Hekates Bühne

Kein Transvestit, der trotzdem lacht?

(1976)

Anm Jula: wie sich aus einer Mail an eine Freundin von Hekate ergibt, war dieser Text als „Nachwort als Vorwort“ für einen Roman über einen Transvestiten konzipiert, den sie begonnen, der aber nach sieben Kapiteln Fragment geblieben ist. Als Bezug kommt mE nur das sehr umfangreiche Fragment „Sylvie“ in Betracht.

Anmerkungen Hekate:
Dies temperamentvolle Plädoyer für mehr Humor in Sachen Transvestitismus entstand schon vor fast drei Jahrzehnten. Doch es nur als historisches Dokument dafür zu lesen, wie vieles doch seit-dem besser geworden sei, hieße verkennen, wie aktuell sein Anliegen im Kern nach wie vor ist: denn auch heute haben Transvestiten  keineswegs weniger Probleme - sondern bloß andere; mit ihnen fertig zu werden, dabei mag aber nach wie vor jener herzhafte Humor helfen, der trotzdem lacht...  


In Hitchcocks "Psycho" ermordet ein netter junger Mann in einem einsamen Motel junge Mädchen, bewahrt den mumifizierten Leichnam seiner Mutter zärtlich auf und zieht gelegentlich gar ihre alten Kleider über: "Er war Transvestit!" konstatiert der Psychiater am Schluß unheilschwer.
In Fellinis "Dolce Vita" gilt es, Dekadenz und Morbidität des römischen Jet-Set populär zu charakterisieren: wie ? Indem man auf einer Party Transvestiten tanzen läßt.
In einem Doris-Day-Film, dessen Titel ich mir nicht gemerkt habe, entpuppt sich der Chefchemiker eines Kosmetik-Konzerns nicht nur als eitler Nichtskönner, Rauschgiftschmuggler und Mörder -sondern, zur Abrundung, natürlich auch noch als Transvestit: "Ich weiß, warum Sie sich stets in Gesellschaft hübscher Mädchen fotografieren lassen - um zu verbergen, daß Sie selbst gern Frauenkleider tragen!" schleudert ihm die blonde Doris ins schlecht  geschminkte Gesicht.
In Viscontis "Die Verdammten" muß der Sproß einer deutschen Schwerindustriellenfamilie dar Nazizeit als abwegiger Charakter eingeführt werden: wie ? Indem man ihn als Marlene Dietrich verkleidet auftreten läßt.

Die vier wahllos herausgegriffenen Beispiele mögen hinreichen: wo immer es makaber, dekadent oder sonstwie abscheulich werden soll, wo man dem biederen Publikum rasch noch einen zusätzlichen Schauer Ekel verpassen will, gibt's ein bewährtes Mittel - 'nen Transvestiten. Er scheint zum Repertoire der Regisseure mit der gleichen Stereotypie zu gehören, wie die knarrende Tür im Horrorfilm, die Verfolgungsjagd zum Krimischluß oder der Schnurbartschurke zum Western.
Daß diese Kino-Transvestiten darüber hinaus regelmäßig so ausschauen, als seien sie bereits seit drei Tagen als Wasserleichen im Kanal gelegen, ist eigentlich nur konsequent.

Aber wie kommen eigentlich gerade die Transvestiten zu der zweifelhaften Ehre, im Hirn unserer großen Regisseure (und demnach auch bald ihres Publikums) die Rolle des Universal-Buhmanns zu spielen - widernatürlich-morbide-degoutant-fragwürdig-fremd - statt wie einst Charleys Tante unter herzlichem Gelächter über die Bühne zu stöckeln ?
Gewiß nicht zuletzt, weil sich in diesen Hirnen unter dem aufgeklärt-wissend gemurmelten Schlagwort "Transvestit" in Wirklichkeit ein höchst konfuses Sammelsurium gespeichert hat: vom Transsexuellen, der sich eine Geschlechtsumwandlungsoperation wünscht, weil er eine Frau sein möchte, bis zur homosexuellen Drag-Queen, der/die zwar in Frauenkleidern geht, aber um Himmelswillen k e i-n e Frau werden möchte, vom japanischen No-Theater-Darsteller bis zum Masochisten, der seine "Schklavenrolle" noch durch ein Dienstmädchenkostüm betonen will, den Glamour-"Girls" Pariser"Transvestiten-Cabarets" bis zum ältlichen Fetischisten, der Damenhöschen sammelt und gelegentlich auch anzieht - am wenigsten übrigens eine Ahnung vom gemeinen oder Wald-und-Wiesen-Transvestiten, der im Grund nichts weiter will, als hübsche Kleider anziehen und in ihnen möglichst hübsch aussehen (was ja an sich, wie jede wirkliche Dame bestätigen dürfte, gar kein so pervers-abnormer Wunsch ist).

Männer mit so verschiedenartigen Wünschen und Verhaltensweisen unter dem gemeinsamen Sammelbegriff "Transvestiten" abzuhandeln, ist etwa so geistreich und sachgerecht, wie über den "jüdischen Charakter" (Shylock ? Jakubowski? Einstein?) oder „das Weib“ zu diskutieren - zwei Ideen, die man heute zwar ohnehin entrüstet ablehnen würde: aber genau dieselben Leute, die hier so fortschrittlich und aufgeklärt denken, erwischt man ständig dabei, in Sachen "Transvestiten" die haarsträubendsten Denkklischees und pars-pro-toto-Stereotype zu produzieren — nur zwei Kostproben:
"Jedem schütten sie ihr Herz über ihre „zweite Natur“ aus und treten besonders gern an Polizei und Behörden heran, um dort über die Berechtigung Ihres Daseins zu verhandeln. Ihr Ziel ist dabei weniger die Erlaubnis, Frauenkleider zu tragen, als vielmehr, die Bedeutung ihrer Persönlichkeit in den Vordergrund zu rücken. Haben sie die Genehmigung zum Tragen von Frauenkleidung erhalten, zeigen sie sie jedermann, versuchen auch einen weiblichen Vornamen zu bekommen und beim Standesamt die Abänderung ihrer Geschlechtbezeichnung zu erreichen." usw.
plaudert Ernest Bornemann, der sonst durchaus wohlorientierte und um Objektivität bemühte Verfasser des "Lexikons der Liebe", über "die männlichen Transvestiten" — offenbar ohne auf die naheliegende Idee zu kommen, daß er vielleicht von anderen männlichen Transvestiten, die nicht "jedermann ihr Herz ausschütten", eben deshalb gar nichts gehört haben könnte: oder das "Moderne Lexikon der Erotik" dekretiert, diesmals spaßhalber über die Transsexuellen, kurzweg:
"Man sollte die Transsexuellen als Nervenkranke behandeln, anstatt sie (( durch Operationen )) auf irreparable Weise zu verstümmeln"
~ obwohl in der Literatur leicht festzustellen ist, daß es eben leider keine "Behandlung" für solche "Nervenkranke" gibt, die den Prozentsatz von Erfolgen aufweisen könnte, wie die sog. "Geschlechtsumwandlung", die wenigstens den innigsten Wunsch des Patienten erfüllt (auch als Frau Geborene haben ja, wie jeder Arzt bestätigen wird, noch sexuelle Probleme genug).

Danach will es denn doch verdächtig so scheinen, als hätten wir hier mal wieder eine jener berüchtigten "Sündenbock-Gruppen" vor uns, auf die man so bequem — wie auf "die Juden" oder "die Weiber" - alle möglichen Vorurteile, Ängste und eigenen Unsicherheiten projizieren kann: was freilich in der Tat ein Symbol dafür ist, wie kariert und keineswegs gesund es auch in den Köpfen derer aussieht, die sich - zwecks scharfsichtiger Gesellschaftskritik oder auch bloß neuer Gruseleffekte - nun einmal zur Abwechslung die "Transvestiten" herausgesucht haben.

Daß es nämlich auch anders geht - und diese Demonstration zeigt erst, wie weit wir noch von der vielbesungenen "Toleranz" in solchen Dingen entfernt sind - zeigt der bemerkenswerte Fall, den Darell G. Raynor aus den USA berichtet: dort ist es nämlich einem "Transvestiten“ - oder sollte man eher sagen: der kleinen Stadt, in der er lebt? - gelungen, sein Tragen von Frauenkleidern schlicht und einfach als vielleicht etwas ungewöhnliches "Hobby" zu akzeptieren} so daß eben der dreißigjährige Ex-Marine-Sergeant - jetzt selbständiger Unternehmer und Stadtverordneter - mit schönster Selbstverständlichkeit ganz nach Wahl "in eigener Person" oder aber als die atemberaubend schicke Blondine "Annette", stets aber mit seiner charmanten Frau am Arm, auf Gesellschaften oder Festlichkeiten erscheinen kann (wobei die meisten Gastgeber die dekorative Annette bevorzugen, die trotz "ihrer" 1,85 Meter jeder Party zur Zierde gereicht). Alle empfinden das - zumal er aus seinem wahren Geschlecht nie ein Hehl macht - als einen großartigen Spaß.

Und damit wären wir beim eigentlichen Thema: vor lauter düsterer Symbolik, Verwechselei mit einem halben Dutzend weniger appetitlicher "Perversionen" und halbkapierter "Sexualpsychologie" ist ein Aspekt der ganzen Verkleiderei in Gefahr, völlig unterzugehen - nämlich der des Spaßes oder, noch kühner gesagt, des H u m o r s, der gerade in dieser sogenannten Perversion - ganz im Gegensatz zum tierisch ernsten Sado/Masochismus, zum pedantischen Fetisch-Sammeln oder der pathetischen Homoerotik - liegt.
Und damit meine ich nicht nur die Plumps-Pardauz-Komik, wenn Charleys Tante die Perücke verliert: sondern - wo sonst offenbart sich so kraß und wahrhaft lächerlich die Künstlichkeit des ganzen komplizierten System von Geschlechts-Rollen, "erlaubten" und "unerlaubten" Verhaltensweisen für Mann und Frau, Bub und Mädel, als wenn jemand versucht, diese angeblich "naturgegebenen" Schranken plötzlich zu durchbrechen - vielleicht gar mit wenigstens optischem Erfolg ? Und wo geriete man eher in Versuchung, in befreiendes Gelächter auszubrechen, als wenn sich alle Beteiligten hoffnungslos im Netz dieser höchst willkürlichen Regeln und Spielregeln, "Normen und Formen" verfitzt haben - nur weil einer aus der Reihe tanzte ?
Beim Mädchen, das sich als Jüngling verkleidet, hat man all diese Komödien-Effekte seit altersher ohne Hemmungen und voller Sympathie ausspielen dürfen: zumal ja auch am Schluß stets die - einer Männergesellschaft natürlich allweil sympathische - Überraschung stand, hinterm Hosenlatz des hübschen Jünglings weit weniger als vermutet zu entdecken! Aber stünde es nicht gerade dem Zeitalter der Gleichberechtigung an, den Jüngling in Mädchenkleidern genauso zu akzeptieren? Und warum nicht auch den "gestandenen" Mann, der sich in eine schicke Enddreißigerin verwandeln möchte?

Lassen wir ruhig einmal alle möglichen Partner-Komplikationen beiseite; schon für sich allein findet sich der prospektive Transvestit auf Schritt und Tritt in Situationen, die zutiefst humorig sind:
  • wenn er etwas so Harmlos-Alltägliches wie Frauenkleider - weil er ja doch ein "Mann" ist! - mit allen Listen und Schlichen, Ängsten und Problemen zu ergattern trachten muß wie Konterbande, und am Schluß oft genug erlebt, daß sie ihm - weil er sie vorher nicht anprobieren konnte - Nummern zu weit oder zu eng sind;
  • wenn er beim Anziehen mit den Mysterien weiblicher Kleidungshäkchen und -ösen, Druckknöpfe und Reißverschlüsse kämpfen muß, ohne je jemand um Rat fragen zu können;
  • wenn er Rundungen und Polsterungen benötigt, die zwar mancher Frau genauso fehlen wie ihm - die er aber auf oft seltsamste Art improvisieren muß;
  • wenn er sich am make-up versucht und erlebt, daß von der Kosmetik zur Komik, von der Dame zum Clown ein viel kleinerer Schritt führt, als uns im Bann der Konvention bewußt wird;
  • wenn er sich mit dem ewigen Problem des Transvestiten - der Damenperücke und ihren Tücken von Beschaffung bis Benutzung -herumschlägt;
  • oder wenn er gar - verständlicherweise - wissen möchte, was eigentlich mit ihm los ist: und von den hochgelahrten Autoren todernst versichert bekommt, daß er eigentlich Hermaphrodit, unbewußter Homoerotiker, Masochist, Exhibitionist, Narzist und Fetischist - Transvestit aber gewissermaßen nur aus Versehen sei!

Nun mag man einwenden, all das sei im Grunde doch aber keineswegs komisch — sondern genau genommen eher sogar tragisch: ja, letztlich spiegele es, in den ganzen oft grotesken Einzelheiten, doch die ganze existenzielle Tragik des Menschen wieder, der sein Ideal nicht erreichen kann ...
Worauf zu erwidern wäre, daß "Humor" vielleicht ja gerade die Fähigkeit ist, genau darüber zu lachen.
Selbst zu lachen, versteht sich. Und gerade dazu bietet sich, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann, dem Amateur-Transvestiten oft leichter Gelegenheit bei Laufmaschen oder unanklebbaren Wimpern als mancher anderen tragischen (oder zu existenzieller Tragik hochstilisierten) Figur.
Freilich hat man als Transvestit oft nichts zu lachen. Gerade deshalb habe ich es immer als Mangel empfunden, daß auch in den Büchern über dieses Thema so wenig von Humor zu spüren ist - nicht bloß in den wissenschaftlichen (oder sich wissenschaftlich gebärdenden) Werken, sondern auch in den sowieso herzlich knappen erzählenden: zum überwiegenden Teil sind sie sowieso von Autoren fabriziert, die ganz offensichtlich keine Ahnung haben - sicherstes Indiz: daß ihnen die oben erwähnten Alltagsprobleme des Transvestiten nie in den Sinn kommen! - und nur, im Zuge allgemeiner Pornographie, auch mal dieses Thema "drannehmen"; und der Rest erstickt meist in Selbstmitleid oder - gewiß verständlicher - persönlicher Problematik.
Aber genau wie Verbrechen - oder auch nur normale Erotik -sicher eine bitterernste Sache ist: ohne daß das ausschließt, entzückende Kriminalkomödien oder Liebeskomödien zu schreiben! - so bietet auch die wahrscheinlich bitterernste Problematik des Transvestitismus zugleich Ansätze für echte Komödie.

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