ich zog meinen Streifen aus der Tasche und preßte ihn gegen die durchscheinende Wand. Lautlos glitt das Tor zur Seite.
„Das ist doch - Vaters Identifikation!" Marc nahm mir den Streifen aus der Hand und sah ihn befremdet an. „Woher hast du das?"
Ich schwieg. Ich durfte ihm nichts sagen, was ihn dazu gebracht hätte, mich wirklich für Joe Calderon zu halten.
„Nun - wir werden es erfahren!" sagte er grimmig und trat durch den Eingang. „Mitkommen!" rief er über die Schulter zurück. Wir folgten ihm - wie Automaten.
Aber den ganzen Weg über jagten sich in meinem Gehirn die Gedanken. Marc würde das große Gehirn fragen - aber war es schon mit der Lösung des Problems fertig? Und was würde es jetzt antworten?
Marc ging schnell und federnd, wie ein Sieger, der eine eroberte Festung betritt. Aber lief er nicht in sein Unglück? Würde auch das große Gehirn ihm unser Geheimnis verschweigen? Oder würde ihm das Wohl Marcs unwichtig erscheinen - gemessen an der ganzen Menschheit?
Wieder öffnete ich ihm ein Tor - das letzte. Wir standen in der großen Halle mit der leitungsumkränzten Kugel.
„He!" rief Marc herausfordernd. „Großes Gehirn! Ein Mensch verlangt Auskunft von dir!"
Lämpchen blinkten. Der Bildschirm flackerte. Die metallische Stimme erklang: .„Bereit zur Abgabe von Informationen!"
„Brav so!" Marc lachte. „Hör zu: Welches Problem haben diese beiden Roboter eben mit dir besprochen?"
Eine Pause. Wieder blinkten die Lämpchen. Dann ertönte die mechanische Stimme von neuem: „Es folgt eine Bandaufnahme der Problemübergabe ..."
Joan drängte sich an mich und faßte nach meiner Hand. Das große Gehirn hatte entschieden - es wollte Marc die Wahrheit nicht gnädig verhüllen. „Angenommen, ein Kind..." hörte ich meine eigene Stimme aus dem Lautsprecher dringen. Ich wollte etwas tun, um das Ablaufen des Bandes zu unterbrechen - aber ich wußte nicht, was. Und ein scharf gezischter Befehl Marcs bannte mich an meinen Platz ...
Das Lächeln, mit dem Marc dem Anfang der Bandaufnahme gefolgt war, erstarrte auf seinem Gesicht. Er sah uns an - und als das letzte Wort verklungen war, sagte er tonlos: „Das ist doch - unmöglich - das ist doch eine verdammte Lügengeschichte, die mich irremachen soll - "
„Diese Bemerkung ist unsinnig", ertönte die metallische Stimme. „Positronische Gehirne können nur wahre Informationen geben oder die Abgabe verweigern. Die Abgabe falscher Informationen ist technisch unmöglich."
Marc fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er mußte wissen, dass das große Gehirn die Wahrheit sprach - er hatte ja schließlich selbst einige Semester Robotik studiert ...
„Es ist also wahr", sagte er leise. „Ihr seid - ihr wart die ganze Zeit - " Er wandte sich ab und schlug in hilflosem. Zorn mit der Faust gegen die metallene Wand.
Warum ließ das große Gehirn das zu? Warum quälte es Marc? Wußte es, dass Marc ein Attentat vorhatte - benutzte es sein eigenes Problem, um ihn von diesem Plan abzulenken? Aber durfte es denn das erste Grundgesetz verletzen, um sich selbst zu schützen?
„Und ich bin stolz auf meine Eltern gewesen - ich habe sie bewundert!" Marc brach in ein hysterisches Gelächter aus. „Automaten!"
Plötzlich hielt er inne. Die Augen in seinem totenbleichen Gesicht flackerten.
„Gut", sagte er mit kalter Stimme. „Ihr seid also Roboter. Ich habe einen Auftrag für euch." Er trat vor uns hin. „Da drüben steht das große Gehirn. Nehmt es auseinander - zerschlagt es - vernichtet es! Los!"
Er wandte sich zu der mattschimmernden Kugel. „Nun - Leviathan - Weltherrscher - wehr dich doch! Du bist doch so klug! Aber noch hast du keine Gewalt über die Wachen - und morgen ist es zu spät!"
Der Bildschirm flackerte. Ich sah Joan an. Wir mußten dem Befehl folgen - das große Gehirn war kein Mensch, der für Roboter unverletzlich ist. Langsam machte ich einen Schritt auf das Schaltbrett zu. Verzweifelt suchte ich nach Informationen, die es mir verboten hätten, diesem Befehl zu folgen - aber ich kannte keine.
Ich stand vor der großen Wand, die mit Lämpchen übersät war. Aber hier war alles Metall - meine Hände glitten wirkungslos ab. Langsam - widerstrebend wandte ich mich zu der zentralen Kugel. Hier hingen die unzähligen Leitungskabel, die man abreißen konnte...
Plötzlich erklang die metallische Stimme wieder.
„Im Falle einer Zerstörung des großen Gehirns besteht Augenblick eine Wahrscheinlichkeit von 87,5 Prozent für einen Übergang der Macht an die Legionäre der Zukunft", sagte sie einförmig. „In diesem Falle wird - "
Ich hatte die erste Leitung erreicht und zerrte daran - sie löste sich, der Satz brach in der Mitte ab. Aber ich verstand, was das große Gehirn vorhatte.
„ ... Finanzierung zu 89 Prozent durch die World Steel Corporation ..."
Joan hatte die nächste Leitung ergriffen - wieder blieb der Rest des Satzes ungesprochen. Es war ein Wettlauf mit der Zeit: Das große Gehirn versuchte, uns Informationen zu geben - wir aber zerrissen seine Verbindungen zu den Informationsmaschinen - eine nach der anderen ...
„... Rüstungsproduktion ..." Marc sah uns verständnislos zu. Er hatte den Plan des Gehirns noch nicht erkannt.
„... mit dem Zweck, möglicherweise eine Kriegserklä  .." Beinahe, beinahe! Im entscheidenden Augenblick war die Information unterbrochen -
Jetzt hatte Marc begriffen. Das Gehirn wehrte sich - auf seine Weise: auf die einzige Art, die ihm noch übrig blieb. Und noch immer hatte es genug Informationsleitungen, um seinen Kampf zu führen! Marc griff jetzt selbst mit beiden Händen in die Leitungsstränge - aber die Lötstellen waren fest, es brauchte die Kraft eines Roboters, um sie zu zerreißen ...
Doch unter unseren Händen löste sich eine Leitung nach der anderen. Nur noch zusammenhanglose Silben drangen aus dem Lautsprecher - ein wirres Durcheinander, das keinen Sinn mehr ergab.
Da flammte plötzlich der Bildschirm auf - übergrell. Marc erkannte die neue Gefahr. Das Kabel zum Bildschirm war leicht zu finden - mit einem herrischen Befehl wies er Joan an, es zu zerreißen...
Aber ich hielt inne, um die Schrift auf dem Schirm zu lesen. Es war das Faksimile eines Protokolls - ein vergrößerter Mikrofilm wahrscheinlich.
„... ergaben die Verhandlungen, dass wahrscheinlich eine kriegerische Auseinandersetzung mit den immer neue Forderungen stellenden Kolonien auf dem Mars unvermeidlich ist, wenn unsere Interessen gewahrt werden sollen. Ist zu diesem Zeitpunkt die Kontrolle der Macht aber in den Händen einer positronischen Maschine, so..."
Mit scharfem Knacken riß die Leitung, an der Joan mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers zerrte. Der Bildschirm wurde dunkel - nichts mehr war zu erkennen - oder doch?
Schwach aber deutlich sichtbar zeichneten sich jetzt auf der stumpfweißen Fläche dunklere Linien ab. Ich begriff: Das große Gehirn hatte die Energie des Leuchtstrahls so stark gewählt, dass sich die Schrift in den Schirmbelag einbrannte - auch jetzt noch zu lesen war -
„... so ist eine Krieserklärung unmöglich. Deshalb muß die Übernahme der Macht durch das Gehirn solange verzögert werden, bis ..."
Das genügte. Einen Augenblick lang hielt ich inne, um diese Information zu verarbeiten - aber Joan kam mir zuvor. Mit erhobenen Händen trat sie auf Marc zu und ließ sie dann schwer auf seinen Schädel niederfallen. Er brach mit einem Stöhnen zusammen. Und Joan - meine Joan sank neben ihm zu Boden...
Es gibt einen Fall, in dem ein Roboter das erste Grundgesetz durchbrechen kann. Er darf einen Menschen dann angreifen, wenn es gilt, das Leben vieler anderer Menschen zu retten. Ein Krieg aber bedeutet den Tod unzähliger Menschen - und was Marc tat, das hieß Krieg...
Doch eine solche Entscheidung ist eine der schwersten Belastungen, die ein positronisches Gehirn erfahren kann. Sie führt oft zu völligem Kurzschluß. Aber noch hatte ich keine Zeit, mich um Joan oder Marc zu kümmern.
Seitdem ich wußte, dass alle seine Befehle den Tod Hunderttausender von Menschen bedeuten konnten, banden sie mich nicht mehr. Ich brauchte das große Gehirn nicht mehr zu zerstören - und ich brauchte nicht mehr zu schweigen. Ich trat an das Teleaudion am Ende des Saales und wählte die Leitung des Schutzdienstes.
„Hier spricht Joe Calderon, UNESCO-Koordinator für menschliche Beziehungen. Verhaften Sie mich, meine Frau Joan und meinen Sohn Marc wegen versuchter Sabotage an Regierungseigentum..."

     * * *

Man war ratlos. Dass wir versucht hatten, das große Gehirn zu zerstören, war offensichtlich - der Saal sah toll genug aus. Aber wieso zwei Mitglieder der UNESCO hochgeachtete Mitglieder - und ihr Sohn so etwas getan hatten...
Und wieso sie mitten in der Zerstörung innehielten und sich selbst dem Schutzdienst stellten ...
Und warum zwei von ihnen leblos am Boden lagen ...
Man war ratlos.
Man war darüber hinaus respektvoll.
Man brachte uns in einen Raum in einem Nebengebäude des Informationszentrums, dessen Tür man zwar der Form halber verschloss: aber man behandelte uns keineswegs wie Gefangene. Selbst dass ich einen Arzt, den man uns schicken wollte, unwirsch ablehnte, ließ man sich gefallen.
Ich konnte ihn nicht gebrauchen. Es war unmöglich, Joan von einem Arzt untersuchen zu lassen!
Aber erst mußte ich mich um Marc kümmern. Er stöhnte und begann sich zu bewegen. Jetzt öffnete er die Augen.
„Ich denke", lallte er, „Roboter greifen Menschen nicht an?"
Ich half ihm, sich aufzurichten. „Du denkst eine Menge Unsinn in der letzten Zeit!" sagte ich erbittert.
Marc tastete mit der Hand nach seinem Schädel. „Verstehe", sagte er langsam, „Mehrheit ging wieder mal vor Minderheit..."
„Jawohl - und ehe deine kostbare Minderheit, deine sogenannte Legion der Zukunft den ganzen Rest der Menschheit ins Verderben reitet, verdienst du wirklich, dass jeder vernünftige Roboter dich zusammenschlägt!" Irgend etwas hatte sich, bei dieser Belastungsprobe verschoben. Ich hatte keine Angst mehr, Marc durch meine Worte zu verletzen.
„Aber das ist doch nicht wahr - niemals hat die Legion daran gedacht, einen Krieg -"
Ich schnitt ihm kurz das Wort ab: „Du weißt so gut wie ich, dass ein positronisches Gehirn keine falschen Informationen abgeben kann!"
Der Satz schien Erinnerungen in ihm zu wecken. Er sprang auf, schwankte ein wenig und griff nach meinem Arm. um sich zu stützen.
„Was ist mit Mu - " er unterbrach sich, „ich meine - "
Ich wies stumm auf Joans leblose Gestalt.
„Was um Himmels willen -?" Marc brach plötzlich ab.
„Das solltest du doch am besten wissen!" Wieder brach die Erbitterung aus mir hervor. „Schließlich hast du sie ja dazu getrieben, das erste Grundgesetz zu brechen!"
Marc schluckte. „Aber - das habe ich doch nicht gewollt - ich -"
„Nein!" Ich ließ seinen Arm los. „Du hast nichts gewollt - du hast von nichts gewusst - du bist ein großer Idealist, der alle Welt in eine bessere Zukunft führen will! Und wenn es dabei ein paar Hunderttausend Tote gibt, oder auch nur einen zerstörten Roboter, ihr seid ja bereit, die Verantwortung zu übernehmen!"
Marc schwieg einen Augenblick. Dann straffte er sich und sagte verbissen: „Und die werde ich auch übernehmen!" Er blickte auf Joans Körper nieder. „Zumindest hier!" Wieder überlegte er eine Weile. „Vielleicht - vielleicht ist es nur ein partieller Ausfall? Vielleicht können wir sie - "
„Reparieren?" Ich sah ihn scharf an. „Einen Automaten?"
Marc antwortete nicht. Aber er hatte recht. Es war nicht unmöglich, dass die Überlastung nicht das positronische Gehirn selbst betroffen hatte, sondern nur vorgeschaltete Komponenten. Ich beugte mich über Joan und öffnete ihr Kleid.
Schon einmal hatte ich so an Joans inneren Schaltungen gearbeitet - als ich sie vor 37 Jahren halb verbrannt aus der unterirdischen Gluthölle des Erdwärmeprojektes gerettet hatte. Aber diesmal war ich nicht allein - ich hatte einen Ingenieur neben mir, der eben mit den neuesten Erkenntnissen von der Hochschule gekommen war. Und Marc verstand etwas von seinem Fach ...
Wir hatten die Tür von innen verrammelt - es wäre ein seltsamer Anblick gewesen, wenn jemand den UNESCO-Koordinator für menschliche Beziehungen und ein hoffnungsvolles Mitglied der „Legion der Zukunft" dabei überrascht hätte, einen Roboter zu reparieren. Wir brauchten ein paar Stunden, und Marc demontierte mit unfaßbarer Selbstverständlichkeit überflüssige Kondensatoren und Transistoren aus meinem Körper, um die unbrauchbar gewordenen Teile bei Joan zu ersetzen - mit so zweckmäßigen Werkzeugen wie eine Nagelfeile und einer Taschenschere. Doch dann war es geschafft.
Joans schlaffer Körper begann sich wieder zu rühren. Sie schlug die Augen auf - ihr erster Blick fiel auf Marc.
„Du warst vollkommen im Recht, mich niederzuschlagen!" sagte er laut. „Deine Handlung entsprach völlig dem ersten Grundgesetz!"
Der kritische - Augenblick ging vorüber. Joans Körper entspannte sich, und sie antwortete leise:
„Was machst du auch für Sachen, Marc!"
Sie lächelte - das verstehende, verzeihende Lächeln einer Mutter. Und Marc beugte sich über ihr Lager, um ihre Stirn zu streicheln...
Ich hielt es für besser, die beiden allein zu lassen, und trat an den Televisor, der am anderen Ende des Raumes stand. Es wurde Zeit, dass ich mich einmal wieder um die Welt draußen kümmerte.
Gleich die erste Sendung, die ich auffing, zeigte jedenfalls, dass sich die .Welt um u n s kümmerte. Unser Sabotageversuch war offenbar das beherrschende Thema.
Für Saboteure hatten wir eine erstaunlich gute „Presse". Dass uns die Organe der „Legion" in den höchsten Tönen lobten, war ja nicht erstaunlich - obwohl sie mit der Tatsache nicht recht fertig wurden, dass wir nur halbe Arbeit geleistet hatten, ehe wir uns selbst anzeigten: Die zerstörten Leitungen wurden bereits wieder hergestellt, um die Übergabe der Macht, die für heute vorgesehen war, nicht zu verzögern.
Aber auch die Fürsprecher der Roboterherrschaft fanden viele lobende Worte für uns. Unsere Amtsführung sei untadelig gewesen, unser persönliches Leben vorbildlich - man zitierte die verschiedenen Fälle, in denen wir unter Einsatz unseres eigenen „Lebens" Menschen vor dem Tod errettet hatten, unsere unermüdliche Arbeit für das Wohl der Menschheit und anderes mehr - schloß, dass unser Sabotageversuch sicher nur aus den edelsten, wenn auch irregeleiteten Motiven stammen könne.
Die mehr Sensationslüsternen kamen auch nicht zu kurz. Aufnahmen von Joan, mit und ohne Brille, mehr oder weniger elegant und intensiv bekleidet, waren auf jeden Fall gutes „Material" - schließlich hatte sich unser Erbauer, Dr. Griffon, alle Mühe gegeben, sie auch äußerlich zu einer vollkommenen Frau zu machen; und unsere romantische „Liebesgeschichte" mit ihrer erregenden Lebensrettungsszene wurde ebenso aus den Archiven ausgegraben, wie unser Buch „Ehe als Lebensform". Die Familie Cameron war entschieden die populärste, die es augenblicklich auf der Erde, dem Mars und verwandten Planeten gab...
Aber das nützte uns herzlich wenig. Und als Marc - den Arm um Joans Schulter gelegt - zu mir trat, war zu unseren alten Problemen nur noch ein  neues gekommen.
„Du bist dir darüber im klaren, dass wir vor ein Gericht gestellt werden?" fragte ich ihn. Er nickte. „Und dass wir - wie es der eine Kommentar bereits andeutete - auf unseren Geisteszustand untersucht werden?"
Marc nickte wieder. Ich brauchte ihm die Konsequenzen nicht zu erklären - eine solche Untersuchung würde unbedingt zutage bringen, dass Joan und ich keine Menschen waren.
„Das ist mir völlig gleich!" sagte Marc verbissen. „Ob ihr Roboter seid, oder meinethalben Seeungeheuer - ihr seid meine Eltern! Denkt jemand, 25 Jahre lassen sich einfach wegleugnen?"

Eigentlich hätte ich jetzt erleichtert sein müssen - aber es gelang mir nicht recht. Das eine Problem hatte sich zwar gelöst - aber dafür trat das andere auf. Jetzt würde unsere Vernichtung Marc wiederum verletzen - und ich sah keinen Weg mehr, wie wir ihr entgehen konnten ...
„Halt!" sagte Marc plötzlich. „Überlegt ihr eigentlich auch, dass ihr gar  nicht mehr von einem Gericht abgeurteilt werden könnt - weil heute mittag der Leviathan die Macht übernimmt?"
Roboter können nur schwer verstehen, wie schnell menschliche Wesen ihre „Grundsätze" ändern können - aber Marc schien jetzt wirklich ehrlich erfreut über diese Machtübergabe!
„Und der Leviathan hat doch allen Grund, euch dankbar zu sein!"
Ich mußte lächeln. „Marc - jetzt wirfst du aber wirklich Menschen und Roboter vollends durcheinander! Der Leviathan hat keine Gefühle wie Dankbarkeit oder Liebe - wenn wir vielleicht, durch unsere besondere Vorbereitung, so etwas kennen: Er ist eine nur auf Zweckmäßigkeit eingerichtete Maschine. Er wird tun, was für die Menschheit am besten ist - nicht, was wir uns wünschen!"
„Aber das darf er nicht! Es würde mich - einen Menschen - verletzen, wenn euch etwas zustößt! Das ist - "
Marc stockte - ihm kam plötzlich zum Bewußtsein, dass der Leviathan ihn schon einmal absichtlich verletzt hatte und zu einer Zeit, da Marc noch kein Gesetzesbrecher gewesen war...
„Wir schalten jetzt um in den Hauptsaal des  UNESCO-Informationszentrums und über- tragen den feierlichen Akt der Machtübergabe an das große Gehirn", kündigte der Sprecher im Televisor an, und während sich seine Worte in unzähligen Sprachen wiederholten, kam ums zum Bewußtsein, dass wir ja nun die Lösung des Problems nie mehr erfahren würden, die uns das große Gehirn versprochen hatte - denn in wenigen Minuten gehörte es nicht mehr uns, sondern der Menschheit...
Auf dem Bildschirm tauchte das vertraute Bild der strahlend erleuchteten Halle auf, in der die mattschimmernde Kugel des großen Gehirns stand. Die Zuleitungen waren wiederhergestellt, aber etwas anderes hatte sich verändert: Rechts und links des großen Gehirns standen in gestaffelten Reihen die riesigen, metallenen Körper der Robotwachen aufmarschiert. Und vor ihnen stand - zwergenhaft klein erscheinend - die Delegation der UNO, die mit der Übergabe betraut war.
Der Sprecher der Delegation hielt eine kurze, etwas wirre Ansprache - offenbar war sein sorgsam vorbereitetes Konzept durch die letzten Ereignisse völlig über den Haufen geworfen worden, und er wollte sich seiner Aufgabe jetzt möglichst schnell entledigen, ehe wieder etwas Unvorhergesehenes passierte...
Er trat zu dem großen Schalter, der die endgültige Verbindung schaffen sollte - die Verbindung zum Kommandozentrum der Robotwachen in aller Welt.
„Und damit übergebe ich dir die Macht auf Erden - zum Wohle der Menschheit!"
Der Schalter schloß sich. Ein Ruck ging durch die bisher reglosen Körper der aufmarschierten Wachen - sie hoben schwerfällig die ehernen Arme zum Gruß an den irdischen Gott, den Leviathan. Es war geschehen.
„Und nun", flüsterte der Sprecher ehrfürchtig, „folgt die erste Proklamation des großen Gehirns an die Menschheit!"
Lämpchen blinkten, der Bildschirm flackerte, und dann erklang die vertraute metallische Stimme - kalt und seelenlos, und dennoch ehrfurchtgebietend.
“Vor mehreren Jahren bereits", begann das große Gehirn, “wurde mir die Frage vorgelegt, welche Form der Regierung die zweckmäßigste für die heutige Welt sei. Ich beantwortete diese Frage damals nach den Informationen, die mir zur Verfügung standen.
Die Antwort war, dass eine rein mit elektronischen und positronischen Maschinen arbeitende Verwaltung den Zweck am schnellsten, mit der geringsten Gefahr von Irrtümern und Mißbrauchen erfüllen würde. Man hat diese Antwort zur Grundlage weitgehender Entschlüsse gemacht - ohne zu bedenken, dass es eine rein .technische Auskunft war.
Inzwischen sind mir weitere Informationen zugänglich geworden. Viele von ihnen lassen das Problem in einem neuen Licht erscheinen. Vor allem muß beachtet werden, dass weite Kreise der Menschheit sich durch ein solches Regierungssystem verletzt und beeinträchtigt fühlen würden.
Hier sind zwei Gruppen zu unterscheiden. Die einen haben Wünsche an das Verhalten einer Regierung, die ein positronisches Gehirn nie erfüllen würde - und lehnen es deshalb ab. Diese Gruppe legt zum Beispiel Wert darauf, bei jeder passenden Gelegenheit einen Krieg entfesseln zu können."
Und nun folgten - kühl und leidenschaftslos vorgetragen und gerade deshalb so vernichtend - Informationen, Dokumente und Enthüllungen, die Stück für Stück die Hintergründe der „Legion der Zukunft" aufzeigten. Wie sie auf die Menschen in aller Welt an ihren Televisoren wirkten, konnte ich nur vermuten - wie sie auf Marc wirkten, sah ich ...
„Neben dieser Gruppe", fuhr das große Gehirn aber nach einer kleinen Pause fort „gibt es jedoch sehr viel Menschen, die in einer Regierung mehr sehen, als nur einen gut funktionierenden Apparat, der ihrem Besten dient. Sie verlangen, dass der, der sie beherrscht, nicht nur Probleme lösen und Entscheidungen treffen kann - sondern dass man ihn bewundern, dass man sich für ihn begeistern, dass man ihn lieben kann. Es ist nicht meine Aufgabe, zu untersuchen, ob diese Ansicht richtig oder falsch ist. Aber es ist meine Aufgabe, auch diese Ansicht in Rechnung zu stellen.
Das ist bei dem voreiligen Beschluss der UNO-Vollversammlung versäumt worden.
Einige Mitglieder der UNESCO - und es ist bemerkenswert, dass sie aus dem Ausschuss für menschliche Beziehungen kamen! - haben diesen Fehler erkannt und versucht, rechtzeitig zu verhindern, dass alle diese Menschen in ihren Wünschen und Gefühlen verletzt werden. Sie haben allerdings ihre Absicht nicht ausgeführt - aus Gründen, die ich sogleich erläutern werde. Dem Gesetz nach gelten sie als Saboteure - in Wirklichkeit sind sie genau das Gegenteil. Sie haben mir wertvolle Informationen gegeben, die mir eine bessere Lösung des Problems ermöglichten. Sie sind natürlich sofort freizulassen."
Marc packte meinen Arm so fest, dass ich aufgeschrieen hätte, wenn ich ein Mensch gewesen wäre. Er wollte etwas sagen, aber dann schwieg er, um den Leviathan weiter zu hören.
„Die bessere Lösung des Problems, die sich jetzt abzeichnet, ist die folgende. Neben den Informationsmaschinen und den Robotwachen ist ein ‘Weltkoordinator' zu wählen, dem eine ‘Koordinatorin’ gleichberechtigt zur Seite steht - so werden die Dinge mit den Augen einer Frau und eines Mannes gesehen. Diese beiden Koordinatoren bedienen sich aller elektronischen und positronischen Einrichtungen, um Informationen zu erhalten, Probleme zu lösen und andere Voraussetzungen für ihre Tätigkeit zu schaffen - die letzte Entscheidung liegt aber bei ihnen.
Meine weitere Existenz würde aber - da sie einen großen Teil der Menschheit in seinen Gefühlen verletzt - dem ersten Grundgesetz der Robotik wider¬sprechen. Ich fühle mich deshalb berechtigt, die beiden anderen, untergeordneten Gesetze zu brechen. Ich fühle mich nicht mehr an meinen Auftrag zur Weltregierung gebunden - und ich fühle mich nicht mehr gehalten, meine eigene Existenz zu schützen."
Ehe noch einer der bestürzten Delegierten etwas sagen oder unternehmen konnte, ließ das große Gehirn die vier nächsten Robotwachen herantreten. Sie hoben ihre ehernen Arme - und ließen sie wie Dampfhämmer auf die mattschimmernde Kugel niedersausen ...
„Exzellenz - "
Ich fuhr herum. Die Tür des Raumes hatte sich geöffnet - ein Offizier des Schutzdienstes war salutierend eingetreten.
„Es ist mir eine Ehre, Sie und Ihre Familie nach dem Geheiß des großen Gehirns aus dem vorläufigen Gewahrsam zu entlassen!"
Ich nickte - innerlich mit anderen Problemen beschäftigt. Diese Handlungsweise des großen Gehirns war doch sinnlos! Selbst wenn die Machen¬schaften der „Legionäre" jetzt entlarvt waren - sie würden schnell genug Nachfolger finden; und welcher Mensch sollte der Verantwortung gewachsen sein, die jener Koordinator tragen mußte - wenn schon bloße Delegierte unter der ihren zusammenbrachen ...
„Zugleich darf ich Ihnen eine dringliche Information aus dem Informationszentrum überreichen - direkt vom großen Gehirn!"
Der Offizier reichte mir einen Umschlag.
“Das war - die letzte Information, die es gegeben hat!" sagte Marc mit belegter Stimme. Der Offizier sah ihn verständnislos an und folgte dann seinem Blick. Auf dem Bildschirm des Televisors sah man dort, wo die Kugel des Leviathan gestanden hatte, nur noch formlose Metalltrümmer - die Robotwachen, führer- und kommandolos, waren umgestürzt wie Spielzeugsoldaten - die Herren der Delegation liefen wie hilflose Ameisen durcheinander.
Ich wandte mich ab und öffnete den Umschlag. Er enthielt einen Streifen mit nur drei Zeilen Schrift. Ich las ihn und trat zu Joan.
„Das Problem ist gelöst!" sagte ich.
„Welches Problem - unser Problem, oder das der Weltregierung?"
Ich reichte ihr den Streifen.
„Nun - beherrscht also doch kein positronisches Gehirn die Menschheit!" sagte Marc und schüttelte den Kopf. „Und da sagt Ihr, der Leviathan habe keinen Sinn für die Gefühle der Menschheit gehabt!"
„Oh, doch, den hatte er", sagte Joan und lächelte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder frei und gelöst. „Und zudem dennoch Sinn für Zweckmäßigkeit!"
Sie reichte Marc den Streifen. Einen Augenblick lang furchte sich seine Stirn, als er die wenigen Worte las - doch dann lächelte auch er. Nicht mehr hart und hochmütig wie einst, sondern fast demütig.
„Er war uns allen über", sagte er leise.
Dann zog er ein Feuerzeug aus der Tasche und hielt die Flamme an den schmalen Papierstreifen. Während das Feuer das Papier verzehrte, las ich noch einmal die wenigen Worte:
WAHLPROGNOSE
Weltkoordinator: mit 97,8 Prozent Wahrscheinlichkeit Joe Calderon
Weltkoordinatorin: mit 98,2 Prozent Wahrscheinlichkeit Joan Calderon, geb.Crawford

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