Eine Hommage an eine Frau mit vielen Namen

Kategorie: Geschichten (Seite 2 von 2)

Astarte kam nach Bannerstadt

Autobiografische Vorbemerkungen von Hekate

Ich bin wohl nicht zu Unrecht besonders stolz, bei meinen unermüdlichen Nachforschungen hier ein längeres Fragment entdeckt zu haben, das – im Gegensatz zu den zahlreichen “nach-bremischen” Abreaktions- und Sublimierungs-Fragmenten – eindeutig bereit v o r der Bremen-Periode konzipiert und geschrieben wurde: d.h. durchaus v o r der vollen Anima-Entfaltung des “Mädchens, das mächtig ist” (Hexagramm 44).

Interessant daran ist nicht nur die Auseinandersetzung mit dem “Bannerstadter Jungen-Ideal” (vergl. den Text “1940 – Anima regt sich”), sondern auch das diesem bereits voll entgegengestellte “mythische Konzept”:

Da kommt – drunter tut er’s nicht! – dem Erzähler gleich Göttin Astarte (Ischtar etc.) persönlich zu Hilfe: und sogar in der klassischen Trias von alter Vettel (Marthe), reifer Frau (Varell) und jungfräulicher Maid (;-)?) (Lynette)!

Ich gebe hier zunächst nur das (vollständig ausgeführte) I. Kapitel – es gibt mindestens noch zwei (z.T. bruchstückhafte) weitere Kapitel und, wie meine Nachfragen beim Autor ergaben, eine durchaus aufregende Konzeption für die weitere Entwicklung der Handlung; aber, wie bei unerwartet entdecktem altem Wein, schenke ich dies nur in kleinen Schlucken aus!
(Margot Trugmaid, Diplomandin)

Das Fragment

„Wenn ein Mensch dem allgemein als verbindlich geltenden ganzen Bilde der Männlichkeit … nicht entsprechen könnte oder nicht entsprechen wollte, so bestünde die Möglichkeit, daß er dies äußerlich dokumentierte. Damit brauchte nicht gesagt zu sein, daß ihm dies bewußt sein müßte …]“

Bürger-Prinz und Giese, „Zur Phänomenologie des Transvestitismus bei Männern“

Als der Zug mit Tante Ottilie die Bahnhofshalle verlassen hatte, sah ich ihm noch einen Augenblick befriedigt nach – wie er über die Weichen ratterte und allmählich hinter Signalbrücken und Stellwerkshäuschen verschwand.

Ich war vorbildlich gewesen – flink, zuvorkommend, besorgt, und ich hatte es mir nicht nehmen lassen, ihre Koffer alle trotz ihres „Laß doch, Junge, die sind doch zu schwer“ eigenhändig im Gepäcknetz zu verstauen.

„Recht so, mein Junge!“ hatte der alte Herr mit dem Ordensbändchen auf dem Fensterplatz gegenüber geknarrt – ich hatte ihn, wie er es erwartete, mit der Miene des echten Bannerstadter Jungen, offen, treuherzig, doch fast ein wenig verlegen, für so Selbstverständliches belobt zu werden, angeblickt – und innerlich gehaßt .

Denn es war natürlich Unsinn, wenn ich mit meinem schmächtigen Körper, meinen wenig muskulösen Armen diese Ungetüme hochwuchtete, während zwei andere, ältere und kräftigere Männer im Abteil waren, die das ebensogut hätten tun können – die sich sogar aller Wahrscheinlichkeit nach danach gedrängt hätten, wäre Tante Ottilie nur eine junge und schöne Dame gewesen und nicht eine korpulente, ältliche Frau; wenn der alte Herr überhaupt etwas sagen wollte, hätte er eher diese beiden Helden anfahren sollen – statt mit seinem blödsinnigen Lob noch ihre offenbar feste Überzeugung zu bestärken, sie hätten wie Preisrichter bei einem Sportfest nur meine Bemühungen zu bewerten, ohne sich selbst zu rühren.

Aber es war ein Teil dieser ganzen Weltordnung, daß junge Sportstypen für junge Damen sprangen, nicht aber für alte Tanten; daß alte Herren mit Ordensbändchen das völlig in Ordnung fanden; und daß Bannerstadter Jungen mit zusammengebissenen Zähnen Dinge taten, die zu schwer für sie waren, und das für selbstverständlich hielten. Wahrscheinlich war es ein Erfolg, daß ich mich in dieser Situation genau wie ein echter Bannerstadter Junge benommen hatte – und daß niemand, noch nicht einmal Tante Ottilie, aufgefallen war, daß ich all das nur spielte, daß ich mich nur krampfhaft bemühte, diesem vorgeschriebenen Leitbild zu entsprechen. Vor ein paar Jahren hatte ich das noch keineswegs so gut gekonnt. Aber je öfter man aneckt, desto schneller lernt man die Ecken zu vermeiden – und wie das Ideal eines echten Bannerstadter Jungen aussah, war ja bekannt, das wurde ja oft genug gepredigt, vorgeführt, in Filmen gezeigt, man konnte ja sehr leicht begreifen, wie sich der echte Bannerstadter Junge zu benehmen hatte – und man konnte das auch zu einem immer wachsenden Grad nachahmen. Offenbar war ich schon weiter damit gekommen, als ich selbst gehofft hatte.

Nur hätte ich mich dann eigentlich auch so munter, so gerade, so völlig mit mir und der Welt zufrieden fühlen sollen, wie es der echte Bannerstadter Junge zu sein hatte…

Aber – ich lächelte und schob die Hände in die Taschen meiner kurzen Hose, während ich mich der Treppe zum Ausgang zuwandte – genau genommen fühlte ich mich ja auch sehr wohl und zufrieden. Zwar nicht wegen des Koffers und des alten Herrn – aber weil ich jetzt drei Tage vor mir hatte, in denen ich völlig mein eigener Herr sein würde.

Es war nicht leicht gewesen, Tante Ottilie klarzumachen, daß ich erst in drei Tagen nachkommen würde – in diese Schweizer Ferien, denen ich nicht den rechten Geschmack abzugewinnen wußte. Nicht, daß ich keine plausiblen Gründe gehabt hätte: da war also noch der Installateur, der die Heizung nachsehen sollte – und den man nicht so gern allein in der Wohnung herumspazieren ließ, selbst wenn eine Nachbarin dabei war; so etwas sah Tante Ottilie immer ein, für die Handwerker stets eine unbegreifliche Rasse schwitzender, rauchender und Schnaps trinkender Urwesen waren, von denen man alles mögliche gewärtig sein mußte. Dazu kam dieser Brief, den sie Vater mitbringen sollte und der noch immer nicht eingetroffen war – vielleicht kam er in diesen drei Tagen noch. Und schließlich noch das Sportfest. Ich hatte zwar nicht die Absicht, es wirklich zu besuchen – schließlich hatte ich mich glücklich, mit Hinweis auf meine Reise, davon drücken können; aber einem echten Bannerstadter Jungen konnte man es doch nachfühlen, daß er gern die drei Tage opferte, um an so etwas hoch teilnehmen zu können? (Ich wußte schon, wie man das alles regeln konnte: entweder kam der Installateur ohnehin. gerade an diesem Tag – und falls er vorher kam, konnte man ihn zweifellos nocheinmal zu diesem Zeitpunkt bestellen, so daß man schweren Herzens das Sportfest dann doch versäumen mußte…)

Aber die Hauptschwierigkeit war es ja gewesen, daß Tante Ottilie mich „armen Jungen“ nicht die drei Tage allein lassen wollte. Wo die Ideologie des Bannerstadter Jungen stets das Unmögliche forderte, da hielt Tante Ottilies Ideologie des „armen Jungen“ das durchaus Mögliche für unmöglich: Wer sollte mein Bett machen? Wer mein Essen? Wer meinen Koffer packen? Doch dagegen half nun Bannerstadts so laut proklamiertes Ideal: Natürlich konnte ein Junge sein „Bett bauen“. Natürlich konnte er sich „Stullen schmieren“ . Natürlich Gepäck zusammenrichten. Vater – hier erwies er sich als nützlich – würde sie auslachen, wenn sie ihm diese Zweifel schildern wollte.

Vater war für Tante Ottilie ein endgültiges Argument. Zumal es auch um Vaters Brief ging. Vater hatte zwar – wie sich das für einen Generalstäbler gehört – einen exakten Reiseplan mit Daten und Ordres hinterlassen, der die gemeinsame Abreise heute vorschrieb; aber Vater hatte auch Mitbringen des Briefes angeordnet, und man konnte leicht erklären, daß für Vater der Brief wichtiger war als ich. Zumal das im Grunde wirklich meine Überzeugung war.

Dann hatte es nur noch einer Reorganisation bedurft, die Tante Ottilie fast so beeindruckte wie Vaters ursprüngliche Organisation: Karten besorgen. Züge festlegen. Packen. Je mehr ich die Leitung ihrer Abreise übernahm, desto eher überzeugte sie sich innerlich, daß ich auch die drei Tage allein fertigwerden würde; und wenn das Hieven der Koffer die endgültige Garantie dafür gewesen war, daß Tante verschwand und mir das Feld überließ, hatte es sich gelohnt.

Drei volle Tage – ganz für mich allein. Allein in der Wohnung, allein mit meinen Büchern, allein mit den Schränken, allein mit dem Spiegel, Das war den Aufwand wert.

Ich ging durch die Sperre und sah mich in der Halle um. Ich sah die Menschen um mich her: Urlaubsreisende die meisten, schwitzende Familienväter mit Mutti und Kindern, junge Männer, sonnengebräunt in kurzärmligen Hemden, ein paar Soldaten, auch schwitzend, aber diszipliniert – sie waren früher sicher echte Bannerstadter Jungen gewesen – und dann die Frauen: junge Mädchen in bunten Sommerkleidern, strahlend und frisch, hausbackene Familienmütter mit kleinen und großen Kindern, junge Mütter mit greinenden Säuglingen in sperrigen Sportkarren und ab und zu elegante Damen, königinnenhaft und kühl trotz der Hitze durch das Gedränge schreitend, einen Hauch herben Parfüms hinter sich zurücklassend, als gebe es für sie etwas wie Schwitzen gar nicht.

Und sie alle sahen mich: einen etwas blassen, schmächtigen Jungen in kurzer Hose und blauen Polohemd – unter den Achseln ein wenig durchgeschwitzt (die schweren Koffer) – aber einen Jungen wie tausend andere, den sie sahen oder vielleicht auch gar nicht richtig sahen, weil sie mit ihren eigenen Problemen zu sehr beschäftigt waren: ob sie einen Sitzplatz bekommen würden, möglichst am Fenster – ob sie den Platz gegenüber der hübschen jungen Dame bekommen würden – den Platz gegenüber diesem prächtigen, muskulösen Sportler – ob Baby sich unterwegs auch nicht naßmachen würde – ob sie zuhause auch den Wasserhahn abgedreht hatten – an alles Mögliche dachten sie, aber nicht an mich, und wenn mich jemand wirklich sah und sich die Mühe machte, etwas über mich zu denken, dann würde er bestimmt nicht an das denken, was für mich so unaussprechlich wertvoll war:

Drei volle Tage – ganz für mich allein. Allein mit den Schränken, allein mit dem Spiegel.

Dort hinten, neben dem Ausgang, sammelte sich gerade eine Jungengruppe – offenbar für ihre „große Fahrt“: in ihren Einheits-Hemden und -Hosen, mit gewichsten Koppeln, die unförmigen Tornister mit Decken, Zeltbahnen und Kochgeschirren zu einem eindrucksvollen Haufen getürmt, den ein kleiner, nervöser Junge mit einer Drahtbrille voll finsterer Entschlossenheit bewachte – während sich seine Kameraden, irgendwie unsicher, ob jetzt Ferienfreude oder Bannersstadter Disziplin die Oberhand gewinnen sollten, teils zu Limonaden – und Schokoladenständen zerstreuten, teils wie halbdressierte junge Hundchen um ihren Anführer herumwimmelten, der eine zusammengerollte Fahne und – fast ebenso sichtbar – die Last der Verantwortung trug. Er war groß, blond und blauäugig und sah sehr sportsmännisch und ein wenig töricht aus – eine Kreuzung zwischen Jung-Siegfried aus der Sage und dem Dummen Riesen aus dem Märchen: offenbar ein echter Bannerstadter Jüngling.

Worin – fragte ich mich, als ich langsam und einen wohlbedachten Bogen um die Gruppe schlagend zum Ausgang schlenderte – worin bestand eigentlich das Vergnügen daran, in einem solchen Heerhaufen „auf Fahrt“ zu gehen, sich in überfüllte Abteile zu drängen, irgendwo auf einer gottverlassenen Station auszusteigen, schwitzend durch die Gegend zu marschieren und dann abends todmüde enge Zelte aufzuschlagen, in denen man unbequem und wie Heringe in einer Büchse geschichtet schlief, um morgens zu unchristlicher Zeit geweckt zu werden, sich mit eiskaltem Wasser zu waschen und anschließend – wahrscheinlich wieder zu marschieren, anzutreten, abzutreten, Zelte abzubauen und weiterzumarschieren? Es mußte ja wohl ein Vergnügen sein, sonst würden sie es nicht alle tun – aber anscheinend fehlte mir der Sinn dafür. Ich hätte entweder Spaß daran gehabt, in den Ferien auszuschlafen, zu faulenzen und zu lesen – oder, auch das wäre reizvoll gewesen, allein oder zu zweit irgendwo ein Zelt aufzuschlagen und in Wäldern und Wiesen herumzustreifen: aber wieso mit Gesang und Riesenaufwand aus einer Stadt, in der die Leute halbwegs bequem lebten, ins Freie zu ziehen, um dort eine Zeltstadt aufzubauen, die sich offensichtlich nur negativ von der Häuserstadt unterschied? In die Natur zu marschieren, um dort alles mögliche zu tun, was einen davon abhielt, diese Natur nun wirklich in Ruhe anzuschauen? Die Freiheit der Wälder zu suchen, um dort Bannerstadter Disziplin zu üben?

Irgendetwas stimmte daran nicht – ich wußte nur nicht, ob es meine Art war, die Sache anzusehen, oder die Sache selbst. Vielmehr: es mußte meine Art sein, die nicht stimmte – denn sonst wären doch all diese Jungen, die wahrscheinlich auch nicht nennenswert dümmer waren als ich, nicht so erpicht auf das Ganze gewesen?

Gleichviel – ich jedenfalls würde in den nächsten drei Tagen Abenteuer eigener Art erleben, Abenteuer, zu denen man nicht in Horden aufbrechen mußte oder auch nur konnte, und die zumindest genau so interessant und aufregend waren wie die Fahrt dieser Genossen. Und – ich zur Bahnhofsuhr hinauf – bis zum Mittag hatte ich vollauf Zeit, das erste dieser Abenteuer zu beginnen.

Die Sonne prallte hier draußen nieder – herrliches Wetter für die Ferien! – und ich beschloß, nicht mit der Straßenbahn zu fahren, sondern mein Ziel zu Fuß anzusteuern. Verschwitzt war ich sowieso schon, und der Weg würde mir Zeit lassen, alles noch einmal zu überlegen und mein Vorgehen genau vorzubereiten.
Spazierengehen – also nur ein Stück in die Gegend hineinzulaufen, damit man wieder umkehren und zurücklaufen konnte – war auch eines jener Dinge, deren Sinn ich im Grunde nicht verstand. Aber zu einem bestimmten Ziel zu gehen und dabei das Gehen, den Weg zu genießen, machte mir eigentlich immer Spaß. Man konnte dabei so schön in Ruhe nachdenken – oder auch aufhören, nachzudenken, und sich von irgendetwas am Wege ablenken lassen; man konnte an den Uhren am Weg sein Tempo kontrollieren – ich ging gern schnell, mit Schwung im Zickzack Passanten überholend – und Abkürzungen ausprobieren, oder man konnte auch, da man ja seine Zeit selbst einteilte, haltmachen und Umwege einlegen: und dennoch wußte man genau, daß man um Schluß am Ziel ankommen würde und daß ‚damit die Episode „Weg“ abgeschlossen war und eine neue begann.
In diesem speziellen Fall bekam die Sache noch ihren eigenen Reiz durch das, was ich am Ziel vorhatte. Es war zwar nicht gefährlich, aber doch ein wenig abenteuerlich; es würde zwar wahrscheinlich klappen, aber ganz sicher konnte ich nicht sein – und wenn es klappte, war es erstens einmal ein Erfolg guter Planung: und zweitens der Auftakt zu neuen, noch abenteuerlicheren Erlebnissen.

Der Gedanke daran jagte mir, trotz der Hitze, einen kleinen, angenehmen Schauer über den Rücken: das war wenigstens einmal eine Sache, eine Serie von Taten und kleinen Wagnissen, für die ich – und wohl ich als einer von wenigen – besser gerüstet war als andere; die mehr Überlegung und Einfallsreichtum verlangte, als beispielsweise von einer Mauer oder über ein blödes Hindernis zu springen, sich mit einem körperlich Überlegenen zu prügeln oder was für „Mutproben“ es sonst noch gab; eine Sache, bei der mein eher zarter Körper einmal kein Hindernis, sondern eine Hilfe, ja eigentlich eine notwendige Voraussetzung war; und nicht zuletzt eine Sache, die mir Spaß machte, bei der ich mich wohl fühlte – so, wie sich wahrscheinlich ein Meisterturner beim Turnen fühlte oder ein Held beim Kampf.

Mit dem Kopf, im Denken anderen überlegen zu sein – das war Erlebnis , das ich in den letzten Jahren immer öfter gehabt hatte. Es gab dabei sogar auch Möglichkeiten, kleine Heldentaten zu vollbringen: etwa einen Studienrat vor versammelter Klasse – ohne jede Frechheit, sogar mit der Miene des bravsten Schülers – durch wohlgezielte Fragen in ein Netz von Widersprüchen zu verwickeln, aus dem er nur mit recht angeschlagener Autorität wieder freikommen konnte. Aber eine legitime Tat war das eigentlich – nach Bannerstadter Maßstäben – nicht: einerseits kapierte die Hälfte der Klasse nicht, was eigentlich geschehen war – und andererseits fehlte wohl die Gefahr, das Risiko dabei, oder was sonst es immer war, das geistige Leistungen nicht ganz vollwertig erscheinen ließ. Natürlich: etwas erfinden oder entdecken wie ein großer Gelehrter oder Ingenieur – das hätte wohl auch bei den Kameraden gegolten; aber dazu brauchte man schließlich nicht nur die Schule, sondern ein Studium und, wie ich aus den Lebensgeschichten großer Forscher entnahm, dazu noch eine Menge Glück. Ein Genie war ich ja wohl auch nicht – dazu mußte ich viel zu lange und gründlich überlegen, bis mir etwas wirklich klar war – vielleicht wußte ich überhaupt nur deshalb so gut Bescheid, weil ich eben die meisten Dinge ein paarmal öfter durchdenken mußte. So jemand nannte man, wenn ich es recht verstand, einen „Streber“, und fand ihn – das verstand ich auch irgendwie – besonders verächtlich.

Mit dem Geist allein also war es nicht zu schaffen – der Körper mußte mit heran: man mußte etwas tun, was zu greifen, zu sehen war. Basteln zum Beispiel. Darin war ich in gewissem Sinne nicht ungeschickt: aus Papier oder Karton zum Beispiel konnte ich Dinge und Modelle zusammenkleben, die selbst die Lehrer für unmöglich gehalten hatten – eine Konstruktion von 10 Gramm Gewicht, die volle zwei Kilo aushielt! Und auch elektrische Schaltungen, die ich aufbaute, sahen zwar entsetzlich unordentlich aus – funk¬tionierten aber, was bei den saubereren Konstruktionen anderer nicht immer der Fall war. Doch dafür war ich im Laubsägen ein ziemlich hoffnungsloser Nichtskönner und fand es überdies noch langweilig; wenn ich etwas anstrich, dann patzte ich bestimmt -bevor die Farbe trocken war, einen Fingerabdruck auf die glatte Fläche oder verdarb den Effekt sonstwie: die Dinge, die bei mir klappten, waren anscheinend immer die, die niemand besonders schätzte, während die allgemein geschätzten mir nicht lagen. Wahrscheinlich verdankte ich Erfolge hauptsächlich der Tatsache, daß ich irgendetwas anpackte, womit sich die anderen eben nicht abgäbe – da war dann zwar leichter, aber ärmlicher Ruhm zu ernten.

Immerhin noch mehr als beim Turnen oder Sport. Da hatte ich in den ersten Jahren – vielleicht wegen meiner vielen Krankheiten -den Anschluß verpaßt: und heute klappte einfach nichts. Wo die anderen komplizierte Reck- oder Barren-Übungen machten, bekam ich nicht einmal den einfachsten Aufschwung zustande; als ich einmal tatsächlich den richtigen Kletterschluß herausbekam und das Seil bis oben hochkletterte, war ich selbst am verblüfftesten. Doch das blieb eine einmalige Ausnahme: normalerweise tappte ich, wie der frisch entdeckte Kaspar Hauser unter Altersgenossen er-folglos und lächerlich umher – in Turnhallen, deren bloßer Geruch, deren dreckiger Häckselboden und deren an mittelalterliche Foltergeräte gemahnende Barren und Böcke mir immer verhaßter wurden. Daß mich der Turnlehrer als eine Art Amateur-Clown für die Kameraden gebrauchte, hätte mich auch ihn hassen lassen – wenn ich nicht das ungute Gefühl gehabt hätte, daß er mich auch beim besten Willen zu nichts anderem brauchen konnte! Wahrscheinlich lag es auch hier daran, daß ich im Gegensatz zu den anderen der Idee, sich halbnackt auszuziehen und so an altersbraunen Geräten herumzuhangeln, nichts abgewinnen konnte; durch einen Wald zu rennen, allein auf einen Baum zu klettern hatte mir wahrscheinlich Spaß gemacht – aber unter Stopuhrkontrolle um eine Aschenbahn zu hetzen und dabei stets der Letzte zu sein, unter spöttischen Blicken an einer Kletterstange zu zappeln?

Das waren nun blödsinnige Gedanken für einen Ferientag! Ich sollte froh sein, daß Sport und Turnen für viele Wochen auf keinem Stundenplan standen – und. außerdem hatte ich ja jetzt etwas vor, wovon auch mein Turnlehrer und meine Kameraden nichts ahnten: etwas, was sie auch schwerlich fertiggebracht hätten!
Doch war noch nicht so sicher, ob ich es überhaupt fertigbrachte. Der Plan war zwar gut durchdacht, und auch Eventualitäten, soweit ich sie übersehen konnte, waren berücksichtigt – aber immerhin gab es blödsinnige Schranken, die zwar ein „Erwachsener“ nicht zu beachten brauchte, auf die viele Leute aber größten Wert legten, wenn sie es mit einem „Jungen“ zu tun hatten. Vielleicht hätte es sich gelohnt, für diesen Gang doch lange Hosen und ein nobleres Hemd anzulegen – aber nach reiflicher Überlegung hatte ich mich entschieden, dies im Stil des Bannerstadter Jungen und nicht in dem eines Halberwachsenen anzugehen: es war sicherer und unverdächtiger.

Der große Unsicherheitsfaktor war der Friseur. Man konnte sich leider Gottes ja noch nicht einmal darauf verlassen, daß das weithin gepriesenen Ideal des Bannerstadter Jungen nun wirklich allen Leuten gefiel – nein, da gab es gerade unter den Alteren eine ganze Reihe von Käuzen, denen „Jungen“ überhaupt mißfielen, oder sogar „echte“ Jungen besonders! Wenn der Friseur einer von diesen war, wurde es schwierig. Aber andererseits war er ein Geschäftsmann und eigentlich verpflichtet, Kunden zu bedienen, solange sie nur zahlten; warum also nicht mich?

So – da war der Laden. Die Schaufenster waren durch sonnenhemmende Folien extra noch einmal vor dem – schon von Markisen gedämpften – Sommerlicht geschützt; die braungelbe Folie ließ die Büsten der Wachsdamen mit ihren kunstvollen Frisuren noch unnatürlicher als sonst erscheinen. Sommer war vielleicht eine schlechte Jahreszeit für mein Unternehmen; die Karnevalszeit wäre besser gewesen. Aber ich froh, überhaupt so weit zu sein!

Schon in den letzten Tagen hatte ich – zwischen die Gänge zur Reisevorbereitung eingeschoben – wichtige Vorarbeiten erledigt. Ich hatte im Telefonbuch eine Handlung für Friseurbedarf ausfindig gemacht: ich hatte mich telefonisch nach falschen Haaren und Perücken erkundigt; und man hatte mir – nach einigem Nachdenken und Erklären – den Laden hier als „Theaterfriseur“ und Perücken-Spezialisten genannt. Die technischen. Voraussetzungen also waren gegeben – jetzt galt es, von ihnen zum Erfolg zu kommen.

Ein etwas verstimmter Dreiklang einer kuhglöckchenbehangenen Ladenklingel kündigte meinen Eintritt in den Laden an. Ich buchte erleichtert einen ersten Pluspunkt: hinter dem Tresen stand eine dickliche, freundliche Frau mit wasserstoffblonden Haaren – ein wenig der Typ Tante Ottilies; hier wußte ich, wie man vorzugehen hatte.

Ich grüßte höflich und zurückhaltend – polternde Jungenhaftigkeit wäre hier fehl am Platz gewesen – und begann:
„Entschuldigen Sie – können Sie mir wohl helfen?“ (Frauen dieses Typs „halfen“ gern) „Ich soll nämlich so Perücken und Bärte besorgen – für eine Aufführung!“
Die Frau sah mich etwas hilflos an.

„Ach so ja – Perücken!“ nickte sie dann. „Ja – aber das macht mein Mann. Da müssen Sie mal einen Moment warten, ich sag ihm Bescheid – “

Das war ein Rückschritt. Mit ihr wäre ich meiner Sache ziemlich sicher gewesen – aber jetzt verschwand sie unter einem Vorhang und rief:
„Egon – da ist ein junger Mann wegen Perücken! Egon – hörst Du? Kommst Du mal?“

Egon antwortete etwas Undeutliches. Es klang so, als sei er nicht übermäßig begeistert, bei dem, was immer er auch tat, gestört zu werden. Die Frau kehrte zurück und sagte entschuldigend:
„Mein Mann kommt gleich. Sie müssen einen Moment warten – nehmen Sie doch Platz!“

Nun ja, das konnte ich ja tun. Es lohnte sich immer, auf die Fürsorge von Frauen des Tante-Ottilie-Typs einzugehen; vielleicht konnte ich ihre Sympathie noch brauchen. Ich ließ mich also auf einem der beiden Stühlchen neben einem noch winzigeren Tischchen nieder und wartete.

Es roch nach Dauerwellen und Parfüm – es mußte nicht so sehr angenehm sein, eine Dame zu sein und sich in dieser Hitze unter eine jener, wie Hypnosemaschinen aus einem Zukunftsroman aussehenden, Hauben zu setzen. Aber das wollte ich ja auch nicht. Ich wollte eine Perücke.

„Ja??” schnarrte eine Stimme. Der Vorhang hatte sich beiseite geschoben und der Friseurmeister Egon – offensichtlich mußte er es sein – kam mit gefurchter Stirn zum Vorschein. Er war klein, ältlich und konnte die Finger nicht ruhig halten – er mußte ständig an seiner Brille rücken, an seinem Kittel knöpfen oder Kamm und Schere in der Brusttasche befingern; er war nicht der Typ, den ich mir gewünscht hätte, wenn ich die Wahl gehabt hätte – aber nun mußte ich mit ihm ja weitermachen.

“Guten Tag“, grüßte ich höflich, nachdem ich mich erhoben hatte. Es schien mir nicht gut, ihn markiger zu grüßen.

„Ja? “ schnarrte er wieder. „Wollten Sie was wegen Perücken?“

Ich nickte.
„Unsere Gruppe – “ erklärte ich höflich, „hat eine Aufführung -und da brauchen wir so Perücken und Bärte für ein paar Darsteller, und die soll ich nun besorgen. Können Sie mir da einen Rat geben?“

„Ja?“ Er sagte das immer kurz und abgehackt, so wie einen Ausdruck des ärgerlichen Staunens darüber, was es alles auf der Welt für ausgefallene Dinge gebe. „Was soll denn das da so sein?!“

„Jaaa“ – ich legte meine Stirn in Falten des Überlegens und zog dann einen Zettel aus der Tasche – „da brauchten wir also Bärte, so zwei oder drei, und eine Perücke so mit Glatze, und dann auch eine Damenperücke – „

„Ja?“ Er schüttelte den Kopf, „Wann soll denn das sein?“

„Die Aufführung ist übermorgen – “ sagte ich vorsichtig, „aber ich glaube, die müssen ja auch noch mal proben – „

„Ja!“ Nochmal Kopfschütteln. „Wie die jungen Leute sich das so vorstellen! Die Perücken sind jetzt alle eingelagert und fortgepackt – die müßten erst alle aufgebrannt werden – und dann kostet das ja auch allerhand Geld! Was ist denn das für eine Gruppe?“

Nun, darauf war ich vorbereitet.
„Das ist nach unserem Sportfest – da soll am Abend bei der Feier dann so eine Aufführung sein, wo die Eltern kommen – „

Vage, aber plausibel – das war die beste Art von Antworten auf. solche Fragen, besonders wenn die Antwort den Frager gar nicht echt interessierte.

„Ja!“ Er wandte sich halb ab und rückte ein paar Fläschchen im Regal zurecht. „Das ist sehr spät – bis übermorgen. Und ich kann für die Arbeit noch nicht einmal das nehmen, was ich haben müßte – das käme ja zu teuer, und dann noch das Pfand. Nein, ich glaube -„

Das mit der knappen Zeit war kritisch. Aber sonst lief alles nach Wunsch. Ich setzte eine unglückliche Miene auf:
„Ja, das sehe ich ein.“ (Immer gut, die Weisheit des Alters einzusehen.) „Sie müssen nur verstehen, die anderen verlassen sich jetzt doch darauf, daß ich die Sachen besorge – und daran hängt doch die ganze Aufführung. Könnten Sie vielleicht nicht wenigstens eine – „

„Ja!“ Er wandte sich wieder um. „Eine – ?!“
„Na ja – “ ich guckte wieder auf meinen Zettel, „also mit den Bärten, da könnten die sich helfen – Werg ankleben oder sowas – und mit der Glatze auch – aber die Damenfrisur – „

„Damenperücke?!“ schnappte er.“ Gerade die macht die meiste Arbeit – alles aufbrennen! Ja!“

Genau in diesem kritischen Moment klingelte wieder die unmelodische Ladenglocke. Die Tür öffnete sich, und eine Kundin trat ein. Das war teils gut – weil es mir Zeit zum Überlegen gab – teils schlecht, weil sich Friseurmeister Egon geistig völlig der Neuangekommenen zuwandte und unser Gespräch schon fast für beendet ansah:
„.Oh – guten Morgen, Frau Varell! Sie kommen wegen der Perücke? Bitte – entschuldigen Sie – wenn Sie einen Augenblick Platz nehmen, sie wird sofort fertig sein!“ Und damit verschwand er, wie ein Gnom auf der Märchenbühne, hinter dem Vorhang.

Also hatte der alte Knacker doch Perücken! Ich hatte es ja geahnt, nur für mich klappte das nicht, für Frau Varell ging alles!

Wer war eigentlich Frau Varell?
Ich wandte mich um und stellte fest, daß die Kundin nicht zu mir schaute – warum auch, ein Junge in einem Friseurladen ist höchst uninteressant – und daß ich sie so ungeniert etwas eingehender mustern konnte.

Frau Varell war – zweifellos – eine Dame. Ihr weißes Sommerkleid war elegant, aber schlicht; ihr Schmuck sparsam – ein breites Armband, eine Kette, kleine Ohrclips – aber wertvoll: feine silberne und goldene Halbmonde als Grundmotiv, ein wenig altertümlich und doch nicht unmodern; ihr schweres tiefschwarzes Haar war glatt, hinten in einen: Knoten gefaßt: Nacken und Arme gebräunt, aber nicht mit der prahlerischen Indianerfarbe eines Sportsmädels, sondern dezent und – nun eben, damenhaft. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen.

Frau Varell paßte mir desungeachtet – nicht in meinen Plan. Sie war da wie ein sanft strahlendes Gestirn aufgegangen und zog alle Aufmerksamkeit auf sich: Meister Egon würde keinen Gedanken mehr auf meine Anfrage verwenden, solange sie hier war. Sie hätte – zum Teufel – bleiben sollen, wo der Pfeffer wächst!
Ein rechter Bannerstädter Junge hätte sich vielleicht von Frau Varell nicht beeindrucken lassen. Soviel ich verstand, interessierten Damen – gerade solche, die diesen Namen wirklich verdienten, wie es Frau Varell zweifellos tat – Bannerstädter Jungen nicht; sie hatten in deren derbgeschnitztem Weltbild keinen vernünftigen Platz – da gab es nur Mütter, die am Muttertag zu ehren und im übrigen möglichst zu ignorieren waren, und „Mädels“, die man entweder verächtlich oder, von einem bestimmten Alter an, als wackere Kameraden anzusehen hatte, sowie komische alte Tanten; eventuell noch aufgeputzte „Modedamen“, die man lächerlich zu finden hatte. Aber für echte Damen vom Typ der Frau Varell war keine Verhaltensnorm vorgesehen.

Doch ich war kein rechter Bannerstadter Junge. Für mich war Frau Varell – oder was sie verkörperte – keineswegs ignorierbar. Sie paßte zwar genau so wenig in meine Welt – aber das war nicht die Schuld von Frau Varell, sondern die dieser Welt, in der die Frau vor allen Dingen einmal durch Tante Ottilie repräsentiert wurde, und dann durch unser Dienstmädchen Erna, und in der eben gerade eine Dame wie Frau Varell fehlte. Manchmal sah ich solchen Damen nach, wenn sie vorübergingen, und versuchte mir vorzustellen, ob meine Mutter eine solche Dame gewesen war – oder wie meine Welt aussehen würde, wenn Tante Ottilie eine solche Dame wäre: schön, selbstsicher, kühl, königinnenhaft – und doch vielleicht, in einer nur schwer vorstellbaren Weise, zu mir gehörig, mit mir einverstanden, für mich da …

Aber Unsinn. Damen kümmerten sich wahrscheinlich ebensowenig um „Jungens“, wie sich Jungens um Damen kümmern sollten. Wahrscheinlich begann für sie die Welt erst bei Männern – und auch schwerlich bei Männern wie Meister Egon, sondern bei jener besonderen Kategorie wirklich wichtiger, bedeutender, selbstsicherer Männer, für die Bannerstadter Jungens genau so wenig Kandidaten waren wie etwa ich. Und damit klappte ich das Visier herunter und prägte eine verächtliche Abwehrformel wie „nun, was seid ihr schon Besonderes, ihr Damen? Teure Kleider und lange Haare und Puder und Lippenstift und Parfüm und Seidenwäsche und hochhackige Schuhe – und? Wenn es weiter nichts ist – das könnte ich auch!“

„Oh, gnädige Frau – werden Sie schon bedient?“ Die Frau Meisterin war hinter dem Vorhang erschienen und stürzte sich – natürlich -auch auf Frau Varell.

„Danke – Ihr Mann macht mir die Perücke schon gerade fertig!“
Das war Frau Varell – eine dunkle, samtige Altstimme, gepflegt und sicher wie sie selbst. Ich haßte sie eine Sekunde lang dafür, daß sie so genau meinem Wunschbild entsprach – und gerade deshalb meine Pläne störte.

„Ach ja – “ das Stichwort hatte die Meisterin in der Tat daran erinnert, daß es mich auch noch gab – „haben Sie mit meinem Mann gesprochen?“

Gut. Das war ja eine Chance, die ich vorhin schon einkalkuliert hatte – die hilfsbereite Meisterin. Zwar etwas durch die Dame Varell abgelenkt, aber immerhin …

„Das scheint gar nicht so einfach zu sein – “ sagte ich betrübt. „Man muß wohl die Perücken erst aufbrennen und das macht zu viel Arbeit – “

Keine Reaktion. Ich entschloß mich, noch etwas stärker zu operieren.
„Es ist ja bloß, was die anderen sagen werden – ohne Perücke ist ja die ganze Aufführung in Gefahr!“

„Aufführung?“ Unerwartet schaltete sich Frau Varell ein – mit einem Ton, der wunderbar moduliert gerade andeutete, daß sie nicht pur aus Langeweile dieses Thema aufgreife: sondern weil es sie, wenn auch nicht sehr, so doch immerhin interessiere.

Das war unerwartet – aber vielleicht zum Vorteil. Und ich hatte auch meinen Text zu diesem Thema parat. Nur war er für den Friseur bestimmt gewesen – wenn das ein jovialer, plauderhafter Herr gewesen wäre – und ich wußte nicht ganz genau, mit welchem Ton ich ihn jetzt Frau Varell vortragen sollte: Jungenhaft munter? Das paßte nicht. Begeistert? Hoch dümmer! Aber wie?

Ich hatte nicht mehr viel Zeit zum Überlegen – ich mußte anfangen zu sprechen:
„tja – wissen Sie, wir haben da in unserer Gruppe eine Aufführung, und ich soll die Perücken besorgen – doch das scheint nicht so zu klappen, wie wir es dachten – und wenn ich jetzt ohne Perücke zurückkomme, dann klappt die ganze Sache auf einmal nicht!“

Das war blödes Gestammel. Ich merkte es, während ich sprach – merkte, daß Frau Varells mildes Interesse bereits wieder im Verschwinden war: Kein Wunder, wenn ich so faselte – ich mußte sie wieder packen!

„Sie müssen wissen. – “ ich lachte kurz, „das ist so ein Kriminalstück – ein Ulk mehr: Sherlock Holmes und Dr. Watson werden in ein Landhaus gerufen, um einen Verbrecher zu suchen – und Sherlock Holmes bringt einen neuerfundenen Apparat mit, an dem leuchtet eine Signalbirne auf, sobald ein Verbrecher in der Nähe ist – „
Ich machte eine Pause. Saß der Haken, dann war die Pause gut – saß er nicht, konnte ich mir die weitere Mühe sparen.

Aber Frau Varell lächelte. Sie hatte einen wunderschönen Mund mit Lippen, die weder zu voll noch zu schmal waren – und sie lächelte interessiert, amüsiert:
„Das ist mal eine neue Idee. Funktioniert es denn dann auch?“

Triumph – sie ist gespannt, wie es weitergeht. Sie wird zufrieden sein – die Geschichte ist gut; ich muß selbst abends im Bett lachen, wenn ich daran denke.
„Ja, das ist nun die Sache – der Apparat funktioniert z u gut!
Kaum sind sie angekommen, blinkt die Lampe – Sherlock Holmes packt den Butler am Bart, der Bart geht ab: der Butler ist ein verkleideter Verbrecher.
Darin kommt der Hausherr – aber die Lampe blinkt weiter, Holmes reißt den Lord an den Haaren, seine Glatze geht ab: der Lord ist ein verkleideter Verbrecher.
Der Kammerdiener kommt aufgeregt herbei – die Lampe blinkt: der Kammerdiener ist ein verkleideter Verbrecher.
Das Stubenmädchen kommt – die Lampe blinkt: Holmes reißt ihr die Perücke ab – das Stubenmädchen ist ein verkleideter Verbrecher.“

Wieder eine kleine Pause. Der Satz soll sich einprägen, ich brauch« ihn später.
„Jetzt sind alle Hausbewohner abgeführt – da kommen jedesmal so zwei Riesen-Polizisten auf die Bühne – aber die Lampe blinkt immer noch.
Holmes sich um – öffnet die Wanduhr: in der Uhr streckt ein Verbrecher.
Aber die Lampe blinkt. Ein Verbrecher unterm Sofa., ein Verbrecher unterm Tisch, ein Verbrecher im Schrank – und noch immer blinkt dir Lampe.“

Nochmal eine Pause. Ich spürte, daß ich die Situation beherrsche – Frau Varell ist bereit, sich königlich zu amüsieren, wenn nur die Pointe gut ist, und die Meisterin freut sich, daß sich Frau Varell amüsiert.

„Die beiden suchen und suchen – nichts.
Da sieht Holmes Dr. Watson ernst und traurig an, packt ihn am Bart – der Bart geht ab: Dr. Watson ist ein verkleideter Verbrecher!“

Natürlich juchzt eine Dame wie Frau Varell nicht vor Vergnügen – aber ich spüre es, daß ihr die Sache genau so viel Spaß macht wie mir.

„Und?“ ermuntert sie mich.

Ich werfe mich in eine feierliche Pose.
„Watson ist abgeführt. Holmes steht allein auf der Bühne, in tiefes Nachdenken versunken.
Da – plötzlich – klick-klack – fängt die Lampe wieder an zu blinken.
Holmes fährt auf. Nochmal späht er in alle Ecken. Nichts. Er öffnet den Geigenkasten. Nichts.
Langsam und gefaßt tritt Holmes vor den Spiegel. Zupft sich am Bart. Dreht sich nochmal um – aber die Lampe blinkt noch immer. Er schüttelt den Kopf, dann reißt er sich entschlossen den Bart ab, klingelt, die Polizisten erscheinen, und er sagt mit Grabesstimme : ‚Führen Sie mich ab. Ich bin – „

„Ein verkleideter Verbrecher!“ vollendete Frau Varell mit einem unmerklichen Glucksen in der Stimme. „Oh das ist herrlich – das möchte ich am liebsten sehen!“

Alarm. Das gibt es nicht zu sehen. Weil es keine Aufführung und keine Gruppe gibt. Doch das hat Zeit – augenblicklich ist wichtig, daß Frau Varell begeistert ist, und daß Meister Egon tanzt, wie Frau Varell pfeift. Ich hole Atem und sage resigniert:
„Ja – nun sehen Sie aber, wie wir die Perücken und die Barte brauchen. Das ganze Stück hängt ja im Grunde daran. Der Holmes muß die Perücken so richtig herunterreißen können beim Entlarven – sonst ist es halb so schön!“

„Aber natürlich!“ Frau Varell versteht das sofort – sie hat das ganze Stück ja im Geist vor sich gesehen. “Also Frau Teilmann, da m u ß Ihr Mann helfen !“

Gut. Fast zu gut: ich will ja die Bärte und die Glatzenperücke gar nicht. Ich will die Damenperücke – und das andere wollte ich, schweren Herzens nach außen hin, darangeben. Aber vielleicht komme ich doch irgendwie gut heraus – jedenfalls ist die Lage bereits viel besser.

„Egon!“ Frau Teilmann wird aktiv. Sie kann mir helfen, sie kann Frau Varell gefällig sein, sie kann ihren Mann ein wenig herumhetzen – das alles gefällt ihr.”

“Ja – da bin ich ja schon!“ Meister Egon erscheint, stolz wie ein Künstler eine wunderschöne, volle schwarze Damenperücke auf einem Perückenstock tragend.

„So, gnädige Frau – sind Sie zufrieden?” fragt er mit maßvoller Bescheidenheit.

„Oh ja – “ huldvolle Anerkennung der Königin für das Meisterwerk, mit genau dem richtigen Maß persönlicher Wärme – „aber Sie müssen mir noch einen Gefallen tun: Sie müssen dem jungen Mann hier helfen!”

Meister Egon stutzt. Königin Kundin befiehlt! Aber auch er hat eine Würde zu verteidigen – die des Fachmanns.

„Er braucht diese Perücken für ein herrliches Theaterstück – da müssen Sie einmal ein Übriges tun, Herr Teilmann! Was brauchen Sie denn nun alles?“

Verteufelt – jetzt muß ich aufpassen; sonst sitze ich mit einem unermeßlichen Haufen von Bärten da, die ich womöglich noch bezahlen muß! Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr!

„Also erst den Sherlock Holmes – “ beginne ich überlegend.

„Das ist dieser Detektiv, ja?!“ wirft Herr Tellmann intelligent ein. Ich nicke:
„Ja – so einen blonden Backenbart hat der wohl; und der Dr. Watson – „

So geht es weiter. Ich besetze eine ganze imaginäre Rollenliste – Glatze für den Lord, Schnauzbart für jenen, Vollbart für diesen – und komme schließlich, en passant, auch auf das Stubenmädchen.

„Also die Barte und die Glatze – na ja, das läßt sich machen – “ erklärt Herr Tellmann gnädig. „Das ist nicht so viel Arbeit. Aber so eine Damenperücke – Sie sehen ja, was da für eine Arbeit dran ist – “ Er weist auf Frau Varells wunderbar frisierte Perücke. „Ich will ja gern helfen, aber ich kann ja den jungen Leuten auch nicht all die Kosten aufhalsen – und – „

„Reden wir einmal nicht von den Kosten – das bringe ich schon in Ordnung!“

Donnerwetter – Frau Varell übertrifft alle meine Erwartungen: ich schäme mich, daß ich sie vorhin innerlich beinahe gehaßt habe…

„Und was die Damenperücke angeht – “ ihr Blick streift das schwarzlockige Kunstwerk auf dein Tisch – „wann wird die gebraucht ?“

„Oh – die Aufführung ist übermorgen – aber gerade diese Rolle von den Stubenmädchen – da möchte ich – ich meine, das würden wir schon gerne noch einmal proben, wenn so einer ein Mädchen spielen muß – nicht wahr ?“

Frau Varell sieht mich einen Augenblick voll an – durchdringend fast – und fragte dann fast beiläufig:
„Wer spielt denn das Mädchen ?“

Ich spüre, daß ich einen Moment rot werde – oder denke ich das nur ?
„Ach – nun eben einer von unserer Gruppe – “ sag ich etwas lahm.

„Ein ordentlicher Junge?“ fährt sie fort – scheinbar hat sie nichts bemerkt? – gut!

„Ich meine, wenn ich mich darauf verlassen kann, daß sie nicht zerzaust wird, dann würde ich Euch diese Perücke leihen – ob ich sie nun drei Tage später habe, das bleibt sich auch gleich – „

„Aber – “ ich bin ehrlich begeistert, “wenn Sie das tun würden – das wäre natürlich ganz fabelhaft – dann wären wir ja aus allen Sorgen heraus – „

Frau Varell lächelt – lächelt sie ein wenig hintergründig? – aber nein, nur hilfsbereit:
„Habe, Ihr denn sonst schon alles für das Stubenmädchen? Kleid, Schürze. Häubchen?“

Ich spüre wieder, daß mir das Blut in die Wangen steigt. Aber die Chance ist zu einmalig, um sie zu versäumen:
„Ja, also – haben tun wir das eigentlich noch nicht; ich wollte dann weitergehen und sehen, wo wir das borgen können – “ sage ich, als verstünde ich noch nicht so ganz, worauf sie hinauswill.

„Also – da kann ich Euch vielleicht auch helfen; ich habe da zuhause so ein Maskenkostüm – „

„Das wäre ja – “ ich spüre jetzt wieder diesen kleinen, angenehmen Schauer im Rücken, ich muß mich zusammennehmen! – „Sie sind ja wirklich – also, die gute Fee aus dem Märchen für uns!“

Das ist blöd – aber mir fällt im Moment kein besserer Vergleich ein; und wahrscheinlich bilde ich mir auch nur ein, daß Frau Varell einen Moment lang geringschätzig die Lippen schürzt, als sie das hört. Immerhin habe ich einen guten Ruf zu verlieren; und da fällt mir auch noch das Richtige ein:
“ – oder Königin Elisabeth als Patronin der armen Komödianten!“

Das war besser – sie lächelt wieder, nickt mir zu und sagt mit freundlicher Ironie:
„Right ho, Master Shakespeare – dann kommt mit uns!“

Ach, ich wünschte, daß ich mich darauf konzentrieren könnte, das auszukosten – diese Sicherheit, diese selbstverständliche Brillanz, diese mühelose Beweglichkeit, mit der sie auf jede hingeworfene Idee eingeht, mit der sie mich versteht – dieses für mich eigentlich so völlig neue Erlebnis, irgendwo eine Resonanz zu finden, zu spüren, daß ein Gegenüber mich anerkennt! Aber dazwischen schiebt sich die Sorge, wie ich je wieder aus dieser Geschichte von der Theateraufführung herauskommen soll, für die sich Frau Varell so zu interessieren scheint – ohne daß sie je stattfinden wird; und all das übertönt wieder das prickelnde Gefühl, daß ich eine Perücke bekommen habe – daß ich jetzt gar noch ein Kostüm bekommen soll – ein Mädchenkostüm …

„Also mit den Bärten, ja – ich werde es bis morgen abend versuchen – “ versichert Meister Egon, wie er die kostbare Perücke liebevoll in einen Transportkarton senkt, „Sie können ja auf jeden Fall vorbeikommen!“

„Oh, das ist wirklich fein, wenn nun doch alles klappt!“ versichere ich ihm mit Wärme; nach wie vor habe ich das Gefühl, daß ihn das Ganze nur ärgert, daß er aber Frau Varell den Gefallen tun will oder muß – sie scheint eine wichtige Kundin für ihn zu sein. Aber zumindest die Meisterin hat den Dank verdient.

Frau Varell verabschiedet sich – wieder charmante Königin, die den braven Untertanen beinahe vergessen läßt, daß er unter ihr steht – und ich nehme den Pappkarton, stoße freilich mit Meister Egon fast zusammen, weil wir beide die Tür aufreißen wollen, aber dann schreite ich hinter meiner Patronin, unverdient siegreich, aus dem Laden.

Die grelle Sonne draußen läßt mich blinzeln, und während ich noch versuche, mich an der richtigen Seite neben Frau Varell einzuordnen, winkt sie auch schon:
„Mein Wagen steht dort drüben!“

Der Wagen paßt zu ihr: weiß, „rassig“ – wie es in den Automobil-Inseraten heißt – und dennoch nicht protzig; ein offenes Sportkabriolet, auf dessen hinterem Sitz eine korpulente Matrone in einem – für den sommerlichen Tag seltsam anmutenden – schwarzen Kleid thront.

Ich versuche, in geschickter Kurve vor ihr am Wagen zu sein und ihr den Schlag zu öffnen, aber die Konstruktion des Schlosses spielt mir einen Streich – irgendwie will die Tür nicht aufgehen. Frau Varell muß es bemerkt haben – aber sie gibt mir eine Chance, lehnt sich mit einer Hand lässig an den Wagen, als habe sie ohnehin noch nicht die Absicht gehabt, einzusteigen, und sagt leichthin zu ihrer Begleiterin:
„Du siehst, Marthe, ich bringe uns Besuch mit – „

Jetzt habe ich den Mechanismus durchschaut und kann den Schlag aufreißen – aber, neues Problem, was tue ich mit dieser Marthe? Soll ich mich da feierlich vorstellen – oder –
Ich wähle den Mittelweg und grüße recht höflich: „Guten Tag!“

Frau Varell winkt mir im. Einsteigen zu, neben ihr am Volant Platz zu nehmen – wozu ich wieder um den Wagen herumsausen muß; immerhin enthebt mich das zunächst weiterer Formalitäten mit Frau Marthe. Diesmal weiß ich gottseidank, wie die Tür aufgeht, und kann – den wertvollen Karton sorgfältig auf den Knien – Platz nehmen.

“ – einen unerwarteten Besuch: einen jungen Herrn, der in einem göttlichen Kriminalschwank ein Stubenmädchen spielen wird!“ vollendet Frau Varell ihren Satz und fährt an.

II.

„Von nun an wird aber die Entwicklung wesentlich davon bestimmt, daß in der Verkleidung eine Zustandsänderung erfahren wird, die gleichsam die Entdeckung eines neuen Erlebnisbereiches bedeutet. Die damit erlebte Ausweitung und scheinbare Intensivierung des Erlebnisraumes schaffen die Voraussetzung dafür, daß dieser Bereich nun mehr und mehr die Führung übernimmt …“

Bürger-Prinz und Giese, ebd.

Der Ruck des anfahrenden Wagens überdeckt – war das vielleicht Absicht?! – mein auch äußerlich merkliches Zusammenfahren. Wie kam sie darauf?! Woher wußte sie – ?!

Aber nein Gehirn arbeitet, während ich gefühlsmäßig noch mit der neuen Situation zu schaffen habe, schon weiter: Leugnen? Das ist erstens gefährlich – denn woran immer sie es gemerkt, gespürt haben mag, daß ich selbst diese Perücke, dieses Kleid haben will: Frau Varell ist klug genug, um mich bis hierhin zu durchschauen; und zweitens: was wäre damit, wenn es schon ohne Gefahr wäre, gewonnen? Ist nicht die Wahrheit, bis hierhin zugegeben, viel reizvoller – viel mehr voller Möglichkeiten, ihr offenbar doch vorhandenes Interesse an dieser Verkleidung zu nutzen? Man muß nur den Übergang geschickt vollziehen …

„Woher – wie haben Sie das gemerkt?!“ Ein wenig: mehr Verblüffung, Verlegenheit in meiner Stimme, als ich sie im Grunde jetzt noch spüre – dieses Prickeln sitzt in meinen Gliedern, macht mich fast etwas übermütig! – und daß ich dennoch spüre, wie mir ein wenig die Röte in die Wangen steigt, ist vielleicht für den Eindruck gut?
„Feen aus dem Märchen sind doch meist allwissend – nicht wahr?“

Ein wenig Spott ist in ihrer Stimme, im Schwung ihrer Lippen, als sie das sagt – oh, sie hat mir den kitschigen Vergleich noch nicht ganz vergeben, sie muß mich noch einmal darauf stoßen, daß da ein falscher Ton aufgeklungen war, daß sie das registriert hat: und einen Augenblick lang – liegt das an dem Ausdruck ihres Gesichts, wie sie den Wagen durch den Verkehr steuert, konzentriert und seltsam hart? – spüre ich etwas wie eine Beklemmung, eine Angst, daß ich mich da wirklich einer Fremden aus dem Feenreich überantwortet habe : und nicht mit Gewißheit einer guten Fee …

Jetzt muß ich wirklich einen Kopf, rot wie eine Tomate, haben -und dazu doch ein Gefühl wie im sinkenden Aufzug – aber anscheinend (wenn ich nur sicher sein könnte, was sie wirklich denkt!) versteht Frau Varell es anders, ihr Lächeln wird im Augenblick weich, ermunternd, kameradschaftlich:
„Ja, ich verstehe doch, daß Du das vor den Teilmanns nicht zugeben mochtest!
Aber – “ die Worte waren jetzt an die alte Marthe gerichtet, die unbewegt hinter uns thronte, „könnte er nicht ein bezauberndes Stubenmädchen werden?“

Wie sie spricht, verwandelt sich jedes ihrer Worte in einen kleinen, kühl-süßen Schauer, der zärtlich über meinen Rücken läuft: könnte — er — nicht — ein —— bezauberndes (bezauberndes!) —— Stubenmädchen —— werden ——

„Wir müssen doch noch dieses Kostüm von Lynette haben,“ plauderte Frau Varell weiter, „das müßte ihm doch eigentlich passen?“

„Es hängt im Schrank bei den anderen.“

Das waren die ersten Worte, die die alte Marthe gesprochen hatte – und so trivial sie waren, blieb mir ihr Ton doch im Gedächtnis: sie sprach mit einer tiefen, doch weichen, einer gleichsam geschlechtslosen Stimme, nicht als antworte sie, sondern als spreche sie einen Part in einem uralten, gewohnten Ritual, dessen Fragen und Antworten längst jeden echten Sinn verloren hatten und dennoch mit Ernst und Sorgfalt gegeben werden mußten.

Ich hatte diese Marthe nur flüchtig gesehen und mochte mich jetzt auch nicht umwenden, um sie anzustarren. Sie war eine alte, massige Frau – aber ganz anders, als es, schon der Vergleich schien absurd, etwa Tante Ottilie war: bräunlich und häßlich, derb und vital – und doch von irgendeiner Würde, wie eine, ja jetzt hatte ich das Bild, das ich suchte: wie eine alte Stammesmutter in jenen Urtagen, als die Frauen noch die Herrschaft über die Männer hatten. . .

Seltsam, solch eine Frau als Vertraute der Frau Varell zu finden – seltsam und ein wenig, ganz unbestimmt, beunruhigend. Doch diese Unruhe mischte sich nur mit all den anderen Gedanken und Gefühlen, die sich in mir – wie Blätter im Sog eines blanken, silbernen Strudels – gleitend drehten: die schöne Dame Varell – die Lüge von der Aufführung – das Kostüm von, wer immer das sein mochte, Lynette – und daß ich hier in einem weißen Wagen durch die Straßen der Stadt glitt, eine schwarze Damenperücke auf dem Schoß –

„Oh – “ unterbrach sich Frau Varell und wandte sich, ohne doch den Blick vom Straßenverkehr zu wenden, zu mir, „ich habe ganz vergessen: hast Du überhaupt Zeit, jetzt mit uns zu kommen? Man wird doch zuhause mit dem Essen auf Dich warten – „

„Machen Sie sich darum keine Sorge – “ beruhigte ich sie, fast ein wenig zu eifrig, wie mir später schien, „niemand wartet auf mich – ich hatte gerade meine Tante zur Bahn gebracht, ich hätte in der Stadt essen sollen, aber bei der Hitze – „
Tatsächlich – Hunger war wohl das letzte, was ich jetzt verspürte.

„Oh gut.“ War da ein befriedigter Unterton in Frau Varells Stimme?? Oder war ich jetzt schon vollends verwirrt durch dieses ständige Lauschen auf Untertöne, auf Nuancen und Andeutungen? „Dann bist Du also – sozusagen – freier Herr Deiner Zeit.“
„Der junge Herr kann bei uns einen Imbiß nehmen.“

Die alte Marthe sagte es wieder wie eine endgültige, unumstößliche Feststellung – nicht wie einen Vorschlag. Und Frau Varell schien es ebenso zu nehmen.

„Vielen Dank,“ sagte ich – jemand mußte ja schließlich etwas dazu sagen – „aber ich mache Ihnen doch so schon so viele Mühe – „

„Es ist keine Mühe.“

Wieder solch eine Feststellung von Marthe, solch eine seltsam entwaffnende und endgültige – gegen die zu protestieren, auf die überhaupt noch etwas zu sagen überflüssig war, unnötig, unsinnig.

„Wenn Marthe einen jungen Herrn einlädt, ist das ein besonderes Kompliment – “ sagte Frau Varell mit einem kleinen Lächeln. „Sie hat einen sehr eigenwilligen Geschmack.“

War das wieder irgendeine verborgene Ironie? Oder eine verborgene Entschuldigung für das Seltsame, das ich an der Alten spürte? Ich antwortete nicht. Ich hatte das Gefühl, daß ich nichts rechtes mehr zu sagen hatte.
Wieder kam mir – fast erschreckend – zum Bewußtsein, wie eigenartig, wie seltsam all das irgendwo war: diese beiden Frauen, beide wie aus einer fremden Welt, die plötzlich mich,- ausgerechnet mich! -in diese Welt mit hineinnahmen, mich wie selbstverständlich in sie einbauten, als gehöre ich dazu, als habe ich dort einen Platz, eine feste Rolle –

Rolle. Das Stichwort erinnerte mich wieder an die ganze Theater-Geschichte. Das konnte ja nicht gut gehen. Irgendwann würde Frau Varell mehr über diese Aufführung, diese „Gruppe“ wissen wollen, für die sie da Barte bezahlte und Kostüme zur Verfügung stellte – und die es nicht gab. Die zwar als List, als Vorwand, als Tarnung vortrefflich geplant gewesen war – denn wer konnte schon in ein Friseurgeschäft gehen und sagen „bitte leihen Sie mir eine Damenperücke, ich möchte mich zuhause als Mädchen verkleiden und im Spiegel ansehen!“

Als Mädchen verkleiden und im Spiegel ansehen. Warum wollte ich das eigentlich?
Antwort: weil man sich, wenn man sich als Mädchen verkleidet, natürlich in einem Spiegel ansehen muß. Wie soll man sonst feststellen, ob man auch wirklich wie ein Mädchen aussieht.

Das ist eine dumme Antwort. Eine Antwort, die der Frage ausweicht. Warum verkleidet sich ein Junge überhaupt als Mädchen, das ist doch die Frage.
Antwort: wer sollte sich sonst als Mädchen verkleiden, wenn nicht ein Junge. Mädchen brauchen sich nicht als Mädchen zu verkleiden, sie sind ja welche.
Das ist wieder eine dumme Antwort. Du weichst aus. Warum sich überhaupt verkleiden, das ist doch die Frage.

Warum sich verkleiden? Darauf kann es tausend Antworten geben. Im Karneval verkleiden sich Menschen. Wenn sie nicht erkannt werden wollen, verkleiden sich Menschen. Wenn sie Theater spielen, verkleiden sich Menschen. Wenn sie jemand anführen, jemand einen Streich spielen wollen, verkleiden sich Menschen. Wenn sie sich im Krieg oder bei einem Stadtgeländespiel unbemerkt anschleichen, etwas ausspionieren wollen, verkleiden sich Menschen.

Aber all diese Falle liegen doch bei Dir nicht vor. Warum verkleidest Du Dich?
Weil ich – nun, das ist eine ziemlich dumme Frage! – weil ich schließlich einmal ausprobieren muß, ob ich mich überhaupt mit Erfolg verkleiden kann: also so, daß man mich nicht erkennt. Es wäre doch wohl ziemlich kurzsichtig, wenn ich das erst in einer Situation ausprobieren wollte, in der es wirklich wichtig ist und vielleicht etwas Entscheidendes von der Wirkung der Verkleidung abhängt. Genau so kurzsichtig, als wollte jemand etwa erst Englisch lernen, wenn er in Dover vom Dampfer steigt. Man kann sich ja vorbereiten – so etwas einmal vorher in Ruhe ausprobieren.

Nun gut – das klingt ganz plausibel. Aber warum willst Du Dich ausgerechnet als Mädchen verkleiden und nicht, sagen wir, als Neger oder als Chinese oder als Clown?

Darauf gibt es auch eine sehr logische Antwort: weil das eine sehr praktische Art ist, sich zu verkleiden. Erstens findet man die Requisiten dazu fast überall – überall, wo es Mädchen und Mädchenkleider gibt. Niemand wird behaupten wollen, daß die Wahrscheinlichkeit, Chinesenkostüme irgendwo zu finden, etwa so groß sei wie die, Frauenkleider zu finden. Zweitens ist es eine sehr unauffällige Verkleidung: schließlich kann ein Spion nicht als Clown kostümiert an Wachen vorbeischleichen. – wohl aber als Frau verkleidet. Drittens ist es eine sehr täuschende Verkleidung: Mädchen hält man für harmlos, für ungefährlich, ihnen gegenüber ist man leichtsinnig. Wenn jemand nachts auf einer einsamen Straße heimgeht, und es folgt ihm ein Mann mit hochgeschlagenem Mantelkragen – schöpft er nicht Verdacht, wird er nicht; mißtrauisch? Aber wenn ein hübsches Mädchen hinter ihm hertrippelt – fällt er darauf nicht herein?

Also: quod erat demonstrandum.

Hinzu kommt, daß das eine Art von Verkleidung ist, für die ich gute Voraussetzungen mitbringe. Man kann logisch von der Zweckmäßigkeit, sich in einer bestimmten Situation als Frau zu verkleiden, durchaus überzeugt sein — aber wenn man einen Vollbart hat, oder Grobschmieds-Pratzen, oder Schuhgröße 50, dann nützt einem diese Weisheit nicht allzuviel. Ich hingegen bin schlank und fast zierlich, habe für einen Mann recht kleine, zarte Hände und Füße, mein Gesicht ist feingeschnitten und oval – das ist alles im allgemeinen gar nicht so erfreulich, das macht mir manchen Ärger, aber hier ist es nun ausnahmsweise einmal ein Vorteil, und warum sollte ich ihn nicht ausnutzen?

Überdies bin ich dabei in guter Gesellschaft. Huckleberry Finn hat sich als Mädchen verkleidet, als er auf der Flucht war. Grimmelshausens Simplizius Siniplizssimus spielt ein ganzes Kapitel hindurch eine Magd, um den dreißigjährigen Krieg zu überleben. Der Octavian im Rosenkavalier foppt als Kammerzofe verkleidet den plumpen Ochs von Lerchenau – der Cherubim in Figaros Hochzeit den Grafen. Sogar der junge Achilles lebt als Mädchen verkleidet unter den Weibern.

Das sind erfundene Gestalten? Nun, also bestimmt haben sie ihre Gegenstücke in der Wirklichkeit. Manchmal liest man darüber etwas in der Zeitung: Hochstapler, Betrüger, aber auch Detektive und Kriminalbeamte haben sich als Frauen verkleidet. Soldaten, um aus der Kriegsgefangenschaft zu fliehen. Studenten, um sich einen Ulk zu machen. Sogar echte Bannerstadter Jungen bei Geländespielen. Bitte sehr.

Eine etwas gemischte Gesellschaft, findest Du nicht? Hochstapler und Betrüger? Vergiß nicht die Damen-Imitatoren im Variete!

Nun bitte, das ist recht unsachlich. Schließlich gibt es Verbrecher, die sehr kräftige Muskeln haben – und Schaubuden-Herkulesse; deshalb schaut niemand einen kräftigen jungen Mann über die Achsel an. Ich will schließlich kein Damen-Imitator werden.

Ach nein – willst Du nicht? Ehrlich? Würde es Dir nicht Spaß machen, in einem ausgeschnittenen Abendkleid, mit einer rabenschwarzen Perücke und glutroten Lippen auf einer Bühne zu stehen und für eine schöne Frau gehalten zu werden? Jagt Dir der Gedanke nicht einen kleinen angenehmen Schauer über den Rücken?
Ja – zum Teufel, ja! Aber was ist damit bewiesen? Was folgt daraus? Doch nicht mehr, als etwa daraus folgt, daß ein kräftiger junger Mann sich auch einmal – in Gedanken – als Schaubuden-Attraktion sehen könnte: daß er sogar gern bei Gelegenheit seine Kraft zeigt, sie bewundern läßt!

Geschickt argumentiert, aber nicht geschickt genug. Kraft ist eine männliche Eigenschaft, die ein Mann gern an sich bewundern läßt. Willst Du behaupten, Damen zu imitieren sei männlich?

Augenblick. Zumindest ist es ja wohl nicht weiblich. Eine Frau kann ja wohl nicht eine Dame imitieren. Das muß ja wohl ein Mann tun.

Spitzfindigkeiten. Das muß ein seltsames Exemplar von Mann sein; ein recht weibischer Mann, der darin seinen Stolz setzt, seine Männlichkeit als Dame zu beweisen!

Wieso Spitzfindigkeit? Ein Herkules kann ja schlecht eine Dame imitieren – halt mal, Herkules hat doch auch eine Zeitlang in Frauenkleidern bei einer Amazonenkönigin gedient, oder wie war das? – also nicht brutal männlich, sondern wenigstens etwas frauenhaft auszusehen, ist ja wohl Voraussetzung für eine Verkleidung. Es ist allenfalls spitzfindig, aus einer Voraussetzung einen Vorwurf zu machen.

Umgekehrt, mein Lieber, umgekehrt: Du bist es, der aus einem Mangel plötzlich einen Vorzug machen will. Du bist eben weibisch, darum erfindest Du Dir tausend Argumente, weibisch sein zu dürfen oder gar sein zu müssen – Spitzfindigkeiten, logische Spiegelfechtereien, historische Anekdoten: und Dein Fehler bleibt es dennoch!

Mein Fehler? Das ist eine interessante Behauptung: meine Fehler sind das also? Meine? Ja, zum Donnerwetter – habe ich mir denn meine Schuhgröße ausgesucht? Meine Hände? Meine Figur? Mein Gesicht? Kann ich sie denn ändern? Habe ich denn erfunden, daß es Frauen und Männer auf der Welt gibt – die einen zart und kostbar und schön, und die anderen derb und hart und eckig? Ist es mein Fehler, wenn ich in dieses System nicht passe?

Ah so, Du paßt nicht in das allgemein anerkannte System der Welt, mein Freund. Merkst Du es endlich. Merkst Du, daß Du eine Fehlkonstruktion bist, ein Irrtum, ein Mißgriff – ein Ausschuß-Stück aus der Produktion, die eigentlich nur Prachtkerle und ihrer werte Frauen enthalten sollte? Dein Fehler ist es nicht – welch lahme Entschuldigung! Wird danach gefragt? Hat man gefragt, ob es der Fehler des Neandertalers war, als ihn die Cromagnons totschlugen, weil sie eine bessere Rasse waren? Hat jemand gesagt: nein, laßt die Armen doch in Frieden – ihr Fehler ist es nicht, daß sie nicht mehr in die Welt passen? Oh nein! Du weißt doch, was man mit Fehlkonstruktionen, mit Ausschuß der Produktion tut?

O.k. – o.k.o.k.ok.ok.ok.! Ich weiß es, und Du hast recht, und eines Tages wird es mit mir geschehen, und dann ist es wahrscheinlich richtig und gut nach dem allgemein anerkannten System der Welt – aber bis dahin laß mich zufrieden, verstehest Du, zufrieden!!! Halt mir keine Predigten, wenn Du mir doch nichts besseres zu bieten hast als den Schrotthaufen, den Ausschußkorb! Und bis ich dort lande, will ich wenigstens meine Fehlkonstruktion geniessen und nicht nur ihre Leiden tragen!
Denn damit Du es weißt: es macht mir ein grelles, ein zehrendes, ein manchmal geradezu unerträgliches Vergnügen, ein Mädchen zu spielen – im Geist einer vorübergehenden z Dame die Kleider vom Leibe zu denken und mich in diese schmeichelnden, zärtlichen Gewänder zu hüllen – in ihnen in Gedanken vor tausend Augen zu paradieren, die mich sehen und doch mein Geheimnis nicht durch¬zschauen – schön zu sein, zu bezaubern, zu locken: bewundert zu werden für meine größten, erbärmlichsten, beschämendsten Fehler!

So, so – interessant. Und darf man fragen, wieviel Bewunderung Du dabei nun errungen hast? Wieviel Sonette haben faszinierte Dichter Deiner Schönheit gewidmet? Wieviele Jünglinge sind, von Leidenschaft durchglüht, zu Deinen Füßen gesunken? Wieviele Maler oder – seien wir bescheiden – Photographen haben Dein Bild verewigt, wieviele Illustrierte haben Deinen Reiz auf ihrer Titelseite Millionen vor Augen geführt?

Oh, nichts dergleichen? Träume sind das alles, Illusionen, Wünsche? Da liegt doch nun aber – mit Verlaub. – die Frage nahe, ob nicht Deine ganze ‚Schönheit‘ genau so Illusion, Traum, Faselei ist; ob Du nicht einfach ein schmächtiger, weichlicher Geselle bist, der in Frauenkleidern ebenso lächerlich ausschauen würde wie er es etwa in einer Turnhose tut? Nicht wahr?

Gut. Du hast wieder einmal recht: die Frage liegt nahe. Aber dennoch hast Du, unerbittlicher Inquisitor, Dich jetzt einen Schritt zu weit vorgewagt; denn das läßt sich prüfen. Das ist nicht mehr Spitzfindigkeit oder Wunschtraum oder Spiegelfechterei – das wird mir ein Spiegel beweisen. Dazu brauche ich die Perücke. Dazu brauche ich die Kleider. Dazu brauche ich das Vollziehen, das Tun, das Sehen – und damit werde ich wenigstens einen festen Punkt in dem ganzen Gefüge dieses ewigen, sich im Kreise drehenden Gesprächs festlegen.
Und – ich werde mich wohl, unermeßlich wohl werde ich mich dabei fühlen. Denn ich weiß, wie der Beweis ausfallen wird. Ich weiß, wie ein weicher Schal, lose nur um den Kopf gelegt, mein Gesicht zum Mädchenantlitz verwandelt – ich weiß, wie sich mein Leib in dem flüchtig übergestreiften Kleid Ernas, das mir ein Zufall bot, veränderte – ich weiß, wie meine Hand allein durch einen Schmuckring zur zarten Frauenhand wird: und ich weiß, was das Ergebnis sein wird, wenn ich einmal all das zusammen tue, einmal all die hundert Einzelheiten, die das äußere Bild der Frau ausmachen, auf mich und meinen Körper vereinige …

Und Frau Varell wird mir dabei helfen.

Wie lange habe ich jetzt diesen Gedanken nachgehangen? Wie lange stumm wie ein Fisch hier im Wagen neben den beiden Frauen gesessen?!

Vielleicht nicht so lange, wie es mir scheint. Denn dieser Dialog ist mir ja nicht neu – ich brauche nur noch ein Stichwort aus ihm zu denken und kenne schon den ganzen Satz, ach, das ganze Plädoyer, das zu ihm gehört! Aber dennoch – auch weniger Zeit war zu lang, paßte nicht zu meiner harmlosen, naiven, vordergründigen Rolle des jungen Laienspielers, der sich ein Kostüm ausborgt!
Wo waren wir eigentlich? Irgendwo in der Villenvorstadt, sicherlich – nun ja, wie lange konnte die Fahrt bis dahin gedauert haben ? Sieben Minuten, zehn, fünfzehn? —

Frau Varell schaut geradeaus. Ein kleines, hartes Lächeln liegt um ihre Lippen, wie sie den Wagen steuert – es macht ihr Freude, zu fahren, eine Maschine mit einer Bewegung ihrer schmalen, feinen Hand zu bändigen, mühelos und sicher; vielleicht ist ihr mein Schweigen gar nicht aufgefallen – vielleicht wäre es unklug, es jetzt mit einer, notwendig an der Haaren herbeigezerrten Bemerkung zu brechen, ehe es einen Anlaß gibt.

Jetzt biegen wir in breitem Bogen in eine Seitenstraße ein – sehr ruhig, sehr vornehm, sehr distanziert stehen hier die Villen, meist durch tiefe Rasenflächen von der Straße getrennt, oft hinter Bäumen fast verschwindend. Unsere Fahrt wird langsamer – eine Wendung bringt uns vor ein breites Einfahrtstor mit eisengeschmiedetem Gitter, das sich jetzt langsam, ohne unser Zutun, nach innen öffnet.

„Ultraschall oder Lichtschranke?“ frage ich beiläufig – es ist eine gute Gelegenheit, wieder etwas zu sagen, was ein gewisses Niveau hat. Frau Varell, die den Wagen angehalten hat, wendet den Kopf – halb zu mir, halb zu der hinter ihr sitzenden Marthe – schürzt ein wenig amüsiert die Lippen:
„Unromantischer Mensch!“ und zu Marthe: „Er hätte es wenigstens für Zauberei halten sollen!“

Wieder spüre ich das, was mir an ihrem Ton zu mir stets so auf fällt – aber ich muß mich doch täuschen: spricht sie zu mir wie zu einem erwachsenen Mann, einem Gast oder Liebhaber, mit dem sie charmant, leicht und doch vertraulich Konversation macht – mit einem verborgenen, aber beiden bewußten Unterstrom, der bedeutet, daß wir beide mehr wissen, als wir sagen? Nein, das ist Unsinn – eine Dame wie Frau Varell und ein halbwüchsiger Junge wie ich! Es ist wohl so ihre Art, mit Menschen umzugehen – sie hat keine eigene, herablassende oder bemutternde Tonart speziell für den Umgang mit Nicht-Erwachsenen, wie die meisten Frauen, und läßt auch mir die normale, die ihr eben eigene Behandlung zukommen …
Langsam rollt der Wagen wieder an, rollt zwischen Rasenflächen, unter den tiefhängenden Zweigen einer Trauerweide hinweg und hält vor einer weißen, fast südländisch sonnenfreudigen Villa. Frau Varell steigt – leichtfüßig und elegant – aus dem Wagen und streckt, im kühlen Schatten der Mauer, mit erhobenen Armen den Körper nach der Fahrt und dem Sitzen hinter dem Steuer. Natürlich habe ich es die ganze Zeit gesehen und gewußt – aber es kommt mir in diesen Augenblick erst recht oder wieder zum Bewußtsein, welch eine schöne, eine reife, eine begehrenswerte Frau sie ist: schlank und doch, in jeder Linie, jeder Form ihres Körpers von jener maßvollen Fülle, die – ohne sich protzend aufzudrängen wie bei jenen ein wenig ordinären Pulloverschönheiten – unsagbar lockend und verheißungsvoll ist …

Wie ein von einem hintergründig lächelnden Regisseur ersonnenes Gegenstück zu ihr hebt sich jetzt die alte Marthe aus dem Wagen – in ihren fast formlosen schwarzen Gewändern über dem derben, schweren Altweiberleib, schwer auch in ihren Bewegungen und doch, auf seltsame Weise, nicht ungeschlacht, sondern von einem grotesken Charme, einer barocken Würde: häßlich, alt und massig – aber eine Frau auch sie, eine Frau, die vielleicht in ihrer Jugend auf ihre Art genau so hinreißend gewesen sein mochte wie Frau Varell jetzt …

Und als dritter, während Marthe in ihrer schwarzen, großen Handtasche nach den Schlüsseln kramte, stieg auch ich aus dem Wagen: schmächtig, ungelenk, hier zu eckig und dort zu weichlich – in einer Jungentracht, die zu mir nicht paßte – kein Mann und ebensowenig ein Mädchen – mißglückt, unharmonisch, beschämt.
Was will ich hier? Warum dränge ich mich hier ein? Was will ich zwischen Menschen, die alle in sich richtig, ausgewogen, natürlich sind – mit meinen verschrobenen, schiefen, unnatürlichen Sehnsüchten und Wünschen?

Was will ich? Dumme Frage: eine Perücke will ich, ein Kleid will ich, Schminke und falsche Reize und all das, was ich jetzt nicht habe – erleben will ich, ob ich das, was die Natur mir verweigert, nicht mit List und Täuschung erzwingen kann: und ob ich dann nicht, mit meinen Kunstgriffen und Lügen, nach außen genau so echt wirke wie Ihr …

„Oh – über die Hitze!“ Frau Varell legt ein kleines Stöhnen in ihre Worte, als mache sie sich selbst dabei über sich lustig. ‚“Ich muß unter die Dusche!“ Und während wir durch die Tür, die Marthe offenhält, in die Halle des Hauses treten, fährt sie fort: „Und – das ist eine gute Idee – Master Shakespeare hier auch gleich, ja ? Er muß ja dann doch das Kostüm anprobieren!“

Sie hält einen Moment inne und gibt dann ihre Anweisungen:
„Marthe – Du zeigst ihm das Bad oben, und während er sich frisch macht, kannst Du das Kostüm heraussuchen – nun, und alles, was man sonst noch so braucht. Das bringst Du – warte einmal – ja, am besten ins große Gastzimmer; da ist auch ein Spiegel. Ich komme dann gleich hinauf.“ Und zu mir gewandt: „Mich mußt Du entschuldigen – aber bei Marthe bis Du in den besten Händen!“

Während sie ihr Täschchen auf des Tisch fallen läßt und, mit beiden Händen wohlig durch ihr Haar streichend, durch eine Tür verschwindet, berührt die alte Marthe mit ihrer kräftigen und doch weichen Altweiberhand meinen Arm; auf ihrem häßlichen Gesicht liegt ein breites, verschmitztes Lächeln:
„Hier hinauf, junger Herr! Das Bad wird Ihnen auch guttun nach der Hitze – und – “ sie schnauft ein wenig nach Atem, wie sie vor mir die Treppe hinaufsteigt – „die Sachen hole ich inzwischen herbei, alles, was so eine junge Dame braucht – „

Der Gedanke scheint ihr unbändiges Vergnügen zu machen – und mir läuft, bei den Worten „junge Dame“, wieder jener wohlig-süße Schauer über, gemischt aus Erwartung, Erregung und Lust … Doch ich muß mich zusammennehmen.
“Aber lassen Sie sich Zeit – “ wehre ich höflich ab. „Sie werden sich doch auch frisch machen wollen – und – „

“Frisch?”‘ Marthe lacht, wie sie das Wort wiederholt, innerlich, „Lieb von Ihnen, junger Herr, daß Sie daran denken – aber schauen Sie doch selbst: schwitzt die alte Marthe etwa?! Nein, junger Herr, wo ich herkomme, da ist man die Hitze gewohnt – das macht mir nichts aus, ich fühle mich frisch wie ein Fisch im Wasser!

Hier – „wir sind inzwischen oben angekommen, und sie weist auf eine Tür jenseits der Oberdiele, „da ist das Gastzimmer – da gehen Sie dann einfach hinüber; und hier – “ sie öffnet eine andere Tür, „ist das Bad!“

Ich nicke und trete ein – schwarze Kacheln, glitzerndes Nickel, eine zartgrüne Wanne und zartgrünes Becken, unter dem Spiegel geschliffene Fläschchen und pastellfarbene Cremedosen – ein leichter Duft von Parfüm, von Weiblichkeit über dem Ganzen …

Marthe tritt neben mich, legt mir mütterlich den Arm um‘ die Schulter und zieht mich, wie vertraulich, zu sich heran:
„Gehen Sie in die Dusche dort hinten – Sie können sich das Wasser ganz genau einstellen, kalt oder lau – und wenn Sie fertig sind, dann ziehen Sie sich gar nicht erst wieder an: nehmen Sie einfach den Bademantel dort um und gehen Sie hinüber – ich bringe schon alles mit, was wir brauchen – “ sagt sie halblaut und zwinkert mir dabei zu, wie einem Mitverschworenen.

Der Bademantel ist ein Damenmantel – weiß mit großen roten Punkten; ob er Frau Varell gehört? Doch wohl kaum – denn sie hat ja ihr Bad im Erdgeschoß …
Die weiche Wärme von Marthes Arm, Marthes Leib dringt durch das dünne Polohemd an meinen Körper; es ist ein wenig unangenehm und doch wieder wohlig, ihn weiß nicht, ob ich mich losmachen soll oder nicht. Marthe greift mir mit der anderen Hand unters Kinn, schaut mich mit ihren schwarzen glänzenden Augen scharf and prüfend an, dann schüttelt sie mit breitem Lächeln den Kopf:
„Nein, rasieren braucht sich der junge Herr nicht – hat ein glattes Kinn wie ein Mädchen – „

Sie streicht mir zärtlich über Schulter und Arm, dann wendet sie sich, mich nach einem kräftigen Druck loslassend, zum Gehen. Aber an der Tür dreht sie sich noch einmal um, streckt die Hand aus :
„Einen Schuh!“ Und als ich sie verständnislos anschaue, erklärt sie wieder verschmitzt: „Wenn Sie mir einen von Ihren Schuhen mitgeben – ich will sehen, ob wir einen hübscheren Schuh mit der gleichen Größe haben … „

Ich weiß nicht – finde ich Marthes breites Lächeln, ihre Verschwörermiene, ihre hilfsbereites Bemühen alle Kleinigkeiten abstoßend oder angenehm? Nützlich ist es auf jeden Fall. Ich streife den derben Halbschuh ab und drücke ihn der Alten in die Hand, die mir noch einmal aufmunternd zunickt und verschwindet.

Das Bad ist angenehm kühl nach den Sonnenglut draußen. Ich lasse mich auf der Kante eines kleinen, zartgrünen Badehockers nieder und ziehe den zweiten Schuh aus, die Socken: meine heißen Füße sinken angenehm befreit in die Weiche einer nachgiebigen kühlen Matte. Ich löse den Gürtel, stehe auf und lasse die kurze Hose zu Boden gleiten, streife das Hemd über den Kopf – ich stocke: wenn nun jemand ins Badezimmer kommt ?

Ich hänge das Polohemd an einen Haken in der Kachelwand, gehe zur Tür und drehe den Riegelknopf um. Jetzt aber herunter mit dem Rest der verschwitzten Sachen!

Mein Blick fällt in den Spiegel: weiße nackte Schultern, weich gerundete Oberarme – Mädchenschultern, Mädchenarme? Doch das Gesicht, gerötet, mit kleinen Schweißtropfen auf der Stirn, paßt noch nicht recht dazu – ich fühle mich klebrig und unsauber, unfrisch. Ich hebe die Arme, um mich zu strecken – und lasse sie halberhoben wieder sinken: war das die Geste, mit der sich Frau Varell eben gestreckt hatte -?

Die Duschkabine ist ein technisches Wunderwerk: links und rechts strecken sich, in verschiedener Höhe, je drei Brauseköpfe auf Kugelgelenken aus der Wand – die blinkende Nickelarmatur des Hähne trägt sogar ein Grad-Skala, um die richtige Temperatur des Wassers einzustellen – und oben schwebt noch ein Kopfbrause. Das ist ein kleines Problem – schließlich darf ich meine Haare nicht naßmachen, wenn ich gleich eine Perücke aufsetzen will; doch da hängt ja auch eine zartgrüne Plastik-Haube an der Wand – eine Haube, mit der die badende Dame ihre Frisur schützen kann. Ich setze sie auf und kann dem Impuls nicht widerstehen, mit ihr vor den Spiegel zu treten:

Die Haube sieht ein wenig putzig aus – wie bei einer Badeschönheit um die Jahrhundertwende, die aufgepluderte Weite des Oberteils in unzähligen Fältchen in ein elastisches Band zwängend, unter dem der Plastikstoff sich wieder in imitiertem Spitzenrand nach allen Seiten spreizt: aber sie sieht zugleich ungemein weiblich aus, hübsch und unpraktisch, verspielt und unlogisch – ich muß jetzt noch den Bademantel überziehen, mich wohlig in ihn einmummeln, ihn am Hals mit gespreizten Fingern zusammenraffen: wie sehe ich jetzt aus?

Oh nein, nicht mehr wie ein Junge – schon nicht mehr! Wenn jetzt noch die Lippen rot wären – und –

Aber ich brauche mich doch hier nicht aufzuhalten: heute ist es ja nicht, wie zuhause, nur ein flüchtiger Versuch, eine Blickprobe in einer ungestörten Sekunde – heute werde ich ja in aller Ruhe, in einer noch nie gekannten Vollkommenheit das Spiel der Verwandlung auskosten können! Was vertrödelte ich hier noch die Zeit!
Ich schlüpfe wieder aus dem Mantel und trete in die Brausekabine. Die Kacheln unter meinen Füßen sind kühl und ein wenig feucht – fast, muß ich belustigt denken, wie in der Badeanstalt, in die unsere Klasse manchmal zum Schwimmen ging; was würde man da wohl denken, wenn ich mit einer Damenhaube unter die Dusche träte?

Der erste Stoß Wasser ist – trotz aller Grad-Skalen an der Armatur – kalt und läßt mich zusammenschauern; aber dann wird es besser -angenehm lau und prickelnd treffen die Wasserstrahlen meinen Leib von allen Seiten, ich reguliere den einen oder arideren Brausekopf noch ein wenig nach, drehe mich wohlig zwischen den Strahlen, die mir Schweiß und Staub von Leib waschen: so angenehm kann man sich also eine so alltägliche Sache wie Waschen machen, wenn man sie mit Luxus und Technik kombiniert – wenn man dazu die Möglichkeit, die Räume, das Geld hat – wenn man zum Beispiel eine Dame wie Frau Varell ist!

Die Seife ist zartrosa und parfümiert – eine Damenseife; ich. reibe mir den weißen Schaum über den Leib, bis er mich wie eine Tortenverzierung bedeckt, massiere ihn mit den Händen in die Haut und spüle ihn wieder ab: es ist vergnüglich, angenehm, sich so mit dem eigenen Leib zu befassen, ihn sauber zu machen, zu pflegen, für etwas Schmeichelndes, Seidiges vorzubereiten…

Das Badetuch ist weich, dick und wollig wie ein Pelz. Man fühlt sich wohl, wenn man sich hineinwickelt, wenn man sich damit frottiert, bis die Haut rosig und frisch ist – bis man den letzten Hauch Feuchtigkeit vom nackten Körper verdunsten lassen kann. Jetzt fällt mir noch etwas ein, was ich einmal in der Kosmetik-Ecke einer Zeitschrift gelesen habe:

Ich lasse das heiße Wasser am Becken laufen, bis es dampft -verbrenne mir fast die Finger, wie ich einen Frotteelappen darunter zur heißen Kompresse einweiche und aufs Gesicht drücke, spüre, wie das Blut zur Haut drängt – und nun, rasch, einen eiskalten Wasserstrahl darüber, daß es fast zu erstarren scheint – nochmal das Ganze, so, eiskalt nachspülen – und nun vorsichtig die letzten Tropfen abtupfen.

So, das Gesicht, das mich jetzt ansieht, gefällt mir besser noch als vorhin – straff und doch weich, lebendig, durchblutet. Ich rücke die Badehaube zurecht und nehme den Mantel um, knote die dicke Schnur zur großen Schleife – so, wie es eine Frau doch auch tun würde – aber jetzt habe ich keine Schuhe, genauer gesagt, nur den einen, den mir Marthe gelassen hat.

Noch überlegend, raffe ich meine Sachen von den Haken an der Wand zusammen – was bleibt schon, als barfuß die paar Schritte bis ins Gastzimmer zu gehen?
Ich öffne die Badezimmertür und spähe hinaus: niemand zu sehen. Auf der Diele liegt ein dicker, wertvoller Teppich, in dem meine nackten Füße noch luxuriöser versinken wie eben in der Badematte. Diese Frau Varell muß erstaunlich reich sein, wenn sie selbst Dielen so auslegen kann!

Das ist die Tür, auf die die alte Marthe vorhin gewiesen hat. Ich klopfe – keine Antwort. Ich drücke vorsichtig auf die Klinke – die Tür öffnet sich: ein hübsches, großer Raum mit einem breiten Fenster, durch das die Sommersonne hereinfällt – elfenbeinfarbene, irgendwie unbestimmt weiblich wirkende Möbel: ein Kleiderschrank, ein Schreibtisch, ein breites französisches Bett – und da, sorgsam und ordentlich nebeneinander auf dem straffen weißen Bettkissen ausgelegt, liegen die Dinge, die Marthe – in der kurzen Zeit scheint es fast wie Zauberei – herbeigesucht haben muß: Die intimen Dessous einer jungen Dame.

Das ist fast unheimlich. Mit solcher Gründlichkeit, solcher Vollkommenheit hatte ich selbst nach Frau Varells Einladung nicht gerechnet – und beinahe überwältigte mich hier, so nahe an der Verwirklichung meiner Träume, Scham und Verwirrung, Angst vor einer Versuchung, die sich mir so gefällig, so lockend bot, als habe ich gar keinen Willen mehr, ihr nicht zu erliegen – als könne ich dieser schmeichelnden, widernatürlichen Verlockung, alles Männliche abzuwerfen, nicht mehr entrinnen – nie mehr …

Ich spürte, wie schwer ich atmete, spürte den fast unerträglich wohligen Schauer am ganzen Leib, spürte meine Erregung – aber Unsinn! War es nicht genau das, was ich mir seit Jahren erträumt hatte? War ich denn ein Narr, hier herumzustehen und zu zaudern?

Nein – ein Narr war ich nicht. Ich war nur gewohnt, logisch zu überlegen: irgendjemand mußten diese Sachen gehören. Der alten Marthe gewiß nicht – ich spürte fast ein schmerzliches Ziehen in den Waden, wenn ich versuchte, mir die Unterkleidung dieses derben, massigen Altweiberleibes vorzustellen. Also Frau Varell? Das wäre ein atemberaubender Gedanke – die Kleider dieser wunderbaren, fast aus einer anderen Welt kommenden Dame an meinem Leib?

Aber – Frau Varell würde den Gedanken schwerlich atemberaubend finden, ihre intimsten Dessous einem fremden Jungen zu überlassen: sie würde es – mit Recht! – geschmacklos und peinlich finden, Hatte da nicht die gute Marthe – in ihrem verschmitzten Altweiberspaß an einer Maskerade – ihre Kompetenzen sehr unpassend überschritten?

Doch auch das schien – bei näherer Überlegung – nicht recht wahrscheinlich. Die alte Marthe war – so ging es doch aus allem, was ich zwischen ihr und Frau Varell beobachtet hatte – eher eine Vertraute als ein Dienstbote; sie mußte Frau Varell seit vielen Jahren kennen. Sah Marthe ao aus, als könnte sie dann – bei einer Frau Varell! – solch groben Mißgriff begehen?

Schwerlich. Und – ich trat, vielleicht unbewußt froh, ein sehr sachliches Motiv zu haben, an das Bett und nahm die Kleidungsstücke näher in Augenschein – irgendwie sahen diese Sachen auch nicht aus, als könnten sie Frau Varell gehören.

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß Frau Varell einen solchen Büstenhalter, einen solchen Hüfthalter mit feinem schwarzweißem Karodruck trug: das war Jungmädchen-Wäsche – und eine Dame wie Frau Varell würde sehr wohl wissen, daß sie kein junges Mädchen mehr war. Zudem – ich hob den Hüfthalter vorsichtig hoch, löste den Knoten des Bademantels und versuchte die Maße zu vergleichen: nein – was mir gerade knapp auf den Leib zu passen schien, konnte nicht die passende Größe für den fraulichen Körper Frau Varells haben!
Also gehörten die Sachen irgendeiner Dritten. Vielleicht dieser – wie war der Name gewesen, den Frau Varell vorhin genannt hatte? Nanette oder Lisette oder sonstwie: es klang irgendwie nach Kammerzofe, nach Französin – jedenfalls nach irgendeiner Person, über deren Stellung und Einfluß sich die alte Marthe völlig im klaren sein mußte: und wenn diese Person entweder ihre Sachen für eine Verkleidung hergab – oder Marthe sie, ohne zu fragen, benutzen konnte – dann war es im Grunde überflüssig, daß ich mir noch Sorgen darum machte.

Denn es waren entzückende Sachen. Dieser karierte Büstenhalter war, wenn ich ihn mir näher besah, irgendwie pariserisch keck und frech – als gebe er mit einem Augenblinzeln zu, daß er gar nicht so überzeugt sei, stets unsichtbar und intim unter Kleidern versteckt zu bleiben! Und – das fühlte ich nicht ohne Interesse -er war unter dem glatten Taft mit steifem, nachgiebigem Material gefüttert, das ihm seine Form auf zwang – eine Form, die ja für mich recht wertvoll war – denn was hätte ich schon besessen, um sie wirklich auszufüllen?

Ich ließ den Bademantel auf das Bett gleiten und schlüpfte mit den Armen durch die Träger des Halters. Wie solch ein Büstenhalter getragen wurde und zu sitzen hatte, war mir vertraut – auch wer wie ich schwerlich Gelegenheit hatte, Damen bei der Toilette zuzusehen, konnte in den Inseraten der Illustrierten darüber fast maßgetreue Informationen finden. Nur – wie man solch ein Ding hinten zumachte, stand da nicht! Ich hantierte etwas hilflos mit beiden Armen hinter dem Rücken – spürte zwar auf der einen Seite ein hakenähnliches Gebilde, aber auf der anderen kein Gegenstück dazu – und nahm den Halter noch einmal ab, um seine Technik genauer zu studieren: das ging ja wohl nicht an, ein Mädchen sein zu wollen – und sich noch nicht einmal anziehen zu können!

Ah, so ging das: man mußte diesen flachen Haken von unten her zwischen dieses doppelte Gummiband schieben; aber umständlich genug! Wenn ich eine Frau wäre, hätte ich bestimmt schon etwas Bequemeres erfunden …

Immerhin – hier und jetzt hieß es, den geltenden Spielregeln zu folgen. Ich streifte den Halter wieder über die Schultern, tastete mit beiden Händen – diesmal von unten her – nach den losen Enden, und – tatsächlich, das ging im Grunde sehr einfach! Ich blickte auf – gerade in den Spiegel an der Wand gegenüber – und sah, halb verblüfft, halb bestürzt, mein Spiegelbild:

Ein seltsames Zwitterwesen – oben ein Mädchenleib mit, in der gezwungenen Haltung der Arme hinter dem Rücken, fast herausfordernd vorgereckten Brüsten, wie auf einem Magazinphoto – unten ein, sein Geschlecht deutlicher denn je markierender Mann. Es war obszön und lächerlich – und doch wiederum, in einer unnatürlichen Art, faszinierend: Hermaphroditos, wie auf jener Zeichnung der Statue im mythologischen Lexikon, die ich damals so lange betrachtet hatte …
Jedoch – hier und heute war es nicht mein Ziel, eine mythologische Figur darzustellen: ein Mädchen wollte ich darstellen. Und dazu paßte das Bild im Spiegel ganz und gar nicht.

Daß mein Glied beim Gedanken an Weiblichkeit, an Verkleidung, an falsche Frauenschönheit schwoll: dieses Phänomen war mir wohlvertraut – es gehörte irgendwie dazu, hatte ja auch eine gewisse innere Logik, daß sich das Männliche an mir meldete, vordrängte, wenn ich ihm das Weibliche gegenüberstellte: doch bei der Verkleidung störte es ernstlich.

Ich ließ mich einen Moment auf der Bettkante nieder und spürte, wie sich das heiße, harte Glied auf meine nackten Schenkel legte. Ich schloß einen Augenblick die Augen und versuchte an etwas anderes zu denken: das Integral von x hoch n – also halt: exakt „Integral von Null bis x über x hoch n mal dx“ ist gleich- wie war das, beim Differentiieren kommt der Exponent als Faktor runter und wird um eins erniedrigt, dann muß er also jetzt um eins erhöht werden, das wäre x hoch n plus 1, so, und das n plus 1 ist der Faktor, der vorhin runtergekommen ist, also müssen wir den wieder wegdividieren: also „x hoch n plus 1 geteilt durch n plus 1“ – und dazu die unbestimmte Integrationskonstante: plus groß C. Na also.

Ich öffnete die Augen wieder und sah neben mir auf dem Bett den Hüfthalter liegen, griff nach ihm – auch er in dein frechen schwarzweißen Karomuster, Steifer leichter Taft über elastischem Unterstoff: und, das sah ich erst jetzt, eigentlich gar kein Hüftgürtel, wie ihn die Inserate zeigten, sondern ein Miederhöschen mit eingearbeitetem Schritt – gerade das, was ich jetzt brauchte.

Gerade das, was ich jetzt brauchte? Fast glaubte ich, die alte Marthe wieder verständnisinnig grinsen zu sehen – und wieder, ganz leicht nur und ohne daß es mir wohl recht bewußt wurde, wollte etwas in mir vor dieser gar zu vollkommenen, gar zu vorausschauenden Vorbereitung zurückscheuen: vor einer fast gespenstisch exakten Regie, die im Hintergrund dieser ganzen Verkleidungsszene zu stehen schien.

Doch – genau so, ohne es recht ins Bewußtsein, in die Überlegung dringen zu lassen, schüttelte ich dieses Zögern wieder ab: was wollte ich denn – Hilfe beim Verkleiden oder nicht? Und wenn diese Hilfe perfekt zu sein schien – was war ich denn für ein seltsamer Geselle, auch daran etwas auszusetzen zu finden? Zudem war es ja genauso möglich, ja eigentlich wahrscheinlich, daß auch dies ein ‚Zufall war, daß die alte Marthe eben glücklicherweise gerade dieses Miederhöschen in die Hand bekommen hatte, ohne dafür große Überlegungen anzustellen.

Jetzt jedenfalls kam er darauf an, dieses Gebilde aus kariertem Taft, elastischem Gewebe und wie kleine Schmuckstücke klirrenden Strumpfhaltern überzustreifen – geschickt überzustreifen, und richtigherum! Nun, das war kein Problem, für mich – dazu hatte ich zu oft auf Abbildungen studiert, wie jene atlasschimmernden oder perlonduftigen Gürtel, die ich in den Schaufenstern der Miedersalons liegen sah, sich um die Hüften einer Frau zu fügen hatten: daß die eng beieinanderliegenden Strumpfhalter vorn sein mußten, die weiter entfernten hinten – hatte die Zweckmäßigkeit dieser Anordnung zu verstehen versucht, im Geist an meinen eigenen Hüften geprüft und erklärt gefunden – schließlich mußte vermieden werden, daß die Halter beim Sitzen störten

Mehr noch als beim Büstenhalter spürte ich beim Anlegen dieses neuen Dessous, wie intim, wie zärtlich fast sich diese Kleidungsstücke dem Körper anschmiegten, ja verbanden – ganz anders als, ich mußte wieder fast lächeln, etwa eine Badehose, die ja gewiß auch eng und straff saß; statt, wie bei einem Mann, sachlich den Körper irgendwie zu bedecken, als eine uninteressante, ja etwas peinliche Angelegenheit, über die man schleunigst zu wichtigeren Dingen überzugehen hatte, ging Damenkleidung eine schmeichelndes, persönliches Bündnis mit dem Leib ein – gleichviel bestrebt, ihn reizvoll zu verhüllen, wie ihn gerade dadurch zu betonen, zu enthüllen; und als ich, mit einem tiefen Ausatmen, das Miederhöschen straff nach oben zog, legte es sich liebevoll um meinen Leib wie ein Panzer, der unverwundbar macht und Zauberkraft verleiht.

Ich konnte es fast nicht erwarten, bis ich jetzt auch noch als Drittes den raschelnden, taftigen Unterrock – auch er trug das gespielt naive, augenzwinkernd kokette schwarzweiß-Karo – übergestreift hatte, der mit einer unschuldigen schwarzen Kleinmädchen-Spitzenkante meine Oberschenkel umspielte, und wieder einen Blick in den Spiegel werfen könnte: -nun, war das nicht schon ein süßes Mädchen, das ich da sah: mit einem kleinen, kecken Busen unter der sittsam hochreichenden, nur mit einer kleinen Spitzen-Paspel abgesetzten Büstenpartie des Unterröckchens, zwar noch immer mit der ein wenig seltsam wirkenden Badehaube – sah die etwa gar aus wie die eines altmodischen Stubenmädchens? – aber mit wohlgeformten weißen Armen, runden weißen Schultern und: ja, freilich, den Beinen, die da unter dem Rock herausschauten, fehlte noch der schmeichelnde Zauber zarter Strümpfe.

Wieder ließ ich mich auf die Bettkante nieder und entrollte vorsichtig das spinnwebfeine Gespinst – bräunlich hauchfein die Strümpfe, tiefbraun von der Ferse wie ein elektrisierender Nervenfaden aufsteigend die Naht – und sah gerade überlegend auf sie nieder (wie zog man solche, kaum richtig vorhandene Strümpfe an? Doch wohl schwerlich so, wie man in Jungensocken schlüpfte?!), als mich ein Klopfen an der Tür auffahren ließ.

„Ja?! “ sagte ich etwas unsicher – es wäre wohl eigenartig gewesen, hätte man dieses halbfertige Knaben-Mädchenwesen hier, ohne es zu erwarten, erblickt – doch da drang schon beruhigend die Stimme der alten Marthe durch die Tür:
„Ich bin es, junger Herr – ich bringe die Schuhchen, kann ich. hereinkommen?“

Doch in der geöffneten Tür hielt sie, nach meinem zustimmenden Ruf, einen Augenblick stutzend inne – ließ ihre kleinen flinken schwarzen Augen über die ganze Szene gleiten – und hob dann, wie um ein prustendes Lachen zu unterdrücken, die Hand zum Mund. Ein Glucksen der verblüfften Heiterkeit war in ihrer Stimme, als sie ausrief:
„Ja ist es die Möglichkeit – !!!“

Ich spürte einen prickelnden Triumph. Das war mein erstes Publikum – und diese Worte konnten nur heißen: ich war gut. Ich war gut! Etwas trieb mich, diesen Augenblick zu verlängern, auszudehnen, zu genießen: ich richtete mich aus meiner halb vorgebeugten Stellung auf, hob die Arme und legte, wie ein Modell auf einem Miederplakat, beide Hände zum Nacken, die Ellbogen und den ganzen Oberleib zurückschiebend…

Hier bricht das Kapitelfragment leider ab, ohne fertig geschrieben zu sein; denn im – später folgenden – nächsten Kapitelfragment ist das “Stubenmädchen” schon voll kostümiert.

Der Rest des Fragments “Astarte kam nach Bannerstadt”

Im fehlenden Zwischentext hat der Erzähler – unter Assistenz der alten Marthe – seine Kostümierung als “Stubenmädchen” vollendet und sich auch seiner Gastgeberin vorgestellt, die ihn sogleich “Fräulein Lissy” getauft hat…

III

Der Nachmittagskaffee war ein Erlebnis eigener Art für mich.

Naturgemäß nicht der Nachmittagskaffee selbst – obwohl er sicherlich für mich auch ungewöhnlich war. Wir tranken starken, fast bis zum Bitteren würzigen Mokka aus winzigen, dünnschaligen Täßchen, deren schlichte, edle Form sich wohltuend von der bizarren Vielfalt Tante Ottilies gold- und farbstarrender „Sammeltassen“ unterschied. Wir aßen süßes, trockenes Backwerk von drei weißen, hochbeladenen Schalen, bei dem jedes Stück ein neues, überraschendes Geschmackserlebnis war: weiche, sahnige Schokoladefüllung unter krachendem Waffelteig, herbe Orangenmarmelade zwischen mürben Plättchen, süßes Marzipan mit bitterer, unter dem Biß zu Plättchen zerspringender Schokolade.
Ich spürte dabei plötzlich den kräftigen Appetit, den das übergangene Mittagessen zwangsläufig hinterlassen mußte – wenn er auch in der verwirrenden Fülle all des Neuen und Unerwarteten, das auf mich einstürmte, fast untergegangen war. Es schmeckte mir – und wenn ich anfangs nur zögernd und auf Einladung zugelangt hatte, gab ich mich bald dem unerwarteten Vergnügen hin, gesunden Hunger mit auserlesener Speise stillen zu können.

Doch gerade daraus ergab sich auf einer zweiten Ebene das seltsamste Erlebnis: ich tat etwas, das ich – in meinem bisherigen Leben – schon oft getan hatte; vielleicht nicht in dieser Umgebung, nicht mit diesem Gebäck, nicht mit diesem Appetit – aber Kaffee zu trinken, war sicher nichts Neues, Ungewohntes, Sensationelles für mich. Auch mich als Mädchen zu verkleiden, war im Grunde nicht neu, ungewohnt, sensationell: dazu hatte ich all das in Gedanken viel zu oft, viel zu sehr alle Einzelheiten ausmalend vollzogen – wenn auch heute die Vollkommenheit, in der sich die Verkleidung vollzog, einmalig war.

Aber als Mädchen Kaffee zu trinken – etwas Alltägliches, Triviales und dazu noch körperlich recht Angenehmes auf einmal in einer Rolle zu erleben, die ich – wenn überhaupt mit irgendwelcher Tätigkeit – in meinen Gedanken bestimmt nicht mit „Kaffeetrinken“ verknüpft hatte: das war, wie ich allmählich spürte, von einem schwer zu beschreibenden Reiz.

Vielleicht war es das Pendeln zwischen zwei getrennten Sätzen von Sinnesempfindungen: hier der Geschmack des Mokkas, die Süße der Kekse, der Duft des Marzipans, das angenehme Gefühl allmählich gestillten Hungers, die, mit dem Gewicht vieler Jahre der Gewohnheit, weniger vielleicht Aufmerksamkeit, als eher selbstverständliche Hinwendung verlangten und auch immer wieder erreichten – dort aber, sich bei einer Bewegung, einem Blick, einer Bemerkung plötzlich als neu, ungewohnt, verwirrend dazwischenschiebend und Ausnutzung, Genuß, Triumph fordernd, die fremdartigen Empfindungen, die meine verändertes Äußeres begleiteten: Der zärtlich straffe Druck des Corsettchens. Das schmeichelnde Gleiten des raschelndes Taftrocks über seidenumschlossene Schenkel. Der plötzliche kühle Luftzug an Knöcheln, die nicht mehr von derben Strümpfen, sondern nur noch von hauchfeinem Gewebe umgeben waren. Das Kitzeln des weichen, schweren Haares im Nacken. Die herausfordernde Wölbung der sonst flachen Brust unter dem schmiegsamen schwarzen Kleid. Ja selbst die Nacktheit eines Arms, der jetzt ein Mädchenarm war – mit weißer, maßvoller Fülle des Oberarms, zum schmalen Handgelenk verlaufendem Unterarm, feingliedriger, zarter Hand, die jetzt ein Stück Gebäck hielt und zu Lippen führte, die der Zunge einen fremdartigen, parfümhaften Geschmack von Lippenstift boten.

Alles sicher Empfindungen, die eine Frau, ein Mädchen überhaupt nicht mehr spürten – die ihnen genau so gewohnt waren wie mir der Duft von Kaffee, der Geschmack von Gebäck, der allmählich gestillte Hunger: aber für mich eine ganze neue Welt von erregenden, neuen, aufreizenden körperlichen Erlebnissen, die meinen Leib wie Liebkosungen einer gespenstischen Kurtisane umschmeichelten, einer triumphierenden Stimme, die flüsterte: „Du spürst den Stoff des Kleids, wie er über Dein Bein gleitet. Du kannst es genießen, wie er Deinen Schenkel streichelt. Ein Mädchen wäre längst abgestumpft dagegen – für sie wäre das nichts Besonderes mehr, sie würde es kaum merken. Du aber kannst, nein Du mußt in Deiner Rolle so tun, als spürtest Du es auch nicht – jeder, der Dich sieht, würde glauben, Du seist ein Mädchen und spürtest es nicht – aber Du spürst den Stoff, nicht wahr, und er erinnert Dich immer wieder daran, daß Du nur ein Mädchen spielst und keines bist und gerade deshalb das Mädchen-Sein viel voller, viel intensiver erlebst als jedes wirkliche Mädchen: doch gerade das bleibt Dein Geheimnis, ein Erlebnis, das keiner ahnen würde, der Dich für ein wirkliches Mädchen hielte!“

Und dabei lief ein kleiner, süßer, kühler Schauer vom Damm zum Rücken empor – genau, wie ich später einmal überlegte, von der Stelle, die mein Geschlecht bestimmte, zu jener, die das Geschlecht eines Mädchens bestimmt hätte …
Doch sicher wäre es ganz falsch, daraus zu schließen, ich hätte nun während dieses Kaffeetrinkens von heimlichen Lustschauern geschüttelt in meinem Sessel gehockt. Eher das Gegenteil war der Fall: ich saß die meiste Zeit ungezwungen, fast selbstvergessen, und trank, aß oder sprach, wie ich es gewohnt war – bis eine solche Kleinigkeit, eine solche ungewohnte Empfindung, ein solcher zielsicherer Griff der unsichtbaren Verführerin mich plötzlich anrührte und unter, neben, zwischen den gewohnten Verrichtungen und Gedanken plötzlich diesen neuen Strom triumphierenden Wisperns auslöste.

Hochstapler, glaube ich, müssen einen ähnlich verflochtenen Strom von Gefühlen haben, wenn sie zugleich routiniert, fast ohne nachzudenken, eine vorgegebene Rolle spielen und dazwischen, wenn ein anderer ahnungslos an ihr Geheimnis rührt , plötzlich den Triumph des gelungenen Betrugs spüren – vielleicht auch, auf einer anderen Ebene, Kämpfer, wenn sie plötzlich, ohne ihre Aufmerksamkeit von der Technik des Zweikampfs , der Automatik des trainierten Körpers abzuwenden, die entscheidende Schwäche des Gegners erkennen – vielleicht gibt es sogar Helden, denen es in entscheidenden Situationen jenen Schauer des Triumphs gibt, weil sie wissen, daß auch sie eigentlich Angst haben: aber der andere weiß es nicht…

Freilich – routiniert war ich in der Rolle eines Mädchens nicht. Woher hätte ich es auch sein sollen – nein, all diese verwirrenden Details waren ja gerade das Zeichen, daß ich noch nie ein Corsett, eine Perücke getragen hatte! Aber dennoch hatte ich nie das Gefühl der Unsicherheit, des Falschen, des Sinnwidrigen: Ich wußte – oder ich spürte mit einer Gewißheit, die sicherer war als ein Wissen – daß ich in diese Rolle, in dieses Kleid paßte. Daß ich nichts tun würde, was ein Mädchen nicht tun würde. Daß ich stets in größerer Gefahr gestanden hatte, in männlicher Kleidung etwas Mädchenhaftes zu tun, als in Mädchenkleidern etwas Unweibliches.

„Also – haargenau wie ein Mädchen!“ rief Frau Varell mehr als mal mit ungläubigem Lachen aus, wenn ich – ohne eigentlich zu überlegen – die Hand zum Hinterkopf hob, um mit einer flüchtigen Geste den Sitz der Frisur zu kontrollieren, wenn ich das weiße Spitzenschürzchen über meinem schwarzen Rock glattstrich oder auch nur nach einem Stück Backwerk griff. Und jedesmal mußte ich erst nachträglich einen Moment überlegen, wie ich es den eigentlich getan hatte.

Es muß – das zeigte nicht nur das Vergnügen der Damen an meiner Rolle, sondern eine wohlbelegte Reihe von Reaktionen: von der Gräfin zum Pagen Cherubin in „Figaros Hochzeit“ bis zur Marschallin im „Rosenkavalier“ – für reife Frauen eine seltsame Faszination darin liegen, einen Jüngling, lieber noch einen Knaben in Mädchenkleidern „Haargenau wie ein Mädchen” agieren zu sehen. Junge Mädchen sind in der gleichen Situation oft kritisch, ärgerlich oder allenfalls amüsiert – reife Frauen dagegen scheinen fast aufzuleben; anders noch als bei alten Frauen, die oft nur einen kichernden Spaß empfinden, ist es fast so, als rechneten sie sich die verblüffend vollkommene Mädchenhaftigkeit des Verkleideten als eine Art eigenes Verdienst an.

Ist es vielleicht für sie eine Bestätigung, daß der Reiz eines jungen Mädchens kein persönliches Verdienst sei – daß etwas, was so leicht von einem Knaben nachgeahmt oder gar übertroffen werden könne, letztlich stets gegenüber ihrer gereiften, echten, durch das Leben bestätigten Weiblichkeit unterliegen müsse? Freuen sie sich, wenn sie die Gegnerin „Mädchen“, gegen die sie selbst nicht mehr unter gleichen -Bedingungen antreten können, nun durch eine bloße Imitation ausgestochen sehen? Oder laben sie sich an der Vorstellung, ein Mann, der sie verschmäht hätte, werde – dem Reiz eines solchen scheinbaren Mädchens erliegend – die vergeltende Enttäuschung erleben?

Doch vielleicht liegt es auch ganz anders: vielleicht ist es ein Spiel mit vertauschten Rollen, das sie beginnen – in dem sie die Rolle des faszinierten Liebhabers übernehmen, sobald der Jüngling in die des Mädchens gedrängt ist: ein Spiel, in dem sie den jungen Mann, der sonst kaum ohne Peinlichkeit von ihnen umworben werden könnte, auf einmal mit Komplimenten und Zärtlichkeiten überschütten dürfen wie eine Auserkorene?

Oder liegt am Grunde noch eine dritte, dunkle, urtümliche Freude: daß ein werdender Mann, einer, der sich eines Tages zum Herrn über das weibliche Geschlecht aufschwingen wird, hier – und sei es auch nur für eine kurze Zeit – in den Bund der Frauen, in die uralte Gemeinschaft des Matriarchats hinübergezogen wurde, seine Männlichkeit ablegt und zur Mitschwester wird? Es müssen ja einst gerade die reifen Frauen gewesen sein, die Männer genug gekannt hatten, um die Frauen für das stärkere der beiden Geschlechter zu erkennen …
Doch sei dem wie es sei – wahrscheinlich wird von alledem ein wenig in buntem Gemisch zusammenspielen – jedenfalls waren es die beiden Frauen ebensoviel wie die geheimen Botschaften an meinem Körper, die mir den prickelnden Reiz meiner Rolle immer wieder ins Bewußtsein riefen:
Sei es das entzückte Lachen über eine Geste oder Handlung, die besonders „echt“ ausgefallen sein mußte – seien es mit augenzwinkernder Förmlichkeit immer wieder eingeflochtene Anreden wie „Fräulein Lissy“, „liebes Kind“ oder „ein junges Mädchen wie Sie“ – oder gar der eine oder andere jener Momente, wo sie im Eifer des Gespräches, das sie natürlich ganz bewußt auf weiblichste Dinge lenkten, ohne Nachdenken eine Frage stellten, die wirklich nur ein Mädchen hätte beantworten können, und erst bei meiner kühn und selbstverständlich gegebenen Antwort stutzten.

„Nein – ist sie nicht zu hübsch, Marthe?!“ wandte sich Frau Varell wieder an ihre alte Vertraute. „Ist sie nicht fast noch hübscher als Lynette?“

Die Alte stutzte einen Augenblick, dann breitete sich ein merkwürdig zufriedenes, sattes Lächeln über ihr häßliches Gesicht – ein fast ein wenig widerliches Lächeln.
„Aber Sie haben recht, gnädige Frau?“ sagte sie mit seltsamem Eifer. „Es wäre wirklich spannend, die beiden zusammen zu sehen!“

„Sie müssen wissen – “ wandte sich Frau Varell, ganz weltgewandte Gastgeberin, an mich, „Sie müssen wissen, Fräulein Lissy, daß wir auch noch einen anderen Gast hier zu Besuch haben – Lynette, auch eine äußerst hübsche Person: leider spricht sie fast kein Wort Deutsch – und deshalb kann eigentlich nur ich mich mit ihr verständigen, und wir gehen meist auch nur zusammen aus. Meine gute Magda meint nun, es wäre sicher lustig, wenn sie einmal ein junges Mädchen zur Gesellschaft hätte!“

Der kleine kühle Schauer war wieder da. Aber diesmal in anderer, verwandelter Form: nicht mehr reines Vergnügen an etwas langsam gewohnt Werdendem – sondern mit einem Schuß Nervosität, aber auch genau soviel Stolz:
Es war eine Sache, mit den beiden Damen hier Kaffee zu trinken und ein Mädchen darzustellen – vor einem Publikum, das um die Verkleidung wußte und sie anerkannte: eine ganz andere Sache, sich als Mädchen vor einer völlig Fremden zu präsentieren – einer Fremden, die nichts wußte und die auch nichts bemerken durfte!

Konnte ich das schaffen? Unbewußt senkte ich den Blick auf meine Brust – meine jetzt so weibliche Brust! – und berührte mein Haar – mein jetzt so weibliches Haar! – und spürte fast ohne zu überlegen, daß ich darum eigentlich gar keine Angst hatte:
Angst hatte ich vor dieser Lynette. Vor dem Mädchen. Vor jemand, der echt und von Geburt an das war, was ich nur als Rolle spielte – ein Mädchen.

Ich war mir gar nicht sicher, ob ich so ein Mädchen sehen wollte. Ob ich so von einem Mädchen gesehen werden wollte. Und zwar ganz persönlich, in einem Kontakt von Person zu Person.

Hätte Frau Varell etwa vorgeschlagen, ich solle mit ihr in den Wagen steigen und spazieren fahren – ja gar aussteigen und ein Geschäft, ein Lokal, ein Kino besuchen: da hätten wir unpersönliche Fremde gesehen. Passanten. Kellnerinnen. Verkäuferinnen. Es wäre ein Spaß gewesen, ein Triumph, daß sie alle nicht vermutet hätten, daß dieses hübsche Mädchen neben Frau Varell gar kein Mädchen war. Sie hätten es nie erfahren, ich hätte sie nie wiedergesehen.

Aber ich wußte nicht, was ich mit dieser Lynette anfangen sollte. Sie war ein Mädchen – ich spielte ein Mädchen. Sie war eine Gegnerin – eine Gegnerin mit den besseren Karten. Ich hätte – so zumindest sagte ich mir -.nicht allzuviel dagegen gehabt, dieses Mädchen Lynette als “junger Herr” kennenzulernen. Sie hätte sich nicht viel um mich gekümmert und ich mich nicht viel um sie – allenfalls um ihre Kleider – und das hätte auch niemand von uns verlangt.

Ich hätte wahrscheinlich auch nicht viel dagegen gehabt, wenn sie bei meiner Verkleidung mitgewirkt hätte. Was ich dabei an Peinlichkeit zu überwinden gehabt hatte, wäre durch eine weitere anwesende Frau auch nicht wesentlich verschärft worden. Vielleicht hätte sie auch Spaß daran gehabt – oder auch nicht. Nun gut, das wäre im Grunde mehr Sache von Frau Varell gewesen als meine.

Aber was sollte ich jetzt mit diesem Mädchen?!

Ich war natürlich nicht ganz ehrlich mit mir. Ich war im Grunde immer etwas böse auf hübsche Mädchen. Weil sie Mädchen waren, ohne jede Mühe, selbstverständlich (meist wußten sie es noch nicht einmal zu schätzen, daß sie es waren) und weil ihnen all das erlaubt war, was mir – dem Jungen – verboten war. Ich war böse, wenn sie sich geschmackvoll anzogen, weil ich das nicht durfte – und noch böser, wenn sie sich nicht geschmackvoll anzogen, weil ich es besser gekonnt hätte. Ich betrachtete Mädchen immer nur im Vergleich zu mir – zu meinem Problem, kein Mädchen zu sein.

Und deshalb hatte ich jetzt, da ich – zumindest äußerlich – ein Mädchen war, überhaupt keine Basis mehr, von der ich ausgehen konnte. Was mußte man als Mädchen gegenüber einem Mädchen empfinden?!

Gegnerin. Darauf kam es immer wieder zurück. Feindin.
Was sollte ich mit einer Feindin? Einer Konkurrenz? Einer Gegnerin?
Ebenso langsam kam – mit einem süßen triumphierenden Schauer – die Antwort:
Besiegen. Gegnerinnen muß man besiegen. Konkurrenz muß man aus-stechen. An Feindinnen muß man sich rächen.

Diese Lynette – war sie nicht die Vertreterin all der tausend und aber tausend Mädchen, denen ich nie hatte zeigen können, wie gut ich war? Daß ich all das, was sie konnten, schon lange gekonnt hätte – wenn man mich nur ließ?

„Fast noch hübscher als Lynette“ hatte Frau Varell gesagt.

Gut. Ich würde hübscher sein als sie. Charmanter. Weiblicher. Besser. Und sie würde noch nicht einmal wissen, daß sie ihre Niederlage einem Jüngling verdankte.

„Oh – meinen Sie?“ sagte ich langsam, nachdem ich – während all dieser unklaren Gedanken – mein letztes Stück Marzipangebäck zerkaut und heruntergeschluckt hatte.

Wieder fehlt der Zwischentext, in dem die Damen offenbar beschließen, ihren Schützling bei Lynette als eine “Kammerzofe auf Probe” vorzustellen – dies auch tun – und dann die beiden sich selbst überlassen…

IV.

Das Zimmer Lynettes schien nur aus cremefarbener Seide, Gold und Spiegeln zu bestehen: schweren schimmernden Seidenvorhängen, die Wände oder Fenster oder wandhohe Schränke verhüllten und sich auf einen Knopfdruck hin in sahnigen Kaskaden zur gleichfalls seidenverhangenen Decke hin hoben und riesige, von Goldleisten unterbrochene Kristallspiegel freigaben – oder spiegelverkleidete Türen, bei denen man nur aus der Breite abschätzen konnte, ob sie in Kleiderschränke oder andere Räume führten. Und als sei es der Spiegel noch nicht genug, saß die Bewohnerin dieses seidigen Nests selbst wiederum vor einen creme-goldenen Frisiertisch mit einem großen, dreiflügeligen Spiegel.

Ich konnte blicken wohin ich wollte: stets warf einer dieser allgegenwärtigen Spiegel unser Bild zurück – das Bild der Zofe im knappen, schwarzen Satinkleidchen, mit ihrer lächerlich bühnenkostümhaften winzigen Spitzenschürze und dem koketten Häubchen auf den schweren schwarzen Locken, dem hübschen Mädchengesicht mit den kirschroten Lippen, zuweilen sogar den zartschimmernden Zofenbeinchen in den schwarzen Lackpumps: ein Theater- oder Maskenballzofe, die ja denn auch wirklich eine bloße Rolle, eine Maskerade war, die Maskerade eines Jungen, der gern ein Mädchen spielen (oder gern ein Mädchen sein?) wollte, und der nicht wußte, ob er sich schämen müsse, weil ihm das zu gut gelang, oder ob er sich verraten würde, weil ihm etwas mißlang – und daneben, davor, darunter stets das Bild der Herrin dieser Zofe, der Prinzessin dieses Spiegel- und Seidenpalastes, so, als dürfe ich niemals mich allein sehen, sondern müsse immer dieses Gegenbild als Vergleich, als Muster, als Verspottung mitwahrnehmen.

Natürlich hatte ich nicht die Zeit, diese Lynette in Ruhe und gründlich zu studieren wie ein Foto an einer illustrierten Zeitschrift: ich war ja Zofe, ich schwänzelte hin und her, tat Handreichungen, suchte nach Fläschchen und Kästchen, nach Frisierumhang und Haarbürste oder nach einem dieser in Goldrahmen-Ornamenten versteckten Knöpfe für Licht oder Vorhänge – das alles nach Anweisungen in Lynettes seltsamer Sprache, die ich weder verstand, noch überhaupt mit einer bekannten Sprache in Verbindung bringen konnte, und bildhaften Gesten ihrer weißen Hände, die erstaunlich ausdrucksvoll zu verstehen gaben, was gemeint war: „Onubiette“ – das war anscheinend eine Haarbürste, „Glasoucharrant“ ein Handspiegel; aber obwohl das französisch klang, hätte ich doch, so wenig ich diese Sprache verstand, wetten mögen, daß diese Gegenstände im Französischen ganz andere Namen hatten; und ein „Oneia-baru“ – offenbar der Frisierumhang – klang noch nicht einmal französisch, auch wenn er.“gren“ sein sollte (vielleicht „grün“, wie die Farbe dieses Umhangs wirklich war?). „Bra“ war oben – oder Hoch – wie ich aus ihren Gesten und Anweisungen entnahm, wenn ich wieder einen dieser vertrackten Knöpfe zu suchen hatte, und „bru“ war unten; das hatte zwar eine gewisse Logik, aber was sollte ich mit der langen, öfter wiederholten Anweisung „Asei glon dia tresme diaglanor – ips!“ anfangen? Hieß sie vielleicht, daß diese Lynette sich selbst kämmen wollte – ‚ipse“ wäre eine lateinische Wurzel dazu gewesen – oder aber, daß sie mich für zu ungeschickt dafür hielt? Jedenfalls sah sie mich zunächst ärgerlich dabei an – aber dann lachte sie wieder, ich wußte nicht, ob über mich oder darüber, daß wir uns offenbar nicht verständigen konnten, und tätschelte mir wie beruhigend den Arm.

Ich zuckte unter dieser Berührung fast zurück. Das war schließlich etwas anderes als das vertrauliche, schmunzelnd-kameradschaftliche Tätscheln der alten Marthe, die ihrem Spaß an der Maskerade mit einem aufmunternden Klaps Ausdruck geben mußte – das war eine Berührung von Mädchen zu Mädchen, die mir ebenso unerwartet wie peinlich war. Tätschelten Damen ihre Kammerzofen überhaupt? Und wenn sie das taten – wollte ich, als Mädchen, von einem anderen Mädchen getätschelt werden? Wollte ich nun vor allem als nur scheinbares, als imitiertes Mädchen so berührt werden? Ich wußte ja noch nicht einmal, ob ich mich von dieser Lynette als Jüngling hätte berühren lassen wollen!

Die alte Marthe war derb und urtümlich, ein wenig unheimlich zwar manchmal, aber zugleich wieder so naturhaft selbstverständlich, daß mich ihre Berührung nicht gestört hatte. Frau Varell war eine kühle Königin, entfernt und zauberhaft schön – wenn sich auch ab und zu, ich verstand das selbst noch nicht recht, über dieses Bild wie in einer Überblendung ein anderes legte: das Bild einer reifen, ungeahnte Wonnen versprechenden Frau – und die wenigen Male, da mich ihre Hand berührt hatte, war das wie eine magische Geste gewesen, die irgendeinen tieferen verborgenen Sinn hatte, etwas übertragen sollte oder eine Gnade symbolisieren: vielleicht sage ich es am besten so – ich hatte diese Berührungen nicht mit dem Körper, sondern mehr mit dem Geist gespürt.

Aber bei dieser Lynette wußte ich kaum, ob die Berührung mich ekelte oder aufreizte – ich wußte nur, daß sich etwas in mir zusammenkrampfte, als ich ihre glatten weißen Finger auf meinem bloßen Arm spürte: und dort zusammenkrampfte, wo ich sonst das abscheulich-süße Prickeln beim Gedanken an Frauenkleider und gleitende Seidenwäsche empfand.

Vielleicht war es das überhaupt: diese Lynette, die hier als Mädchen wohnte, als Mädchen plapperte und gestikulierte, sich als Mädchen schmückte und schminkte – immer zusammen im Spiegel mit jener Zofe zu sehen, die sie um all das beneidete, die ihr am liebsten das duftige Negligé, die zarte Spitzenwäsche, die kupferrot niederfallen-den Locken, Spiegel, Puder, Lippenrot und Parfüm weggerissen, vom Leib gefetzt hätte, um sich selbst damit aufzuputzen: das Mädchen und die Imitation eines Mädchens, das Selbstverständliche und das Erlogene, die Auserwählte und der Verdammte – vielleicht hätte Lynette zwischen diesen beiden nicht den Kontakt der körperlichen Berührung schaffen dürfen. Oder war es umgekehrt? War es gerade dieses als-Mädchen-behandelt-Werden, dieses Hineinnehmen in die intimste Sphäre des Mädchenschlafzimmers und Frisiertischs, gegen das sich etwas in mir sträubte?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich immer wieder, wenn sich die Bilder der beiden Spiegel-Mädchen wieder unter einem neuen Blickwinkel vor mir bewegten, die Bruchstücke einer absurden Gedankenkette abrollen ließ: sie ist ein Mädchen – Gott sei Dank, daß ich kein Mädchen bin wie sie – aber Gott sei dank, daß ich trotzdem aussehe wie ein Mädchen – sehe ich genau so wie ein Mädchen aus wie sie? – Oder sieht sie mehr wie ein Mädchen aus als ich? – wenn ich ein Mädchen wäre, wie sähe ich dann aus? – möchte ich aussehen wie sie? – möchte ich ein Mädchen sein wie sie? – wie ist es überhaupt, ein Mädchen zu sein? – sie ist ein Mädchen – und so drehten sich die Gedanken, in denen ich bald mich vor diesen Spiegel, in dieses meergrüne Negligé, unter diese kupferroten Locken dachte und eine gesichtslose Zofe mich bedienen ließ – um mich dann halb erschrocken, halb triumphierend wieder aus dieser Lynette-Haut zurück in mein Zofenkostüm zu holen, unter dem ich, Gott sei dank, kein Mädchen war wie sie – aber immerhin so aussah wie eines – fast so echt wie diese Lynette – wenn auch nicht so elegant aufgeputzt wie sie -obwohl mir dieses Negligé sicher auch stehen würde –
Ab und zu schlug dieses Quecksilberkugelrollen gleißender Gedanken seltsame Haken – einmal ertappte ich mich sogar bei der Frage: Wenn ich ein Mann wäre – wer würde mir besser gefallen, diese Lynette oder ich?!

„Quem ligem apergu – este?I“

Lynettes grüne, schattierte Augen sahen mich unter feinen, hochgezogenen Brauen fast vorwurfsvoll an. Wahrscheinlich hatte ich – eine höchst ungeschickte Zofe – wieder etwas vergessen oder verkehrt gemacht. Ich spürte, daß ich rot wurde.

„Ips ?“ fragte ich hilflos – wohl in der unklaren Vorstellung, das könne vielleicht doch „selbst“ heißen und sie veranlassen, diese rätselhafte Verrichtung selbst zu übernehmen.

„Apergu – apergu-bra – este!“ wiederholte sie und hob die weißen Arme – vielleicht, um vor einem unsichtbaren Publikum ihre hilfloses Staunen über derartigen Unverstand auszudrücken? Sie hatte, wie es rothaarige Frauen oft haben sollen, eine makellos weiße Haut – die meine sah dagegen aus wie die einer Erntehelferin – und ihre Arme waren grazil und wohlgeformt wie aus Porzellan.

„Ips!“ wiederholte sie fast schmollend, daß ich eine derartige Zumutung stellen könne – doch dann schien ihr der Gedanke, bei näherer Überlegung, sogar höchst komisch zu erscheinen, denn sie lachte plötzlich glucksend und rief nur in komischer Verzweiflung aus:
„Dla-mola, molar – ips apergu!“

Dann sprang sie impulsiv auf und ließ das duftige, meergrüne Negligé von den weißen Schultern gleiten. Lynette trug darunter nur ein dunkelgrünes, spitzenbesetztes Corselettchen – trägerlos, im Rücken tief ausgeschnitten – und die weißen, makellosen Schultern waren nur eine Handbreit von meinem Gesicht entfernt; eine Locke des kupferroten Haars, das wie eine Kaskade den Rücken hinabfiel, streifte meine Wange, und zugleich drang eine Welle schweren Parfüms zugleich mit der Wärme des fremden Körpers auf mich ein.

Das alles kam so unerwartet, daß ich einen Augenblick lang einen wilden Drang spürte, diesen weißen, glatten, duftenden Leib von hinten zu umfassen und an mich zu pressen – doch gleich darauf, fast wie abgestoßen, zurücktrat. Ich spürte ein fast schneidendes Gefühl in der Dammgegend und griff unwillkürlich, wie um Halt zu suchen, mit beiden Händen nach den glatten, falschen Brüsten unter meinem Kleid.

„Ici – apergu – bra!“ Lynette schien das etwas seltsame Benehmen der Zofe nicht bemerkt zu haben – oder wenn sie es bemerkt hatte, liebenswürdig zu übersehen.

Sie ging mit schnellen Schritten – wiegend, ihre Hüften wie ihre Brüste schienen fast zu üppig für die grazile Figur – auf einen der Spiegel zu, hob den Arm und drückte wieder einen der verborgenen Knöpfe. Der Spiegel schob sich beiseite und verschwand mit einer seltsamen Drehung in der Wand – dahinter wurde ein Stück Kleiderschrank: sichtbar, bis zur Decke hinaufreichend, oben mit runden Schachteln, wohl für Hüte, vollgeschichtet, unten voller fußlanger, kostbarer Abendkleider.

Sie fingerte an dem einen oder anderen herum und winkte mir dann, näherzutreten. Ich zögerte – ich hatte den Choc der körperlichen Nähe von eben noch zu sehr in den Gliedern – aber jetzt begann ich vage zu begreifen, worum sich unser Gespräch eben gedreht haben mochte: möglicherweise sollte ich ihr einen Rat geben oder Vorschlag machen, was sie anziehen sollte – was erklärt hätte, warum sie meine Idee, das „ips“ zu tun, so komisch gefunden hatte.

„Apergu?“ fragte ich also vorsichtig und zeigte auf mich selbst.

„Apergu – este!“ nickte Lynette strahlend, holte eines der Kleider aus dem Schrank und hielt es sich demonstrierend an den Leib.

Dies schien ich also endlich einmal richtig erraten zu haben – aber dafür war es auch wieder eine jener Situationen, in denen mich die unsichtbaren, doppelt und dreifach einander überschneidenden Spannungen kaum richtig dazukommen ließen, das zu tun, was ich tun sollte: dieser Wald raschelnder, köstlicher Kleider, aus dem diese Lynette da nur zu wählen brauchte – und anscheinend noch nicht einmal selbst zu wählen wußte! – löste in mir, der ich um dieses lächerliche schwarze Satinkleidchen hatte lügen und kämpfen müssen, zunächst einmal nur verzehrenden Neid aus: warum hatte sie all diese Kleider – warum durfte nicht ich sie wenigstens einmal probieren? Warum war sie ein Mädchen – und ich nicht?

Aber ich war kein Mädchen – und das spürte ich jetzt unabweislich: der weiße Leib Lynettes, halb nur verhüllt von den Kleidern, die sie sich probierend anhielt – die langen Beine in den schimmernden Seidenstrümpfen – die weißen, in den knappen Corselettschalen wie ein Paar appetitlicher Früchte dargebotenen Brüste – Schultern und Arme, Taille und Hüften – all das zog meine Blicke fast wider Willen immer wieder von den Kleidern ab, die ich doch begutachten sollte: ein stahlblau schimmerndes, ein violett-samtenes, ein duftig nilgrünes …

„Gren?“ sagte ich – vielleicht, weil das möglicherweise „grün“ hieß, vielleicht, weil ich diesem unschuldig aufreizenden Spiel ein Ende machen wollte, vielleicht, weil ich glaubte, daß Lynette nun endlich irgendeine Äußerung von mir erwarte: gleichviel, anscheinend war es etwas richtiges, was ich da gesagt hatte, denn sie nickte, wiederholte: „gren!“ und winkte mir lächelnd, ihr in das Kleid zu helfen: wiederum eine Aufgabe, die mich in Verwirrung stürzte. Denn weder war ich, mit meinen wenigen Kenntnissen solcher Kleider, sicher, daß ich überhaupt die richtigen Stellen, es zu öffnen oder zu schließen, finden würde – noch wußte ich, ob ich eigentlich wieder so nahe an diese weiße, glatte, parfumduftende Lynette herankommen wollte, wie es das Ankleiden erforderte.

Aber das Zaudern half nichts – wenn ich nun eine Zofe sein wollte, mußte ich schließlich auch Zofenarbeit tun. Glücklicherweise hatte das Kleid – schulterfrei wie das Corselett und schlicht geschnitten – am tiefen, spitzen Rückenausschnitt einen einzigen Reißverschluß, den ich, da er an einer konstruktiv sinnvollen Stelle lag, auf Anhieb fand; und nachdem er geöffnet war, bot es sich ebenso sinnvoll an, diese weite Öffnung der Lynette zum Hineinsteigen mit ihren schlanken, schimmernden Beinen hinzuhalten – wobei freilich ihr weißer, erregend aus den Corselettschalen hochdrängender Busen wieder fast eine Handbreit vor mein Gesicht kam, von einer Welle des schweren Parfums umweht. Doch da Lynette gleich mit dem nächsten Handgriff das Kleid vorn hochzog und, solange der Verschluß noch offen war, mit den beiden Händen über der Brust festhielt, war das nur ein kurzer verwirrender Moment – dann drehte sie sich ohnehin um und überließ es mir, den Reißverschluß hochzuziehen, so daß sich das knappe Untergewand des Kleids wie ein enges Futteral um Hüften, Taille und Busen legte, während nilgrüner Chiffon lose den scharf modellierten Körper umspielte. Ich fand noch ein Häkchen zum Abschluß – wieder mußte ich ganz nahe an die weiße, duftende Haut des Rückens herangehen – dann konnte ich zurücktreten und diese Lynette beneiden: um ihre schwellenden Formen, den vollendeten Sitz des Kleides, ihre kupferroten Locken, ihr milchweißes Antlitz – und darum, daß sie war, was ich nicht war: eine Frau.

Auch Lynette schien sich zu bewundern. Sie lächelte wieder, drehte sich graziös einmal um sich selbst, sich dabei im Spiegel betrachtend, und sagte dann, wie Einverständnis heischend:
„Ligem – tresme glanor, eh?“

„Tresme!“ nickte ich – intuitiv davon ausgehend, daß „tresme glanor” etwas wie dreifach oder besonders schön heißen könne; und allzu verkehrt konnte auch das nicht gewesen sein, wenigstens erntete ich diesmal kein Gelächter oder einen verzweifelten Augenaufschlag.

„Asei Margarita – este!“ wies Lynette weiter an – und das verstand ich nun unerwarteterweise endlich einmal auf Anhieb, weil ich recht genau wußte, daß „Margarita“ „die Perle“ hieß, und Perlen zweifellos zu diesem nixenhaften Kleid gehörten; mein Glück hielt an, ich entsann mich, in der Schmuckkassette auf dem Frisiertisch etwas wie Perlen gesehen zu haben – und so konnte ich, sogar mit einem kleinen Zofenknicks, eine dreifache Perlenkette präsentieren.

„Orly – ombale!“ Lynette legte die Kette um ihren weißen, schlanken Hals, und ich begriff, daß ich sie nun schließen sollte, denn die Schöne hob sorgsam ihr in den Nacken fallendes Haar – fast schien sie eine Scheu davor zu haben, daß ich dieses Haar berührte?! – und es gelang mir, den Mechanismus des Schlosses so schnell zu begreifen, daß sie nicht ungeduldig wurde. Sie nickte mir gnädig zu, ließ die kupfrigen Locken wieder über den Nacken fallen, ordnete noch – mit jener typisch weiblichen Geste, die ich vorhin auch geübt hatte – etwas an ihrer Frisur, warf einen letzten Blick in den Spiegel und befahl schließlich:
„Kothurni – ombra!“ Das konnten nun, der Sache nach, eigentlich nur noch Schuhe sein, und auch das Wort konnte – „Kothurn“ – Schuhe bedeuten; doch davon wußte ich noch lange nicht, wo sich in diesem Vexierkasten von Spiegeln und Wandschränken die Schuhe befanden. Das schien auch Lynette einzufallen, die mit einer Geste ihres weissen Arms auf eine Wand wies – ich ging, so mädchenhaft ich konnte, dort hinüber, fand, mit „bra“ und „bru“ eingewiesen, wieder einen jener Knöpfe, und ein Teil der Spiegelwand drehte sich wieder um: diesmal als mannshohes – oder sollte ich sagen: mäd-chenhohes? – Regal mit Damenschuhen aller Art, von der Silbersandale bis zu lackschwarzen, hohen Regenstiefeletten. Seltsamerweise waren es gleich die Silbersandalen, die mir als erstes ins Auge fielen, welche Lynette als „Kothurni“ wünschte – ob „ombra““Silber“, „holen“ oder vielleicht auch „zu guter letzt“ hieß, blieb freilich ungeklärt.

Mädchenhaft niederkauernd, streifte ich der Herrin die Pantöffelchen ab – sie hatte unter den zarten Strümpfen perlmuttlackierte Fußnägel – und dafür die Sandalen über: und damit war die Toilette beendet, die Boudoirkomödie vorüber.
Doch noch ahnte ich das nicht. Lynette tätschelte mir wie abschiednehmend nocheinmal den Oberarm, wieder spürte ich die Berührung ihrer Hand auf meiner Haut wollüstig widerstrebend – dann wandte sie sich um und ging mit wiegenden Hüften zu jener Tür, durch die mich – fast eine Stunde mochte es her sein – Frau Varell in diesen Raum geführt hatte.

Daß etwas nicht in Ordnung sein könnte, merkte ich erst, als Lynette an der Tür stockte. Die Klinke noch einmal niederdrückte. Unwillig daran rüttelte.

„Asei – dromale!” Sie wandte sich ärgerlich zu mir um. „Dromale – este??”

„Non!“ sagte ich – ich habe mit dieser Tür, die offenbar nicht aufgehen wollte, nichts zu schaffen! Aber andererseits läßt eine gute Zofe ihre Herrin auch nicht hilflos an einer Tür rütteln – also eilte ich ihr zu Hilfe. Ich drückte – kein Zweifel, die Tür war verschlossen.

„Dromale!“ nickte Lynette vorwurfsvoll, als habe ich. ihr das erst nicht geglaubt.
Das war recht seltsam. Wer sollte diese Tür abgeschlossen haben, und warum? Oder klemmte sie nur – was freilich in diesem Luxuszimmer ein unerwarteter Mangel gewesen wäre? Ich setzte noch einmal – mit etwas unmädchenhafter Energie – die Schulter gegen die Tür: sie rührte sich nicht.

Es war eine der wenigen nicht mit Spiegeln verkleideten Türen im Raum – cremefarbener Lack, mit Gold abgesetzt, mit einer goldschimmernden Klinke und einem Schlüsselloch darunter. Steckte der Schlüssel noch? Ich bückte mich und spähte unter der Klinke in die kleine Öffnung: tatsächlich, der Schlüssel steckte von außen: ich konnte das runde Ende des Schlüsselschafts erkennen. Irgendjemand mußte den Schlüssel – ob absichtlich, ob irrtümlich – umgedreht haben.

„Da – “ Ich versuchte Lynette mit Gesten zu erklären, was ich entdeckt hatte. Sie beugte sich gleichfalls zum Schlüsselloch nieder, schaute – unerklärlicherweise kniff sie ein Auge dabei zu – und richtete sich dann wieder auf :
„Droma – vorsa!“ bestätigte sie. Und dann, höchst ärgerlich: „Urto dia frappa!“ Mit schnellen, zornigen Schrittchen ging sie durch den Raum zu dem elfenbein-goldenen Telefon auf dem Nachttischchen neben ihrem Bett., hob den Hörer ab, lauschte, schlug ein paarmal nervös auf die Gabel, lauschte wieder –
“Da frappa!“ Das schien mir nun fast sicher ein Fluch – oder die höchst vornehme, lynette-hafte Version eines Fluchs zu sein: denn offenbar funktionierte das Haustelefon auch nicht.

Das begann nun in der Tat befremdlich zu werden – zumindest aber lästig. Irgendwie mußte man ja schließlich aus diesen Spiegelpalast herauskommen können! Vielleicht gab es noch einen anderen Ausgang?

“ – alterior?“ fragte ich vorsichtig – vielleicht hieß das in ihrer eigenartigen Sprache auch So? – und gestikulierte verdeutlichend von der verschlossenen Tür zu den Spiegeln und Schranktüren des Boudoirs.

„Oy – alterante!“ strahlte Lynette erleichtert – darauf hätte sie ja nun wirklich auch selbst kommen können, schließlich wohnte sie hier! – und flatterte auf ihren turmhohen Stöckelsandaletten, in jenem eigentumlichen weiblichen Laufen, bei dem die Mädchen zwar mit Knöchel und Hacke traben wie ein Lipizzaner der Spanischen Reitschule – aber deshalb genau nicht schneller vorankommen, als wenn sie einfach gehen würden! – auf eine andere creme-goldene Front des Zimmers zu.

Ein Druck ihres schlanken silbernagellackigen Fingers auf einen verborgenen Knopf – und das Paneel glitt zur Seite: den Blick auf einen benachbarten Salon freigebend – lila behängt und tapeziert, in dessen Mitte, vor einem zierlichen Sofa, auf einem runden Tisch eine Art Souper angerichtet schien: verheißungsvoll verdeckte Silberplatten, creme-goldene Porzellanteller, schimmerndes Besteck und zwei glitzernde Sektkelche. Aber all dem gönnte sie nur einen flüchtigen Blick, sondern eilte weiter zu der mattgoldenen Tür auf der anderen Seite des Raumes – druckte die Klinke –
„Alto: dromalel* Sie stampfte wie ein zorniges kleines Mädchen mit dem Fuß auf den schweren violetten Samt des Teppichs.

Ich war ihr langsamer gefolgt – nachdenklich: das schien ja nun in der Tat weder Irrtum noch Zufall zu sein, sondern System! Aber was immer wer auch immer sich dabei dachte, mich hier zusammen mit dieser Lynette einzusperren: ich war nicht gewillt, das so einfach hinzunehmen.

Erst einmal inspizierte ich die zweite „dromale“ Tür: hier steckte noch nicht einmal der Schlüssel von außen im Schloß – man hatte sie ganz einfach abgesperrt und ihn dann abgezogen:
„Droma – ne!“ erfand ich als Erklärung – oder wenigstens verstand sie meine Geste leer gespreizter Hände: aber auch, als ich gebieterisch die Linke hob, gewissermaßen zwischen halbgeschlossenen Fingern eine neue Idee präsentierend – und trab-trippelte erwartungsvoll hinter mir her, als ich mich wieder ins Boudoir zurückwandte.

Wenn man den Schlüssel in der Tür dort senkrecht drehen und nach außen herausstoßen könnte – und dann, mit einem unter der Türkante hindurchgeschobenen Papier, zu uns hereinziehen? Während ich mich bemühte, Lynette mit vielen Gesten und wenigen, meist frei erfundenen Worten diesen Plan zu erklären, fand ich diese ganze unerwartete Wendung eigentlich gar nicht einmal schlecht:
sooo verdattert und hilflos wie dieses Lynette-Mädchen war ich ja nun – trotz meiner Zofenrolle – eben doch nicht; und als sie mir, mit zusammengeschlagenen schlanken Damenhänden, großen Augen und „tresme ullysson!“ (sollte das heißen, so dreifach listenreich wie Ulysses?!) ihre Bewunderung für diesen Plan kundgab, fühlte ich mich zumindest so geschmeichelt wie ein richtiger Mann, dessen Einfallsreichtum eine junge Dame bewundert…

Vom Einfall zur Ausführung allerdings war noch ein weiter Weg. Zwar gelang es mir ziemlich leicht, eine von Lynette herbeigesuchte Modezeitschrift durch den schmalen Schlitz unter der Tür nach außen zu schieben – aber konnte man damit auch den Schlüssel wieder ins Zimmer ziehen, oder war er zu dick, um durch den engen Spalt zu passen? Von diesen Zweifeln erwähnte ich freilich nichts – warum die gerade entstandene Bewunderung gleich wieder aufs Spiel setzen, erst recht, wenn man das ganze Problem sowieso nicht richtig erklären konnte? – sondern machte mich erst einmal an den Versuch, den Schlüssel überhaupt erst so zu drehen, daß man ihn dann aus dem Schloß stoßen könnte.

Auch das schien zunächst ziemlich aussichtslos -bis ich darauf kam, Lynette, mit übertrieben pantomimisch gegeneinanderklappendem Zeigefinger, Mittelfinger und Daumen klarzumachen, daß ich etwas wie eine Pinzette – etwa, neue Pantomime, zum Brauenzupfen – brauche: worauf sie schließlich – etwas ernüchternd – schlicht „Oy – pinzetta!“ verstand (das hätte ich also einfacher haben können!) und mit fliegenden Fingern aus irgendeiner Schublade ihres Toilettentisches tatsächlich ein vergoldetes Pinzettchen produzierte.

Ganz unmerklich hatten sich die Rollen umgekehrt: jetzt war ich es, der – gebieterisch gestikulierend und schwatzend und etwas mitleidig, wenn man mir nicht folgen konnte – das Nötige verlangte; und es war Lynette, in ihren silbernen „kothurni“ und nilgrüner Robe, die mir demütig dabei assistierte …
Mühselig – denn besonders gut eignete sich das winzige Zupfpinzettchen nicht dafür – versuchte ich, mit spitzen Fingern einen Griff an der glatten metallenen Rundung des Schlüsselschafts zu finden und ihn allmählich in die richtige Richtung zu drehen. Aber – welches war die richtige Richtung? Ich hockte mich, während die Nähte meines knappen Zofenfähnchens warnend knackten, noch etwas tiefer vor das Schlüsselloch, um besser hineinspähen zu können und zu entdecken, auf welcher Seite davon eigentlich der Bart des Schlüssels sich befand – beugte mich noch etwas weiter vor, bis ich die Pinzettenspitze auf einmal gegen das Metall des Schlüsselbartes kratzen hörte: Links also! – und richtete mich triumphierend wieder auf:
nur – ohne meine wunderschönen schwarzen Mädchenlocken.

Denn in die hatte sich, während ich meinen Kopf vor dem Schlüsselloch hin- und herbewegte, unbemerkt von der Seite her die goldene Türklinke geschoben – und als ich den Kopf jetzt wieder zurückzog und hob, blieb die Perücke an der Klinke hängen.

Ich spürte zwar gleich, daß da etwas nicht in Ordnung war, als sich plötzlich der Ansatz der Frisur immer weiter in meine Stirn zog – aber einmal im Schwung des Aufrichtens aus der Hocke konnte ich mich erst zu spät bremsen, stockte – einigermaßen außer Balance – und verlor in dieser unglücklichen Stellung prompt, auf den noch immer ungewohnten hohen Zofenhacken, endgültig daß Gleichgewicht: plötzlich saß ich – mit geplatztem Zofenkleidchen und hochgerutschtem Unterrock – seidengrätschbeinig am Boden, während über mir, unerreichbar hoch an der Torklinke, Frau Varells Lockenperücke schwebte.

Der Übergang von der heroisch-kompetenten Befreiungsaktion zu dieser unerwarteten, peinlichen – und zudem noch höchst lächerlichen – Entlarvung war so jäh, daß ich zunächst einmal wie gelähmt am Boden sitzenblieb und nur weil nun mein Blick unwillkürlich in diese Richtung geraten war, stumm das Fräulein Lynette anstarrte: aber ich spürte, wie ich dabei, je länger das dauerte, umso tiefer puterrot im gepuderten Mädchengesicht anlief.

Das Fräulein Lynette schien zunächst genau so erstarrt: etwas vorgebeugt, wie sie dagestanden hatte, um meine Operation am Schloß besser verfolgen zu können, rührte auch sie sich nicht vom Fleck, sondern schaute mich nur mit – so erschien es mir jedenfalls – von Sekunde zu Sekunde größer werdenden grünsilbernen Augen über unbeweglich gefrorener Miene fassungslos – oder fasziniert? – an.

Dann sah ich – mit lähmendem Entsetzen – daß sich ihre schneeweißen Brüste über dem tiefen Dekolleté zu einem mächtigen Atemholen hoben – jetzt kreischt sie das ganze Haus zusammen, dachte ich – aber was dann kam, war kein schockierter Entsetzensschrei: sondern ein ziemlich undamenhaftes, fast hysterisches Gelächter:
„Una – “ stieß sie keuchend, zwischen immer neuen Ausbrüchen kicksenden Lachens, mühsam hervor, “ – tranavesta – este – etia – una tranavesta!!!“ und klatschte sich, anscheinend vor Vergnügen, mit den schlanken weißen Hunden auf die Schenkel unter dem nilgrünen Taftrock.

Ich saß noch immer am Boden – und sagte noch immer nichts. Weder war ich sicher, daß ich überhaupt vor Verlegenheit ein Wort herausbringen würde – noch schien es besonders notwendig oder sinnvoll, daß ich, in einer Sprache, die ich ohnehin nur mit Glück manchmal radebrechen konnte, noch etwas erklären sollte, was mein Gegenüber ja offensichtlich ohnehin schon bemerkt hatte: Ich war eben keineswegs, wie ich vorgegeben hatte, ein Mädchen oder eine Zofe – sondern, was immer das heißen mochte, „una tranavesta“!

Besonders entsetzt oder erschüttert schien diese Lynette darüber übrigens nicht zu sein – was mich eigentlich etwas verwunderte: nach allem, was ich mir bisher über junge Damen vorgestellt hatte, müßte die es ja, stundenlang halbnackt vor einem verkleideten männlichen Wesen herumgesprungen zu sein, weniger für einen ausgezeichneten Spaß, als vielmehr ihrerseits für ziemlich peinlich halten? Aber vielleicht hatte die schöne Selbstverständlichkeit, mit der Frau Varell und die alte Marthe meine Maskerade akzeptiert hatten, auch hier ein Gegenstück?!
„Essi – “ Lynette beugte sich noch weiter vor und zeigte begeistert mit dem Finger auf mich, „essi treeeeesme glanora zambina – ligem?“ Sie schlug die Hände vor der Brust zusammen. Bildete ich mir das nur ein – oder wollte sie mir sagen, daß ich ein „dreifach schönes Mädchen“ gewesen sei, bevor ich die Perücke verlor? „Este – “ sie konnte sich noch immer nicht beruhigen, „tresme zambinella reale – “ Lynette griff jetzt auch zur Pantomime, um mir etwas verständlich zu machen, und deutete sich übertrieben deutlich auf ihr Dekolletee:

„Io – “ (offenbar: sie selbst) „meratire -“ die schlanke Hand an die Stirn “essi asei zambina reale – tresme demura – “ sie trippelte demonstrierend drei Schrittchen nach rechts, ergriff mit spitzen Fingern einen imaginären Gegenstand, trippelte wieder drei Schrittchen nach links und überreichte ihn mit einem Zofenknicks einer ebenso imaginären Herrin, „e io – dubina – “ sie legte die weiße Stirn in tiefe Runzeln, „ea asseppa di zambina – “ sie reckte den schwellenden Busen heraus, „alterior di tranavesta – uh! – “ sie kroch in sich zusammen, die weißen Arme verschämt über der Brust verschränkt, „e io nosim merate este – etia tranavesta – !!!“ Wieder brach sie in helles Kichern aus:
aber daß ich noch verstand, worüber, hätte ich nicht mehr sagen können: irgendwie ging es ersichtlich um den Unterschied zwischen einer „zambina reale“ und „una tranavesta“ – wobei das eine offenbar ein wirkliches, das andere ein unechtes Mädchen war – aber woran oder warum sie gezweifelt („dubina“?) hatte, und wer sich vor wem wann schämen sollte … ? Wenn ich nicht alles total verkehrt verstanden hatte, dann betonte sie doch, daß sie mich die ganze Zeit für ein echtes Mädchen gehalten habe – warum sich also dann genieren? Da schien ich irgendwo den Faden verloren zu haben!

Jedenfalls erinnerte mich das Ganze aber daran, daß ich hier immer noch in einer Stellung am Boden hockte – Kleid und Unterrock bis zu den Hüften hochgerutscht und die Beine bis hinauf zu den Strumpfhaltern entblößt, ganz zu schweigen vom Schlüpfer! – die sich weder für eine reale zambina, noch erst recht für einen tranavesta vor einer solchen ziemte; ich schluckte also dreimal, um überhaupt wieder ein Wort herauszubringen, und begann dann, während ich mich vorsichtig aufrappelte, den demolierten Rock züchtig wieder zurechtstreichend:
„Io – “ (das hieß ja nun mal mit einiger Sicherheit „ich“ – aber wie nun weiter ?) “ – zambinare-“ (eine kühne, lateinisch inspirierte Schöpfung: ‚zambinare‘ – ’mädeln’, sich als Mädchen verkleiden?) “ a teatro di schola – “ (vielleicht stimmte das – Pinzetta hatte ja auch gestimmt?) – aber jetzt mußte ich doch zur Pantomime greifen und gestikulierte demonstrierend zu meinen etwas verstruppelten Jungenfrisur hin, dann zur Perücke an der Klinke: „una perukka – eh?“ warf ich fragend ein – sie nickte: anscheinend kam wenigstens etwas hinüber! – “perukka – “ (was hieß nun wieder „borgen“ ?) « – lendire – di dama Varell – ”

„Varell?“ wiederholte Lynette fragend – aber wie sollte ich ihr nun mit Worten oder Gesten erklären, wie ich an Frau Varell gekommen war? Glücklicherweise nickte sie aber gleich wieder: „Ah -Aschtharoth- !“ (Das konnte nun wieder alles Erdenkliche heißen: von „meine Tante“ bis „nicht so wichtig“ – wenn ich auch das Gefühl hatte, daß es noch etwas ganz anderes bedeuten könnte …)
“ – una – “ ich gestikulierte an mir herunter: ‚das Kleid habe ich auch von ihr‘ – „e – da idea – agire di domestique – eh?“ (wenn sie das verstand, war ich ein größeres Sprachgenie, als ich bisher geglaubt hatte – wenn ich bloß eine Ahnung gehabt hätte, was das für eine Sprache wart)

“Oy – Aschtharoth – umbia necia – ligem!“ wehrte sie das leichthin ab – es schien ziemlich deutlich zu heißen, daß, wer oder was immer auch „Aschtharoth“ sein mochte, es jedenfalls eine hinreichende Erklärung für die seltsamsten Dinge sei …

Aber nun wollte ich die Sachlage doch präzisieren:
„Io – “ vorsichtshalber wieder auf meinen falschen Mädchenbusen zeigend , „no zambina reale – io – tranavesta?“

„Ligem – !“ Lynette schien etwas befremdet, daß ich eine inzwischen so sattsam bekannte Sache nochmals feierlich feststellte.

“ – “ (was „du“ oder „Sie“ hieß, wußte ich noch nicht – also zeigte ich genau so demonstrativ auf Lynettes Busen – aber was „denken“ oder „halten für“ hieß, war mir jetzt auch wieder abhanden gekommen:) „mentarire (?) io zambina?* No mentarire tranavesta?“

Lynette runzelte leicht die Stirn:

“Eli io nosim zambina reale – dubini? Tranavesta?“

Jetzt waren wir wieder soweit wie zuvor: irgendwer zweifelte an irgendwas – aber wer und warum? An mir gab’s doch nun wirklich nichts mehr zu zweifeln;
„Ligem – !“ ich gestikulierte nocheinmal zu meinem perückenlosen Kopf, „no dubini – tranavesta – eh?“

Jetzt schien Lynette endlich verstanden zu haben! Denn sie nickte strahlend, hob nun auch die schlanken Hände zu ihren langen roten Locken – und hob sie, mit einer gewissen Feierlichkeit, sorgfältig vom Kopf.
„Io etia tranavesta – ligem?“ nickte sie mit glattem Schädel.

… und mit diesem – hoffentlich einigermaßen unerwarteten – Effekt schließt das IV. Kapitel –

  • und leider auch das ganze Fragment: wie so oft bei diesem Autor genau dann, wenn man wissen möchte, wie’s weitergeht …

Badenixe

Anm. Jula: es handelt sich hier um ein Fragment. Siehe auch die verärgerte Anmerkung von Hekate am Ende

Man findet sie an den unmöglichsten Stellen.
Selbst wenn man gerade überhaupt nicht danach sucht.

Ich zum Beispiel wollte wirklich nichts weiter, als einen neuen Film einlegen – ich hatte eine Menge Aufnahmen geschossen, sogar ein paar gute drunter; so unwahrscheinlich das klingt – manchmal brauche ich das richtiggehend, nach all den Klamotten im Studio; Sonnenstrahlen, durch Fichtenwipfel gebrochen – Laubfrosch auf Moos in Großaufnahme – sogar ’n richtiges Reh – mal so ganz wie’n naiver Amateur, der durch den Wald stiefelt

Die letzten Aufnahmen hatte ich vom Waldrand aus über eine Wiese hinweg auf den See gemacht: da war so ’ne Art Bootssteg, auf dem ein hübsches blondes Mädel in einem grasgrünen Badeanzug stand und anscheinend sein eigenes Spiegelbild im Wasser beguckte – ich hatte erstmal die Totale genommen, wegen der Stimmung, aber dann hatte ich mir die Kleine auch noch mit dem Tele ‚rangeholt, und ehe ich mich’s versah, war der Film alle.

Nun hätte ich den natürlich auch im Waldschatten wechseln können – aber irgendwie bin ich da komisch: ich fummele nicht gern freihändig mitten in der Natur an meiner Kamera herum, wenn ich es auch in einem lichtgeschützten Raum auf einer vernünftigen Unterlage tun kann.

Und seitwärts neben dem Bootssteg war so eine Art Badehütte, wo das ausgezeichnet gehen mußte. Wirklich nicht wegen der blonden Puppe da auf dem Steg – erstens mal sehe ich im Studio genug Mädchen, oft sogar nackter als die da, und zweitens mache ich mir sowieso nichts aus ihnen! – aber da drin konnte ich meine Sachen wahrscheinlich richtig in Ruhe ausbreiten, ohne daß mir Ameisen oder andere Naturwesen reinkrochen: ich habe da schon dolle Dinger erlebt bei Außenaufnahmen!

Also stiefelte ich vom Wald herunter über die Wiese auf diesen Schuppen zu – ganz gemütlich, Kamera um, Zubehörtasche über der Schulter, harmloses Naturfreund-Lächeln Nummer 1 auf den Lippen. Trotzdem schien das die blonde Biene zu erschrecken; denn als sie sich umdrehte und mich da herankommen sah, hopste sie plötzlich in hohem Bogen ins Wasser und tauchte erst mit viel Gepruste ein ganzes Stück weiter weg wieder auf.

„Entschuldigen Sie – “ rief ich ihr über den See hinweg zu, „dürfte ich mal in Ihrer Hütte da einen neuen Film einlegen – wegen dem Schatten, wissen Sie!“
Anscheinend überlegte sie erst einen. Moment – viel konnte ich von ihr zwar nicht sehen, nur den Kopf mit der grünen Badehaube und ’nem blonden Ponyschwanz – aber anders konnte ich mir die Pause nicht erklären, ehe sie sich mit einem kleinen Schwung ein bißchen aus dem Wasser hob und laut und hoch zurückrief:
„Jaaa-aa!“

Das war zwar knapp, aber eindeutig und positiv – also drehte ich mich um und ging zu dem Schuppen hinüber (er war nicht direkt am Steg, sondern aus irgendeinem Grund ein Stück vom Ufer zurückgebaut – was später wichtig werden sollte).

Ich stieß die Tür auf – schon etwas wackelig, ein altes Vorhängeschloß bammelte an einer rostigen Öse – und. war zunächst mal sehr zufrieden: da drin war es zwar affenheiß, aber schön dämmrig – und wenn auch außer einem Kleiderrechen an der Wand, einem kleinen fleckigen Spiegel und ein paar Gummischwimmflossen nichts drin war, gab es wenigstens eine Art Bank an der Wand, auf der ich meine Tasche absetzen und meinen Kram ausbreiten konnte (ich schleppte immer viel zu viel mit: die Polaroid hatte ich natürlich kein einziges Mal benutzt – trotzdem ich mir immer wieder einredete, damit könnte ich doch wunderbare Skizzen-Aufnahmen machen und gleich beurteilen, ehe ich die endgültigen Photos machte!)

Ich war so in meine Arbeit vertieft, daß mir eine ganze Weile lang nicht auffiel, daß hier in dem Schuppen etwas nicht stimmte. Vielmehr – irgendwo im Hinterhirn hatte ich das Gefühl, daß hier irgendwas nicht in Ordnung wäre; aber es drang nicht bis nach vorn durch, was …

Erst als ich mit allem fertig war und mich gerade vor dem Hinausgehen noch einmal umdrehte, fiel es mir plötzlich wie ein Klotz ins Auge, was mich die ganze Zeit nervös gemacht hatte: wenn ein Mädchen, an einem einsamen See, mutterseelenallein badet – in einem knappen zweiteiligen Badeanzug badet – dann müßten ja irgendwo am Ufer ihre Kleider sein.

Auf dem Bootssteg waren sie nicht gewesen. Irgendwo in der Nähe am Ufer auch nicht. Das hatte mich nicht gestört, weil ich natürlich annahm, daß sie hier im Schuppen wären. Aber da waren sie auch nicht!

Dafür hing an dem Kleiderrechen ein Paar nicht gerade saubere Leinen-Shorts – mit Reißverschluß – und ein kurzärmliges gestreiftes Hemd. Herrenhemd. Und am Boden standen ein Paar ziemlich ausgetretene Halbschuhe, in denen hellblaue Frotteesocken steckten. Weiter nichts.

Nun war es natürlich möglich, daß die blonde Nixe bereits im Bikini durch den ganzen Wald hierhergelaufen war – in Begleitung eines jungen Mannes, dem die Sachen gehörten, und der so weit hinausgeschwommen war, daß ich ihn nicht gesehen hatte.

Auch war es möglich – wenn auch noch unwahrscheinlicher! – daß sie zwar hochelegante Badekleidung bevorzugte, aber nach dem Baden lieber in schmuddeligen. Leinen-Shorts und einem Herrenhemd (ohne BH übrigens, denn da sah ich auch keinen) herumlief, in ausgelatschten Schuhen mit kurzen Absätzen,
Es gab aber noch eine dritte Möglichkeit, Und wenn die – was mir die wenigsten unwahrscheinlichen Annahmen zu verlangen schien – zutraf, dann wurde diese kleine blonde Badenixe auf einmal hochinteressant für mich …

Angefangen hatte es eigentlich bloß mit Ellis Badehaube.
Als ich zu der Hütte am See gekommen war und die Tür aufgeschlossen hatte, war sie mir gleich ins Auge gefallen: offenbar hatte Elli gestern ihre nassen Badesachen nicht mit nach Hause nehmen wollen, sondern gleich hier in der Hütte zum Trocknen aufgehängt.

Und da hingen sie nun – inzwischen bei der Wärme natürlich schon längst wieder trocken: der knappe grasgrüne Badeanzug, Höschen und Büstenhalter, und die Badehaube.

Es war eine von diesen raffinierten Badehauben, denen man von außen gar nicht ansieht, daß sie untendrunter aus wasserdichtem Gummi gemacht sind: weil sie obendrüber so eine Art Kopftuch aus Stoff haben, unter dem vorn und hinten ganz natürlich aussehende Kunststoffhaare hervorkommen – vorn nur so ein paar Locken, hinten ein richtiger langer Pferdeschwanz.

Ich hatte mir eigentlich schon immer gewünscht, diese Haube mal aufsetzen zu können – ich wollte nämlich zu gern wissen, wie ich wohl als Mädchen aussehen würde, und die Haube mit ihren falschen blonden Kunsthaarlocken war immerhin so etwas Ähnliches wie eine jener Damenperücken, die zwar überall ausgestellt waren, an die ich aber nicht herankam – denn Elli und Tante hatten keine, und um mir selbst eine zu kaufen, fehlte mir sowohl das Geld wie der Mut …

Also mußte es eben die Badehaube tun.
Ich nahm sie von dem Kleiderhaken, über den Elli sie gehängt hatte, schüttelte die blonden Kunsthaarlocken ein wenig zurecht, trat vor den kleinen Spiegel und stülpte sie einfach über den Kopf.

Natürlich saß sie noch nicht gleich richtig – ich mußte sie noch ein. bißchen tiefer über die Schläfen zerren – aber die Wirkung war von Anfang an ganz toll:
Natürlich hatte ich schon immer gewußt, daß ich ein „Mädelgesicht“ (wie es Tante Anne nannte) hatte – aber jetzt, wo die falschen blonden Locken auf einmal rechts und links über meine Wangen fielen, erkannte ich mich beinahe selbst gar nicht wieder: so hübsch und richtig mädchenhaft sah das aus!

Ich drehte und wendete den Kopf vor dem kleinen halbblinden Wandspiegel hin und her: ja – auch von der Seite wirkte das ganz natürlich, vorn die Locken und hinten unter dem Kopftüchlein hervor der lange blonde Pferdeschwanz!
Dann studierte ich nochmal ganz kritisch das Gesicht zwischen diesen Mädchenlocken: oval und feingeschnitten war es ja, die Nase vielleicht ein bißchen zu breit – aber da hatte ich Mädchen mit weitaus schlimmeren „Zinken“ gesehen! – die ziemlich langen und dichten dunklen Wimpern waren dafür ein ausgesprochener Pluspunkt – ich konnte richtig mit den Augendeckeln klappern wie so eine Sexbombe im Fernsehen – allerdings der Mund …

Ich schaute mich suchend um – und tatsächlich, da hatte Elli ja auch ihr Plastiktäschchen liegengelassen, in dem sie das Zeug hatte, um nach dem Baden immer ihr make-up wieder zu reparieren! Ich machte es auf und fand auch, was ich suchte; einen Lippenstift – so richtig leuchtend korallenrot.

Erst probierte ich ihn sehr vorsichtig an der Oberlippe aus – aber dann bekam ich mehr Mut und malte mir, mit mehr Glück als Sachverstand, ein regelrechtes Bardotschnütchen mit steilen Bogen und voller, schmollender Unterlippe.
Jetzt gefiel ich mir noch besser – richtig sexy sah ich aus!

Ich wühlte noch ein bißchen in Ellis Täschchen – vielleicht etwas von dem bläulichen Lidschatten? Aber davon erwischte ich im ersten Gang so viel, daß ich richtig elend aussah – und wischte das meiste wieder weg, bis nur noch ein schwacher Hauch zurückblieb.

Hmm – mehr konnte ich da eigentlich gar nicht machen, schloß ich, als ich mich nocheinmal im Spiegel betrachtete.

Aber jetzt kam es mir fast selbstverständlich vor, daß ich Hemd, Hose und Schuhe auszog – und dafür Ellis Badeanzug an.

Das Höschen – knapp, aber weich gefüttert – paßte mir auf Anhieb wie angegossen (und preßte mir sogar meinen Zipfel mühelos so zwischen die Beine zurück, daß man gar nichts mehr von ihm ahnte); das Oberteil allerdings, auch ziemlich knapp und stramm, stand zwar durch seine eingearbeiteten Büstenschalen schon etwas von meinem Brustkorb ab – aber keineswegs so, wie das meiner Meinung nach sein mußte!

Ich sah mich wieder um und entdeckte dann einen Haufen alter Zeitungen am Boden. Als ich daraus zwei kräftige Bälle zusammengeknüllt und in die Schalen des Büstenhalters gestopft hatte, sah das schon viel besser aus – nur kam im Ausschnitt zwischen den Schalen noch ein störender Rand Zeitungspapier zum Vorschein. Ich stopfte das Papier kräftig seitwärts in die Schalen zurück, und machte dabei eine verblüffende Entdeckung: wie ich dabei Haut und Fleisch, unwillkürlich, mit der Hand zur Mitte zog, um das geknüllte Papier weiter zurückzuschieben, bildete sich zwischen den beiden Schalen auf meiner Brust ein geradezu erschreckend naturgetreuer Buseneinschnitt!

Mit noch mehr Zeitungspapier und etwas Experimentieren brachte ich es so weit, daß die nach oben und innen zusammengedrängte Brustmuskulatur wie der echte Ansatz zweier strammer Mädelbrüste aus dem Ausschnitt des knappen Halters quoll – Elli wäre ganz schön neidisch geworden, wenn sie das gesehen hätte, denn ihr Busen füllte den Bikini bei weitem nicht so effektvoll aus!

Das alles sah ich natürlich nur so von oben, wenn ich an mir herunterschaute – oder mit Verrenkungen in den kleinen Wandspiegel schielte; aber jetzt hätte ich mich gar zu gern auch mal in voller Lebensgröße gesehen: nur gab es hier in der Badehütte keinen großen Ankleidespiegel – und übrigens, hier an dem abgelegenen See, auch sonst weit und breit keinen …

Noch während ich das dachte, merkte ich, daß ich die Lösung ja eigentlich schon hatte: der See selbst, an dem sich in der Sommerhitze kaum ein Lüftchen rührte – das war doch ein Spiegel, wie ich mir größer gar keinen wünschen konnte!

Einen Moment zögerte ich zwar: es war ein Ding, sich hier im Inneren der Hütte, vor allen Blicken geschützt, anzuputzen – ein anderes, so als Mädchen hergerichtet ins Freie zu gehen!

Aber dann redete ich mir die Bedenken schnell wieder aus: Wer kam denn schon um diese Zeit hierher ? Onkel, Tante und Elli bestimmt nicht – die hatten mir ja gerade erklärt, daß sie heute nicht baden könnten, weil irgend jemand zum Kaffee kam; und wer hatte sonst schon etwas hier zu suchen? Übrigens – wenn wirklich jemand in der Ferne, am anderen Ufer vielleicht, vorbeikäme: was würde er schon sehen? Ein blondes Mädel im Badeanzug eben (auf die Entfernung hin mußte das alles ja noch echter wirken, wenn ich schon hier aus der Nähe mit der Maskerade zufrieden war) – und selbst wenn es jemand war, der sich hier auskannte, würde er mich eben für Elli halten, die ja oft genug mit diesem Anzug und dieser Haube hier badete…

Und als ich draußen auf dem Steg stand, wußte ich, daß ich diesen Anblick wirklich nicht hätte versäumen dürfen: denn was mir der spiegelglatte See da im hellen Sonnenlicht zurückwarf, das war in der Tat das Bild einer entzückenden jungen Badenixe – ein bißchen schmal in den Hüften zwar, aber das war ja sogar modern, und dafür oben herum umso eindrucksvoller gebaut!

Ich konnte mich von diesem Spiegelbild gar nicht wieder losreißen und drehte und wendete mich, wie vorhin in der Hütte, hin und her – nur daß ich diesmal nicht nur das Gesicht, sondern den ganzen Körper dieser hübschen jungen Dame bewundern konnte, die ich da mit ein paar Badesachen und viel zusammengeknülltem Zeitungspapier herbeigezaubert hatte!

Wieder und wieder probierte ich alle möglichen Mädchengesten und -stellungen aus, die das spiegelnde Wasser treulich zurückwarf: die Arme im Nacken verschränkt, den Kopf im Nacken, unter gesenkten Lidern hervorblinzelnd – dann den Arm in die Hüfte gestemmt, über die Schulter hinwegschauend – am Rand des Stegs niedergehockt, daß ich auch im Spiegelbild meinen wohlgerundeten Ausschnitt bewundern konnte – dann wieder auf Zehenspitzen, die schlanken Arme hochgereckt …

… und sah deshalb, völlig mit mir selbst beschäftigt, den Fremden erst, als er schon bis auf knapp zehn Meter herangekommen war!

Im ersten Augenblick war ich vor Schreck regelrecht wie gelähmt. Nicht, daß der Mann besonders .furchterregend ausgesehen hätte – im Gegenteil, eigentlich schaute er ausgesprochen harmlos aus: ein. breitflächiges, eher weiches Gesicht unter einem weißblonden Haarschopf, ein freundliches Lächeln auf den Lippen, eine Kamera und eine schwarze Ledertasche umgehängt – offensichtlich ein Fotoliebhaber, der hier in der Gegend Aufnahmen gemacht hatte.

Nur hatte ich eben genau mit einem solchen unerwarteten Naturbummler nicht gerechnet – und schon gar nicht damit, daß er mir dann gleich auf ein paar Meter gegenüberstehen würde!

In die Hütte zurück konnte ich nicht – er stand ja gerade mitten auf dem Weg vom Steg dorthin! – aber etwa stehenzubleiben und gar irgendeine Unterhaltung mit ihm zu führen, das traute ich mich erst recht nicht!

Wieder kam mir als rettende Erleuchtung: Der See!

Ich wandte den Kopf, so beiläufig und selbstverständlich, wie ich konnte, wieder zurück – reckte mich wie eben auf die Zehenspitzen – und flüchtete mich mit einem, wie ich hoffte eleganten, Sprung ins Wasser.

Ob er wirklich elegant war, weiß ich nicht – jedenfalls aber so kräftig, daß ich erstmal untertauchte und ein paar Stöße weit in den See hinaus-schwimmen konnte, ehe ich wieder an die Oberfläche kam – und auch dann schwamm ich erst noch ein Stück weiter, ehe ich mich wieder zum Land umwandte.

Der Fremde war inzwischen an den Rand des Bootsstegs getreten – aber das machte mir jetzt nicht mehr soviel aus: erstens mal waren jetzt fast zwanzig Meter zwischen uns – zweitens steckte ich zum größten Teil unter Wasser, nur der Kopf mit Locken und Badehaube schaute heraus – und drittens konnte ich mich, wenn ich es für nötig hielt, leicht noch weiter zurückziehen: der Mann würde schwerlich mit Kamera, Tasche und Hemd und Hose ins Wasser springen, um etwa hinter mir herzukommen.

Das hatte er denn, wie sich zeigte, auch gar nicht vor:
„.Entschuldigen Sie – “ rief er mir über das Wasser hinweg zu, „dürfte ich mal in Ihrer Hütte da einen neuen Film einlegen – wegen dem Schatten, wissen Sie !“

Das klang ja nun eben gerade nicht, als wenn er irgendwelchen Verdacht geschöpft hätte (warum sollte er auch? Schließlich sah er ja gar nichts Ungewöhnliches: nur ein blondes Mädel, das am Steg gestanden hatte und jetzt, wie das an diesem Tag gewiß tausende taten, in das kühle Wasser gesprungen war…) – und es störte mich auch überhaupt nicht, wenn er nur möglichst rasch seinen Film wechselte und dann wieder verschwand!

Wenn ich dennoch mit der Antwort zögerte, hatte das einen anderen Grund: ich wußte nicht recht, wie ich das machen sollte – Antwort geben, meine ich. Denn so mädchenhaft ich aus der Ferne (oder sogar aus der Nähe) aussehen mochte – davon hatte ich noch keineswegs eine hohe Mädchenstimme!

Um erstmal ein bißchen Zeit zu gewinnen, paddelte ich irgendwie herum, als wenn ich ihn mir erst nochmal genau ansehen müsse – und entschloß mich dabei, es zu riskieren: e i n Wort würde ich ja wohl auf jeden Fall in höchstem Sopran flöten können?!

„Jaaa-aa!“ jodelte ich also, mich ein wenig aus dem Wasser hebend (er sollte ruhig meinen wohlbestückten Ausschnitt dabei sehen), zurück – und wenn sich mitten im Wort noch ein kleiner Kickser einschlich, so klang das überraschenderweise gerade deshalb überzeugend mädelhaft.

Dann allerdings wendete ich schnurstracks wieder und schwamm weiter in den See hinaus – ich wollte nicht riskieren, daß er etwa noch weitere lange Unterhaltungen mit mir anzufangen versuchte!

Er schien es denn auch zufrieden – und als ich aus sicherer Entfernung wieder einen Blick über die Schulter zurückwarf, sah ich ihn zur Hütte hinübergehen.
Eigentlich, dachte ich jetzt, nachdem ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, war dieser erste „öffentliche Auftritt“ als Mädchen doch sehr erfolgreich verlaufen: offensichtlich hatte der Fremde mich ja schon eine ganze Weile gesehen, wahrend er vom Wald über die Wiese zum See herunterkam – hatte sogar ein ausgesprochen charmantes Lächeln auf-gesetzt, als er gerade anfangen wollte, mit mir zu reden – ich hatte ihm einen kühnen Nixensprung in den See vorgeführt und ihm auch noch gnädig (und in der richtigen Stimmlage!) erlaubt, seinen Film zu wechseln.

Und nun schwamm ich in Ellis Badezeug als blonder Badeengel im See herum, was auch sehr echt aussehen mußte. Genau genommen hätte ich jetzt auf dieses kleine abenteuerliche Zwischenspiel schon gar nicht mehr verzichten wollen – bestätigte es mir doch, daß ich wirklich für jeden uneingeweihten Betrachter vollkommen als Mädchen erscheinen konnte !

Ich warf wieder einen Blick über die Schulter zurück. Es war auf keinen Fall verkehrt, noch möglichst weit in den See hinauszuschwimmen – damit ich so halb und halb außer Rufweite war, wenn er wieder aus der Hütte kam. Dann würde er sich hoffentlich auch nicht weiter lange am Ufer aufhalten und so schnell wieder verschwinden, wie er aufgetaucht war.

Tatsächlich dauerte es noch eine Weile, bis ich ihn wieder aus der Tür treten sah – er kam dann, wie ich das so halb und halb befürchtet hatte, nochmal an den Steg, sah aber offenbar nur weit draußen auf dem See einen Kopf mit grünem Tuch und blondem Ponyschwanz, rief, die Hände an den Mund gelegt „Vie – len Daa – ank!“ zu mir herüber – und ich gönnte ihm immerhin, mich wieder ein bißchen aus dem Wasser zu heben und mit einem schlanken Arm mädchenhaft (und wie ich hoffte, eindeutig abschiednehmend) zurückzuwinken; auf weitere Sopranworte verzichtete ich vorsichtshalber.

Das schien ihm auch zu genügen – denn er wandte sich um und ging, soweit ich das verfolgen konnte, wieder mit langen Schritten über die Wiese zum Wald hinauf.
Das wäre überstanden, dachte ich – legte aber dennoch eine weitere Runde im See ein: einerseits, damit er, wenn ich an Land kam, mit Sicherheit weit genug in den Wald hineingegangen wäre – andererseits, weil es mir einen Mordsspaß machte, einmal als blonde Elli in Bikini und Badehaube in unserem alten See herumzuschwimmen: das lauwarme Wasser streichelte und schmeichelte mir so richtig um die Glieder, der stramme Büstenhalter drückte und zog beim Schwimmen ein wenig ungewohnt, aber nicht unan-genehm, und wenn ich den Oberkörper aus dem Wasser hob, legten sich die langen nassen Haare angenehm kribbelnd auf meinen nackten Rücken – es stimmte schon, daß es eine feine Sache sein müßte, als Mädchen auf die Welt zu kommen!

Schließlich schien es mir an der Zeit, umzukehren. Ich hatte zwar noch eine Menge Zeit – und überhaupt noch keine Lust, Ellis Badekostüm auszuziehen: aber vielleicht fiel mir an Land noch irgendwas Interessantes ein, was ich anstellen konnte, um mich dabei im Wasser zu spiegeln – schade halt, daß Elli nicht auch noch ein Kleid oder so etwas hier in der Hütte gelassen hatte!

Zumindest einmal gefiel ich mir sehr gut, als ich aus dem Wasser stieg und wieder auf dem Bootssteig stand: Der blonde Schwanz klebte mir jetzt breitgefächert im Nacken, auf der ganzen glatten Haut perlten appetitlich kleine Tröpfchen – glücklicherweise hatte ich überhaupt keine Haare an Brust, Armen und Beinen, nur so ein bißchen weichen Flaum, wie ihn ein Mädchen auch haben könnte – nur mein Zeitungspapierbusen hatte sich natürlich voll Wasser gesogen, das mir jetzt dauernd den Bauch hinabsickerte: aber dabei war er auch richtig weich und schwer geworden, so daß er jetzt die Büstenhalterschalen naturgetreu nach unten zog..

Ich griff flüchtig mal in den Ausschnitt und zerrte die Haut wieder richtig schön in der Mitte zusammen, modellierte mit beiden Händen die weich-nassen Papierklumpen zu kessen Halbkugeln, schüttelte nochmal die nassen Glieder und Haare und ging dann zur Badehütte hinüber.

Warum eigentlich, weiß ich gar nicht mehr genau – vielleicht aus einem unklaren Gefühl, ich müsse doch nachschauen, ob der Fotograf dort keine Unordnung gemacht habe, oder so etwas – aber jedenfalls erlebte ich dort den ersten kleinen Schock:
Die Tür ging nicht auf.

Ich sah allerdings gleich, warum: Als ordentlicher Mensch hatte der Fremde, als er ging, das Vorhängeschloß eingehängt und zugedrückt – was allerdings, da der Schlüssel noch im Schloß steckte, auch kein großer Schutz gewesen wäre.
Aber immerhin befaßte ich mich die paar Sekunden, bis ich das alles kapiert hatte, so ausschließlich mit der Badehütte, daß ich nicht merkte, was hinter mir vorging.
Das merkte ich erst, als es klickte und eine weiche höfliche Stimme sagte:
„Vielen Dank – ich wollte mich doch für Ihre freundliche Hilfe mit einer kleinen Aufnahme revanchieren!“

Ich fuhr herum: wahrhaftig, da stand er wieder – der Teufel wußte, wo er hergekommen war! – , lächelte mich in seiner harmlosen Art an und hatte offensichtlich gerade aus nächster Nähe ein Foto von mir gemacht!

Ich starrte ihn wortlos an. Wahrscheinlich hätte eine wirkliche junge Dame jetzt irgendwas gesagt – sei es nun was Geschmeicheltes oder was Entrüstetes: aber mir hatte erstens das unerwartete Auftauchen dieses Gesellen, den ich meilenweit im Wald entfernt glaubte, erst recht die Sprache verschlagen – und zweitens hätte ich mich auch sonst nicht getraut, wieder mit meinem unsicheren Kicks-Sopran zu experimentieren!

Aber glücklicherweise schien ihn mein Schweigen gar nicht zu befremden; denn er sprach fast ohne Pause mit seiner sanften, liebens-würdigen Stimme weiter:
“Sie müssen nur – “ er hatte die Kamera gesenkt und zog jetzt ein schwarzes glänzendes Stück Papier aus ihrem Inneren heraus “- sechzig Sekunden warten, dann können Sie gleich das fertige Bild sehen – in Farbe, wissen Sie, das ist der Vorteil bei diesen neuen Polaroidaufnahmen – “ er schaute auf seine Armbanduhr, ein teures; stahlschimmerndes Ding mit vielen Knöpfen, “ – nur dauert es eben bei Farbbildern immer noch sechzig Sekunden – “ entschuldigendes Achselzucken, als wolle er beteuern, daß er an dieser Unvollkommenheit der Technik völlig unschuldig sei, “ – aber ich habe mir gedacht, so ein fertiges Bild kann ich Ihnen dann doch gleich als Andenken geben – nachdem Sie mir vorhin so nett erlaubt haben, Ihre Hütte zu benutzen, als ich den Film wechseln mußte – „

Er schwätzte leichthin immer weiter, das Bild während der immer wieder betonten „sechzig Sekunden” mit der Hand hin- und herwedelnd – und ich war ihm, offen gestanden, sehr dankbar dafür: denn so hatte ich wenigstens Zeit zu überlegen, was ich nun – zum Teufel! – tun. sollte.

Eins jedenfalls, das wußte ich, konnte ich diesmal nicht: nämlich wieder in den See hüpfen. – denn, war es nun Absicht oder Zufall, der Fotofreund hatte sich genau zwischen mir und dem Zugang zum Steg plaziert und wich auch nicht einen Millimeter zur Seite!

In den Schuppen hätte ich zwar – wenn ich erstmal das Schloß aufgeschlossen hatte – gekonnt: aber was für einen Sinn das haben würde, wußte ich auch nicht – plötzlich wortlos in ein Häuschen zu verschwinden, wenn man angeredet wird, ist bestimmt nicht die sichere Art, sich unverdächtig zu gebärden; und wenn, andererseits, der Fotoknabe irgendeinen Verdacht schöpfen und mir näher auf den Leib rücken würde, schützte eine Schuppentür, die man von innen nicht verriegeln konnte, mich schwerlich.

Zudem schien ja im Augenblick auch gar kein Anlaß zur Flucht: was der Fremde da tat, war ja alles andere als beunruhigend oder auch nur merk-würdig – er hatte sich eben unterwegs überlegt, daß er der netten blonden Badenixe da doch noch ein Foto schenken könnte, war umgekehrt und hatte es jetzt gemacht (was konnte er dafür, daß diese Nixe gar keine war und sich dadurch völlig aus dem Konzept gebracht fühlte ?!).

Dazu kam noch etwas: trotz aller Probleme der Situation war ich brennend scharf darauf, dieses Foto zu sehen – ja sogar als „Andenken“ behalten zu können! Das hatte ich ja nicht einmal in meinen kühnsten Träumen gedacht – ein fertiges, farbiges Dokument gleich von meinem ersten Ausflug ins Reich des anderen Geschlechts zu bekommen!

Genau genommen gab es bloß ein Problem: die verdammte Stimmlage, die mich dauernd daran hinderte, ein Wort zu sagen! Wenn es nicht um diesen blöden Sopran gegangen wäre, hätte ich mir schon zugetraut, ein Mädchen zu markieren – schließlich wußte ich ja, wie sich. Elli so anstellte, wenn sie mit jungen Männern sprach! Übrigens, kam mir dabei ein, sprach sie in solchen Fällen manchmal ziemlich leise, gewissermaßen bloß mit den Lippen – das sollte wohl irgendwie damenhafte Zurückhaltung andeuten – und wenn ich das nun auch tat? Bei einem bloßen stimmlosen Wispern mußte ich doch ganz gut tarnen können, daß meine Stimme zu tief war – zumal ich ja vorhin wenigstens schon einmal die hohe Stimmlage demonstriert hatte.

Während dieser Überlegungen – und des ständigen Redeflusses meines höflichen Fotografen – waren nun anscheinend die sechzig Sekunden vor-übergegangen: Er trennte mit einem geschickten Griff das Deckpapier , zog es vorsichtig ab – und präsentierte mir , mit einer angedeuteten Verbeugung, das Bild:
“ – und da wäre es, gnädiges Fräulein!“

Richtig. Da war das gnädige Fräulein: gerade, wie es sich wieder auf-richtete, nachdem es das Schloß der Badehüttentür inspiziert hatte – zwar ein bißchen von der Seite aufgenommen und nicht in die Kamera schauend, aber vollkommen natürlich – und verblüffend „echt“: kein Mensch hätte geglaubt, daß das gar kein Mädel war!

„Aber wirklich – “ hauchte ich stimmlos, vom Bild aufblickend und ihn ein wenig anlächelnd. Das war zwar völliger Blödsinn – aber ein Blödsinn, den Elli und Tante Anne außerordentlich oft sagten, wenn ihnen jemand Blumen oder Pralinen oder sonstwas gab, und demzufolge wahrscheinlich völlig der Reaktion einer Dame in dieser Situation angemessen, hoffte ich.

Mein Gegenüber schien damit auch völlig zufrieden:
„Nur schade, daß Sie auf dem Bild nicht lächeln – da sehen Sie natürlich noch hübscher aus!“ beantwortete er mein vorsichtiges Lächeln sofort und hob gleich wieder die Kamera: „Noch eins? Aber jetzt lächeln!” bat er eindringlich.

Natürlich konnte ich nicht widerstehen – wann würde ich schon wieder so billig und einfach zu Aufnahmen meines zweiten Ichs im Bikini kommen?

Also strahlte ich ihn mit aller Koketterie, die ich aufbieten konnte, und breitem Zahnpastareklame-Lächeln an, als er jetzt wieder abdrückte.

„Und – leider – nocheinmal sechzig Sekunden – “ entschuldigte er sich, als er das schwarze Papier aus der Kamera zog.

Das war der echte Nachteil – nochmal ganze sechzig Sekunden über konnte ich ihn ja nun nicht wieder ganz allein quasseln lassen, ohne meinerseits auch etwas zu sagen! Aber dann wenigstens möglichst nicht viel – und etwas, das dann ihm wieder Gelegenheit zum Reden gab:

„Wie Sie das so können – “ hauchte ich also wiederum, diesmal mit dem Versuch, Bewunderung in meine Stimme zu legen – Bewunderung pflegte Ellis Verehrer immer zu längerem Pfauenradschlagen anzuregen, während dem der weibliche Gesprächspartner nichts zu sagen brauchte außer „ach” und „oh“ und „ja“. Das schien auch diesmal zu wirken, denn er legte alsogleich sein Gesicht in bescheidene Falten und wehrte obenhin ab:

„Ach, das ist pure Routine – wissen Sie, als Berufsfotograf – da macht man so viele Aufnahmen – “
Das brachte ihn aber sogleich auf die gute Idee, bereits während die letzte Aufnahme noch beim Entwickeln war eine dritte zu schiessen:

„Machen Sie das mal wie so ein Pin-up-Modell – ja, den Kopf noch mehr in den Nacken, und dann so schräg in die Kamera gucken – und nun sagen Sie mal ‘Tschiiiiscäik’- das soll die richtige Lippenstellung geben, heißt zu deutsch. ‘Käsekuchen’ – also: ‘Tschiiiiscäik’!“
„Tschiiiiiiiiiiscäik!“ hauchte ich hingebungsvoll – was Besseres als so ein Fachmann konnte Dir ja gar nicht über den Weg laufen, dachte ich dabei…]

[kursiv|

Der Kleine posierte tatsächlich wie ein Mädel vor der Kamera – ein echtes Naturtalent!
Denn ich hätte wetten mögen, daß er überhaupt noch keine Routine darin hatte – dazu war das make-up, wenn man es aus der Nähe sah, zu ungeschickt, und außerdem hätte er sich was Wasserfestes als Busen in den Bikini gestopft: nicht Irgendwelches Zeug, das jetzt noch immer Rinnsale über seinen Bauch sickern ließ.

Aber die Figur und das Gesicht waren tadellos – und vor allem die Gesten, die kamen ihm auf Anhieb richtig (und was hat man selbst mit wirklichen Weibern da manchmal für Trouble!),

Nein, es hatte sich schon gelohnt, den ganzen Weg vom Waldrand auf dem Bauch wieder zurückzukriechen – so daß er mich vom See aus nicht kommen sehen konnte – und ihn hier abzufangen. Daß er auf den Köder mit den Fotos sofort so begeistert anbiß, sprach übrigens auch dafür, daß das eines seiner ersten Experimente! – vielleicht sogar das erste überhaupt? – war: Im Anfang sind die immer ganz närrisch auf Fotos von sich, damit sie sich später als “Dame“ begucken können…

Nur hieß das natürlich doppelte Vorsicht: den mußte ich jetzt mit genau der richtigen Mischung von Zuckerbrot und Peitsche kirremachen …

Zunächst mal stellte ich ihn noch in so ein paar richtige pin-up-Girl-Posen – das hatte drei Vorteile: er gewöhnte sich unwillkürlich daran, daß ich ihn herumkommandierte, und das baute mich natürlich als Autorität auf – zweitens mal merkte er, und das war für später auch wichtig, daß ich was vom Fotografieren verstand und klasse Bilder von ihm machen konnte – und drittens, da hätte ich mich schon schwer schneiden müssen, machten ihn die Bilder, je toller sexy er darauf herauskam, immer schärfer …

Mit der Stimme hatte er übrigens auch Trouble – hauchte nur immer so ton-lose Sätzchen wie “Oh – toll!“ oder „Hach nein!“: das ist so ein Komplex, den auch viele anfangs haben – wenn die sich überlegen würden, mit was für versoffenen Bierstimmen manche tollen Puppen reden (und daß das die Heinis auch noch sexy finden!), dann hätten sie überhaupt keine Hemmungen, loszuquasseln, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist: wenn sie richtig aufge-macht und angefummelt sind, fällt so’ne leichte Zarahstimme überhaupt nicht auf! Aber das würde er alles schon noch lernen…
Jetzt allerdings mußte ich erstmal das Grundsätzliche klären.

Ich hatte ihn gerade hingegossen wie die Venus auf den Rasen drapiert und ganz von oben aufgenommen – sah wirklich aufreizend aus, zumal er so’n naturechtes Dekolleté hatte! – und stand so richtig breitbeinig und autoritär über ihm, während er sich das Bild beguckte – da sagte ich:

“Sie fotografieren sich wirklich ausgezeichnet – “ geschmeicheltes Damen-lächeln , “ – zumal wenn man bedenkt, daß Sie gar kein Mädel sind !”

Sein Gesicht war wirklich amüsant anzusehen: erstmal guckte er wie ’ne Kuh, wenn’s donnert – es kam halt gar zu unerwartet! – dann überlegte er, ob er sich als entrüstete Dame herausbluffen könnte – und gab’s gleich von vornherein auf, was ’ne Menge Zeit sparte! – und dann wurde er richtiggehend rot und schaute mich an, als wolle er sich am liebsten in ein Mausloch verkriechen. Das reichte erstmal als Schock – jetzt mußte ich ihn sanft wieder aufbauen:

„Aber – da brauchen Sie doch nicht so entsetzt zu gucken: ich finde das doch einen herrlichen Ulk! “ Immer schön jungenhaft-harmlos dabei lächelnd: „Erst vorhin am See bin ich glatt darauf hereingefallen – aber als ich dann in der Hütte Ihre Sachen sah…“

„Ach Gott ja – die Sachen! Daran hatte ich gar nicht gedacht…” murmelte er zerknirscht. Na ja, wenigstens hatte ich ihn jetzt am Reden – aber nun mußte ich schwer aufpassen: wenn er nämlich jetzt etwa Angst bekam, ich wäre schwul und stünde auf ihn, dann war alles im Eimer ,,,

hier, zum Teufel, bricht auch dies Fragment mal wieder ab! Aber das haben halt “Fragmente” mal so an sich …

Der Gürtel der Aphrodite

Zweiter Zwischenbericht
über Recherchen in den Fragmenten des Hellmut Wolfram]
(Das folgende Fragment, auf das ich bei den Vorarbeiten für meine Abschlußarbeit zum Erwerb der Würde einer literarisch-erotischen Diplom Haushaltshilfe stieß, bezieht sich zwar nicht auf die Themenkomplexe Dienstmädchen”, “Schürzen” oder “Tanten” – dürfte aber vermutlich gerade für Freundin Jula von Interesse sein, weil es etwas Licht auf den “Kipp-Zeitpunkt” bzw. dessen Ereignis-Vorfeld wirft, den sie in ihren Bemerkungen vom 8. November anspricht.
Margot Trugmaid, Diplomkandidatin

Wenn man aus den Fragmenten Biographisches entnehmen will, stößt man immer wieder auf das gleiche Problem: wenn der Mann doch bloß nicht so creativ wäre! Erst mal stellt er alles jedesmal in einen – zwar ihm, aber keineswegs stets dem bedauernswerten Leser, klaren – größeren Handlungsrahmen, den er meist aber gar nicht zuende führt, weil er das Fragment schon vorher abbricht
(das ist in diesem Fall, wie sich allmählich abzeichnet, offenbar die durchaus originelle Idee, den Sohn eines Vaters, der wegen transvestitischer Neigungen von der ganzen Familie als “sozusagen für sie gestorben” erklärt wurde, Schritt für Schritt die Wahrheit (und seine eigene analoge Veranlagung) entdecken zu lassen – vermutlich mit einem grandiosen Finale, das Sohn und Vater als “Mutter und Tochter” vereinen wird?und andererseits kann er, wo er auf irgendein Erinnerungs-Detail stößt, selten der Versuchung widerstehen, nun “zum Knopf den ganzen Anzug zu schneidern”, indem er das nach allen denkbar-möglichen Entwicklungsrichtungen ausweitet: so daß man selten weiß, was “wirklich passiert” ist – und was nur “hätte passieren können”!

Glücklicherweise kann man – da der Autor ja noch zu Interviews zur Verfügung steht – versuchen, von ihm zu erfahren, was denn nun was sei:
ich gebe aber erst einmal den unkommentierten Text – um die Resultate meiner Nachfragen später in einem “Nachwort” zusammenzufassen.
Der Titel der ganzen Story, deren Beginn dies Fragment werden sollte, war:

Der Gürtel der Aphrodite

1.Kapitel: Das Album

In den Schriften der Uneingeweihten wird oft großes Aufheben darum gemacht, ob wir als Kind lieber mit Puppen oder mit Soldaten gespielt, öfter in der Küche oder in der Werkstatt geholfen oder eher Jungen oder Mädchen als Spielgefährten gesucht hätten.

Darüber kann ich heute nur lächeln: das ist nicht die Art, wie die Große Göttin uns auserwählt…

Für mich zum Beispiel war bis zu meinem sechsten Lebensjahr die Welt ebenso einfach und wohlgefügt, wie sie – etwa mit den Augen einer unserer modernen Emanzipations-Predigerinnen gesehen – „typisch männlich“ war: ich war zwar – das sah ich schon ein – noch klein; aber wenn ich groß war, würde ich einen ebenso aufregenden wie schmutzigen Beruf ergreifen – Traktorfahrer oder Lokomotivführer oder Schleppkahnschiffer – und meine Nanna heiraten. Die würde dann zwar meist allein zuhause sitzen, während ich in der Welt herumfuhr und Geld verdiente – aber ein oder mehrere Kinder kriegen, damit sie sich nicht langweilte, und mir jedenfalls gutes Essen kochen und die Strümpfe stopfen, wenn ich zwischendurch mal nach Hause kam.

Bis das allerdings so weit war, mußte ich mich den für kleine Jungen geltenden Regeln auf der Welt fügen, wie: sich vor dem Essen die Hände waschen, früh genug zu Bett gehen, Spinat essen, der .mir zwar nicht schmeckte, einen aber groß und stark machte und so weiter – was sich aber alles, angesichts so klarer und erfreulicher Zukunftsaussichten, ertragen ließ: zumal der erste konkrete Schritt auf diesem Wege – nämlich: in die Schule zu kommen – immer näher rückte.

Mädchen und ihre Angelegenheiten – insbesondere „kleine“ Mädchen, also solche etwa meines Alters — interessierten mich zu dieser Zeit außerordentlich wenig. Erstens einmal hatte ich ja meine Nanna, die sehr viel größer, hübscher und vernünftiger war als all diese – mir sowieso nur ziemlich selten auf Spielplätzen oder im Zoo begegnenden – etwas gezierten, aufgeputzten und meinem Gefühl nach ziemlich albernen Wesen; andererseits muß ich damals noch unter dem Eindruck einer Erklärung des Unterschieds zwischen Mädchen und Jungen gestanden haben, die mir „Oma“ entweder sehr ungeschickt gegeben – oder die ich bemerkenswert falsch verstanden hatte:

Jedenfalls kamen, soweit ich das heute noch rekonstruieren kann, meiner damaligen Meinung nach Kinder in einer einheitlichen Standardausführung auf die Welt – wurden dann in den ersten Lebensmonaten von ihren Eltern nach körperlichen Merkmalen, wie Größe, Kraft und unter anderem auch Ausbildung ihres „Spätzchens“, begutachtet – und danach entweder in Mädchenkleidern als Mädchen oder in Hosen als Jungen aufgezogen.

Danach war es verständlich, daß ich es fast als peinlich empfand, mich mit solchen – offensichtlich von ihren eigenen Eltern als unvollkommen eingestuften – Geschöpfen näher einlassen zu müssen: so starrte ich etwa, als ich einmal statt mit meiner Nanna mit einem fremden kleinen Mädchen in eine Karussellkutsche steigen mußte, die ganze Fahrt über gequält und kühl aus deren Fenster, ohne es eines Wortes zu würdigen. Ebenso peinlich – wenn nicht noch schlimmer – wäre es für mich gewesen, mich etwa öffentlich in einem Kleidungsstück zu zeigen, das etwa auch nur entfernt dem Eindruck hätte erwecken können, ich sei kein Junge: als uns einmal in der Stadt ein Gewitter überraschte und man auf die naheliegende Idee kam, mir rasch ein buntes Regencape zu kaufen, lehnte ich dies mit eisiger Würde ab – in einem solchen Cape, meinte ich, könne man mich ja für ein Mädchen halten!

Völlig anders – und wer diesen „doppelten Standard“ für unfaßbar hält, beweist nur, daß er seine eigenen Vorurteile noch nie nüchtern logisch überprüft hat! – war natürlich meine Einstellung zu meiner Nanna und zu großen, „richtigen“ Frauen überhaupt: das nun waren Wesen, die alles Hübsche, Zärtliche, Angenehme und Weiche in der Welt – das ja offenbar von Traktorfahrern oder Schleppkahnschiffern nicht gepflegt werden konnte – zu bieten und darzustellen hatten; die bunte, zarte und komplizierte Kleidungsstücke zu tragen hatten, die für Männer viel zu empfindlich gewesen wären – sich Lippen, Augenlider und Fingernägel bemalen durften (wiederum etwas, das naheliegenderweise für einen öligen, rußigen Lokomotivführer nicht in Frage kam) – gut nach Blumen oder Marzipan rochen und an Brust und Hüften weiche und angenehme Rundungen zeigten.

All das mußte so sein – denn wir Männer hätten ja all diese zweifellos hübschen und erfreulichen Dinge nicht bieten können – und ich war durchaus stolz darauf, daß meine Nanna in jeder Beziehung (dafür hatte ich damals bereits einen erstaunlich scharfen Blick!) diese Aufgabe der Frau in der Welt besonders gut erfüllte: so stolz, daß es mich – im vollen, sicheren Bewußtsein meiner älteren Rechte – auch überhaupt nicht störte, wenn große, erwachsene Männer sie, während sie mit mir spazieren ging, ansprachen oder auch begleiteten (zumal diese Männer dann ja auch immer sehr nett und kameradschaftlich zu mir waren).
Daß – und auf welche Art – solche großen, schönen Frauen aus den kleinen, ziemlich verächtlichen Mädchen wurden: das war ein Problem, über das ich damals überhaupt keinen Gedanken verlor. Für mich gab es im Prinzip nur zwei Welten: die große, aufregende und interessante Welt der Erwachsenen – und die weitaus weniger interessante, mit zahlreichen nicht immer angenehmen, aber verständlichen Einschränkungen versehene Welt der Kinder, und mein wichtigstes Anliegen schien zu sein, möglichst bald aus dieser Welt in die Welt der Erwachsenen vorzustoßen; daß diese Welt nicht auf mich warten würde – oder daß andere Kinder gleichzeitig mit mir erwachsen werden könnten, waren Gedanken, auf die ich damals überhaupt nicht kam.

Demzufolge galt auch das, was ich über den Unterschied von „kleinen“ Jungen und Mädchen wußte, für mich zunächst überhaupt nicht in Bezug auf erwachsene Männer und Frauen: da waren ja nun die Unterschiede in Aussehen, Verhalten und Tun so offensichtlich, daß ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen war, nach ihren Hintergründen zu fragen! Arg verwirrt wurde ich da nur mal im Karneval, als ich bei einem Umzug auf einem Wagen neben anderen Masken ein paar richtiggehend hübsche, geschminkte Mädchen in bunten Kleidern sah – und aus Bemerkungen der Erwachsenen entnahm, das seien „in Wirklichkeit“ junge Männer.

Über dieses Problem dachte ich abends im Bett noch lange nach: wenn es so war, daß der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen von den Eltern durch die Wahl der Kleidung festgelegt wurde, dann entbehrte die Aussage, jemand sei „in Wirklichkeit“ etwas anderes, als seine Kleidung auswies, doch des Sinns? Oder meinten sie, daß diese jungen Männer „in Wirklichkeit“ Hosen unter den langen Mädchenröcken getragen hatten? Das ließ aber immer noch die Frage offen, warum sie auch lange Frauenlocken und richtig runde Busen unter den Miedern gehabt hatten…

Oder konnte man vielleicht später auf eigene Faust die frühere Entscheidung der Eltern noch einmal abändern – ähnlich, als wenn jemand, der nach dem Willen seiner Eltern Lehrling beim Kolonialwarenhändler werden sollte, plötzlich davonlief und Schiffsjunge wurde? Das brachte aber erhebliche Unsicherheit in die ganze, bisher doch sehr übersichtlich scheinende Welt der Erwachsenen!

Schließlich – nachdem ich ähnliche seltsame Fälle mit neu geweckter Aufmerksamkeit beobachtet hatte (selbst meine Nanna hatte doch zu einem Karnevalsfest mal Männerkleidung angezogen!) – einigte ich mich mit mir selbst auf folgende Lösung: Neben der offiziellen Ordnung der Welt, in der natürlich Männer Männer mit Hosen und Frauen Frauen mit Röcken waren, gab es offenbar gewisse Ausnahme-Situationen – wie Karneval, wo sich sowieso alle Leute seltsam maskierten, Theaterstücke, wo ja auch kleine Jungen taten, als seien sie Prinzen oder Zwerge, Zirkus oder Varieté – wo sich jemand au auch als „falsche“ Frau oder als „falscher“ Mann kleiden und benehmen konnte. Das war natürlich immer noch ein Verstoß gegen die wirkliche, festgelegte Weltordnung und gab somit keineswegs das Recht dazu, nun auch etwa die tatsächlichen Rechte eines solchen Wesens zu beanspruchen – im Gegenteil mußten solche Leute meist in irgendwie lächerlicher Weise „aus der Rolle fallen“, etwa die falschen Locken verlieren, in Wassereimer fallen, ohne Rock oder Hose dastehen oder dergleichen. Dumm war nur, wer die Verkleidung vorher nicht entdeckt hatte – weshalb ich von da an alle Personen in Karnevalszügen, Clownsnummern oder ähnlich verdächtigen Situationen mit besonderem Mißtrauen in Bezug auf ihr Geschlecht betrachtete.
Doch kaum hatte ich auf diese Weise mein Bild der Welt wieder in Ordnung gebracht, als diese ganze Welt – in einem Umfang, der alle bisherigen Probleme winzig und unwichtig erscheinen ließ – um mich »zusammenbrach:

Meine Nanna verlobte sich mit einem fremden Mann. Zuerst wollte ich das überhaupt nicht glauben; denn sie hatte mir ja oft genug versprochen, daß sie später, wenn ich groß sei, mich heiraten werde. Doch dann (offenbar, als sie merkte, wie ernst ich die ganze Sache nahm) begann sie mir, von Oma unterstützt, eine Erklärung zu geben: die Regierung – so müsse ich, immerhin schon ein großer Junge, verstehen – habe angeordnet, daß Brüder ihre Schwestern nicht mehr heiraten dürften; das sei, wie eben so vieles auf der Welt, nicht mehr erlaubt. Und trotz großer Trauer darüber (die ich freilich Nanna nicht angemerkt hatte!) habe sie sich nun, da ja ein Mädchen schließlich irgendjemand heiraten müsse, entschlossen, den mir ja immerhin seit langem als sehr nett bekannten Martin zu heiraten. Ich hingegen werde sicher später auch ein sehr hübsches und liebes Mädchen zum Heiraten finden, wenn ich groß sei.

Äußerlich nahm ich diese Erklärung scheinbar mit Verständnis und Würde auf. Aber für mich allein brauchte ich lange Zeit, um all das zu verdauen: Zunächst einmal war mein ganzer, so übersichtlich und erfreulich ausgelegter Lebensplan zusammengebrochen. Statt lediglich erwachsen zu werden und dann sofort eine vertrauenswürdige, wohlbekannte Frau zur Hand zu haben, würde ich da irgendeine wildfremde Person suchen müssen – und zwar, das wurde mir mit Schrecken klar, aus den Reihen dieser albernen kleinen Mädchen, mit denen ich bisher nicht das Geringste im Sinne gehabt hatte! Die Aussichten, da etwas zu finden, was auch nur entfernt meiner Nanna gleichkam, erschienen mir ehrlich gesagt sehr düster.

Aber selbst meine Nanna hatte mich ja schwer enttäuscht. Wenn sie sich etwas mehr beeilt hätte – oder ich etwas früher erwachsen geworden wäre – hätten wir uns noch vor diesem folgenschweren Regierungsedikt heiraten können: oder war dieses Edikt überhaupt so neu? Hatte sie vielleicht schon vorher davon gewußt – und sich schon heimlich diesen Martin gesichert? Oder – noch schrecklicherer Gedanke – hatte sie diesen Martin etwa lieber als mich? Natürlich war er sehr nett, und schon erwachsen, und viel größer und stärker als ich – aber all das, und mehr, hätte ich ja später auch bieten können (er war noch nicht einmal Traktorfahrer oder sonst etwas Aufregendes, sondern arbeitete in einen Büro – wo er anscheinend nichts weiter tat, als allerhand Papier vollzuschreiben!).

Genau in diese erste Krise meines Selbstbewußtseins fiel nun die zweite: ich kam zur Schule – und dort war auch alles völlig anders, als ich mir das vorgestellt hatte.
Ich war der Meinung gewesen, daß alle anderen Jungen – gleich mir – als Hauptzweck in ihrem Leben sahen, möglichst bald erwachsen zu werden: und dementsprechend die Schule als ein höchstwillkommenes Mittel dazu begrüßen würden. In Wirklichkeit schien ich in eine wilde Horde von Dummköpfen und Grobianen geraten, die alles mögliche im Kopf hatten, nur nicht, erwachsen zu werden!

Statt die Lehrer – \wie das für mich selbstverständlich erschienen war – als erwünschte Vermittler von interessantem Wissen zu begrüßen, schienen sie vor ihnen entweder Angst zu haben, oder sie für Störenfriede zu halten. Statt die Unterrichtsstunden für wichtig und die Pausen für störende Unterbrechungen zu halten, behandelten sie die Dinge gerade umgekehrt. Und was das Schlimmste war: die Lehrer selbst schienen das für völlig in der Ordnung zu halten!

Für mein Empfinden war die Schule zwar nichts Wunderbares, aber so etwas ähnliches wie ein Zahnarzt: wenn man gesunde Zähne haben wollte, mußte man zu ihm hingehen – und er guckte sich schnell, aber gründlich die Zähne an, hakte und bohrte ein wenig (aber nur dann, wenn man etwas falsch gemacht hatte) und entließ einen wieder mit guten Ratschlägen, wie man die Zähne weiter pflegen sollte (was zwar weder angenehm noch interessant war, aber notwendig). Warum zum Teufel arbeiteten Schüler und Lehrer nicht auch so?

Ich wollte überhaupt keine Osterhasen malen – sondern schreiben und rechnen lernen, weil man das als Erwachsener können mußte. Warum brachten mir die Lehrer das nicht so schnell und gründlich wie möglich bei? Und warum interessierten sich die Mitschüler weder fürs Schreiben, noch Rechnen, noch fürs Osterhasenmalerei, sondern für Balgereien im Schulhof oder sonstiges dummes Zeug (das konnten sie doch alles machen, wenn die Schulzeit vorbei war!)?

Daß mich die anderen bald „Streber“ und „Musterschüler“ schimpften, trug ich erst noch mit Fassung – die waren halt blöd und merkten nicht, daß die einfachste Art, mit der Schule fertigzuwerden, doch sein mußte, alles Notwendige so schnell wie möglich zu lernen. Aber völlig verstört wurde ich, als mich ausgerechnet der Lehrer, den ich am meisten bewunderte, in der Pause, als ich noch in der Klasse rasch mein Pensum wiederholen wollte, ansprach und mit den Worten hinausschickte, ich solle doch auch mal so sein wie die anderen Jungen!

War denn alles, was ich mir vorgenommen hatte, verkehrt? War es denn nicht das Wichtigste, in der Schule das zu lernen, was man später als Erwachsener brauchte? Oder – noch schlimmer: war es vielleicht ein Schwindel, daß man auf diese Art erwachsen werden konnte? Hatten die Erwachsenen vielleicht vor, uns alle zusammen überhaupt nicht in ihre Welt hineinzulassen? Nahmen sie deswegen ihre Aufgabe als Lehrer so lasch – freuten sie sich deswegen, wenn die anderen alles mögliche dumme Zeug trieben, statt zu lernen – und hatte deswegen auch meine Nanna es überhaupt nicht ernst genommen, mich später zu heiraten?!

Natürlich waren diese bestürzenden Gedanken mir damals in keiner Weise etwa so klar, wie ich das heute formuliere: schließlich waren das alles ja auch emotionelle Erschütterungen für einen Sechseinhalbjährigen, die – in einer entsprechenden Situation – selbst für einen Erwachsenen gereicht hätten:
denken wir etwa zum Vergleich an einen jungen Rittersmann, der bisher – dank der Lehren von Kirche und Familie – sein künftiges Leben immer so gesehen hat: er werde nach Jerusalem ziehen, dort in Heldentaten das Heilige Grab aus den Händen der Heiden befreien, dann – siegreich zurückgekehrt – das ihm von Kindheit an versprochene Ritterfräulein ehelichen und mit ihr glücklich bis ans Ende seiner Tage leben; der nun aber, aufgebrochen, schon unterwegs von der Nachricht erreicht wird, seine Braut habe ihn wegen eines reichen alten Kaufherrn verlassen – und überdies noch, im Kreuzfahrerlager angekommen, feststellen muß, daß die Ritter dort Würfeln, Saufen und persönliche Fehden für weitaus wichtiger halten als das ganze Heilige Grab – wobei ihm Priester und Anführer nahelegen, sich möglichst genau so zu benehmen!

Man könnte sich vorstellen, daß er darauf – wenn zart besaitet -Selbstmord begeht; daß er – wenn etwas vitaler – sich erstmal sinnlos betrinkt; oder – wenn ihm dazu Gelegenheit geboten wird – in die seltsame Brüderschaft Baphomets eintritt.

Ich jedenfalls – nicht Ritter, sondern Schulbub – tat etwas, das (aus heutiger Sicht) ein wenig von allen drei Möglichkeiten enthielt, und worin ich in den folgenden Jahren eine gewisse unbewußte Routine entwickelte: ich wurde krank.

Krank zu sein, hatte ein wenig von der Selbstvernichtung, aber auch von jener Wirkung auf die Umwelt, wie der Selbstmord: man rückte plötzlich wieder sehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit (selbst meine Nanna saß abends wieder oft stundenlang an meinem Bett), alle benahmen sich etwas schuldbewußt und rücksichtsvoll – und man litt andererseits auch echt, weshalb man all diese Dinge guten Gewissens über sich ergehen lassen konnte.

Aber es hatte zugleich auch etwas vom Selbstvergessen, von der Bewußtseinsveränderung eines Rausches: in hohem Fieber sahen alle gewohnten Dinge auf einmal anders, fremdartig, bedrohlich, aber auch interessant aus – die Lampe, die Zimmerdecke, die Blumen auf Nannas buntem Morgenrock – und es kamen einem seltsame, manchmal beängstigende, manchmal erregende Gedanken oder Träume.

Und schließlich hatte man sehr viel Ruhe und Zeit, um ganz mit sich selbst allein Überlegungen, Tagträumereien und Gefühlen nachzuhängen. Natürlich fehlte mir damals jeglicher Schlüssel, der mich in die Mysterien der GROSSEN GÖTTIN oder die Lehren Baphomets eingeführt hätte – auch wäre es vermessen, wollte ich heute noch behaupten, ich könne wiedergeben, was mir in jenen langen Stunden des Krankenlagers alles durch den Kopf ging: aber sicher scheint mir, daß ich in jenen Tagen den Grund für alles Spätere legte.

Schwerlich kann ich damals bereits dazu in der Lage gewesen sein, etwa klar und überzeugt eine Erkenntnis zu fassen wie: alle haben Dir bis jetzt die Welt ganz anders geschildert, als sie wirklich ist – und Dich damit ganz schön in die Irre geführt! Aber wenn es nicht die Erkenntnis war, so hatte ich zumindest das eine solche Erkenntnis notwendig begleitende Gefühl; ein merkwürdiges, mit einer gewissen Art des Fieberbewußtseins einhergehendes Erlebnis, auf einmal alles Gewohnte und Vertraute, ja sogar mich selbst wie aus einer neuen Dimension, von hoch oben oder von der bisher unbekannten Rückseite aus zu sehen – beängstigend, aber auch irgendwie faszinierend in seiner Neuartigkeit und ungeahnten Freiheit!

Nun kann man sich an ein solches, vielleicht nur in einem Ausnahmezustand des Bewußtseins mögliches Erlebnis später nicht echt wieder erinnern – zumal die Idee, für die es stand, für mich damals natürlich viel zu gewaltig war: daß ich mich nämlich auf nichts und niemand in meiner bisherigen Welt verlassen dürfe, sondern sie ganz und gar neu und nur auf mich selbst gestellt begreifen und bewerten müsse!

So blieb denn auch zunächst nichts weiter zurück als eine – scheinbar kaum verknüpfte – Reihe seltsamer Denkmöglichkeiten oder Tagträume, die mich von da an immer wieder beschäftigten; abstoßend, aber auch eigentümlich aufregend:
Daß es mitten in der alltäglich vertrauten Wand eines Zimmers eine geheime Tür geben könne, von der niemand etwas wußte, die sich aber plötzlich irgendwann öffnen könne … daß ein Ort oder ein Land, von dem alle Erwachsenen wie selbstverständlich sprachen, vielleicht in Wirklichkeit gar nicht existiere, sondern nur eine von allen gemein¬sam erdachte und immer wiederholte Lüge sein möge … daß man jemand eine schöne, bunt eingewickelte Schachtel schenken könne, die gar nichts – oder etwas höchst Abscheuliches enthielte … daß ein Sofa vielleicht ein Tier sei, das tagsüber immer schlafe, aber nachts, wenn niemand im Zimmer war, anfange, umherzukrabbeln … oder daß man zu jemand besonders lieb und nett tun könne, während man ihm heimlich einen bösen Streich spiele …

Nicht etwa, daß ich nun dergleichen wirklich geglaubt oder getan hätte: im Gegenteil – zum Beispiel war ich fast ängstlich bemüht, am ersten April nur ja keinen Scherz zu machen, der jemand eine echte Enttäuschung bereitet hätte – aber es faszinierte mich, mir ungeheuerliche Möglichkeiten auszumalen, wie man jemand bei einer solchen Gelegenheit hätte verletzen oder enttäuschen können! Doch dergleichen behielt ich, sogar dem bloßen Gedanken nach, stets völlig für mich.

Wenn ich jetzt etwas baute, enthielt es ebenso meist eine geheime Einzelheit – etwa einen Baustein, der beim Herausziehen das ganze Gebäude zum Einsturz gebracht hätte, oder eine Falltür, die in ein unterirdisches Verlies führte: aber mir genügte es völlig, um diese verborgenen Möglichkeiten zu wissen – ohne daß ich nun etwa wirklich den Stein herausziehen oder die Falltür öffnen mußte …

In Geschichten oder Zeitschriften, die man mir vorlas oder die ich, in den nächsten Jahren, immer begieriger selbst zu lesen begann, fesselten mich ganz ähnliche Dinge: Geheimfächer oder geheime Gänge, Spione oder Verräter, die äußerlich etwas ganz anderes vorgaben, als sie wirklich vorhatten. Die Insel, auf der Sindbads Gefährten landeten, und die sich später als der Rücken eines gewaltigen Walfischs erwies – Detektive oder Meisterverbrecher, die ihre Umwelt durch raffinierte Maskeraden täuschten – rätselhafte Inschriften, deren Sinn niemand kannte, und versunkene Ruinenstädte, von denen keiner etwas ahnte – nicht zuletzt auch jene seltsamen Fälle, in denen sich ein schönes Mädchen als verkleideter Mann oder Junge entpuppte!

Rein äußerlich hatte übrigens meine Krankheit eine für mich durchaus erfreuliche Entwicklung gebracht: erst einmal sah es so aus, als habe ich durch die verlorene Zeit in der Schule hoffnungslos „den Anschluß verpaßt“ – und das gab den Anlaß dafür, mir von einem alten pensionierten Rektor (von dem ich heute vor allem noch weiß, daß er seltsam säuerlich aus dem Hals roch, wenn ich ihm gegenübersaß) „Nachhilfestunden“ geben zu lassen. Und die waren nun endlich das, worauf ich eigentlich ausgewesen war: staubtrocken und mühselig zwar, aber hochkonzentriert auf ABC und Einmaleins – die ich erst verbissen, dann, den Fortschritt spürend, mit immer wachsender Freude meisterte.

Anschließend schickte man mich – ich glaube, auf Empfehlung des alten Rektors – auf eine Privatschule, in deren Klassen Jungen und Mädchen zusammen unterrichtet wurden (wobei die Jungen in meiner Klasse aus irgendeinem Grund nur ein Drittel der Schüler ausmachten). Von früheren Erfahrungen her hatte man zwar halb und halb damit gerechnet, daß ich bei der Vorstellung, mit Mädchen zusammen in einer Klasse sitzen zu müssen, wieder in entrüsteten Protest ausbrechen würde: aber das war – zur gelinden Überraschung aller – überhaupt nicht so.

Sei es nun, daß sich meine Einstellung zu Mädchen überhaupt geändert hatte – oder daß ich Schulmädchen für akzeptabler hielt als früher „kleine“ Mädchen – oder auch nur, daß ich die erheblich ruhigere Atmosphäre solch einer überwiegend aus Mädchen bestehenden Klasse nach meinen unangenehmen Erfahrungen auf der Jungenschule zu schätzen wußte: jedenfalls gab es diesmal überhaupt keine Probleme – sondern sogar, nach einigen Wochen der Eingewöhnung, ganz normale Beziehungen sowohl zu den Jungen wie den Mädchen.

Die Jungen – in der Minderzahl (und überdies wohl von zuhause etwas besser erzogen als der Durchschnitt meiner früheren Mitschüler) – hielten mit einem gewissen Korpsgeist zusammen, der sich allerdings weniger auf Pausenunfug als auf den Wettstreit der Schulleistungen bezog; die Mädchen andererseits, als Masse auftretend, waren zwar unserer geschlossenen Meinung nach erheblich alberner und viel mehr auf unwichtigen Krimskrams wie Zopfspangen oder saubere Schürzchen bedacht – aber im großen und ganzen doch (für Mädchen) wenigstens Mitschüler, deren man sich als Junge nicht gerade zu schämen brauchte.

Anfangs hatte ich zwar zuweilen einen ziemlich hilflosen Zorn auf sie, wenn einige von ihnen sich ausgesprochen unfair benahmen (was soll man denn machen, wenn einen jemand dauernd an den Haaren zerrt und sich dann, wenn man wiederzerren will, auf die Position „Pfui, du ziehst ein Mädchen an den Haaren!“ zurückzieht?) – aber als mich die Lehrerin, auf meinen tränenvollen Protest über solche Ungerechtigkeit, kurz dahin beschied, Jungen heulten über so etwas nicht, sondern ertrügen es im Bewußtsein ihrer sonstigen Überlegenheit still, akzeptierte ich diese Spielregeln schließlich auch.

Im Laufe der Zeit gewann ich sogar einige echte Bewundrerinnen unter meinen Mitschülerinnen, weil ich – aus meiner ohnehin reichen und durch Verschlingen aller möglichen Bücher genährten Phantasie – in Schulpausen oder bei gelegentlichen Einladungen die abenteuerlichsten Handlungen in Gang setzen konnte: etwa, eine Herde zitternder Millionenerbinnen aus den Fängen imaginärer Gangster zu retten, wobei man sich wunderbar atemlos durch Hecken oder auch nur durch ein – angeblich von drei Maschinengewehren überwachtes – Wohnzimmer schleichen mußte, oder Blaubarts Gattinnen vor ihrem grausigen Schicksal zu bewahren (wobei ich, wenn ich das recht in Erinnerung habe, ein edler Tempelritter war, der den Henker erschlagen hatte und jetzt unter dessen schützender Kapuze – einem mit Sicherheitsnadeln zusammengesteckten roten Kopftuch – im Hause des Ungeheuers herumoperierte).

Wie diese Beispiele schon zeigen, spielte ich zwar gern mit Mädchen – aber wohl mehr aus dem doppelten Grunde, weil sie viel williger und mit mehr Talent meinen phantasievollen Anregungen folgten und zudem meist viel besser in die Handlung paßten (schließlich hatte Blaubart sieben Frauen, während sieben Jungen mit einigermaßen befriedigenden Rollen zu versehen kaum selbst bei Schulaufführungen gelang!); ich persönlich bevorzugte jedoch immer die Rolle eines – wenn möglich geheimnisvolle und komplizierte Listen benutzenden – Helfers und Retters, gelegentlich teilnehmenden anderen Jungen großzügig die Parts edler Prinzen und Helden überlassend, sofern ich. nur der rätselhafte Alte vom Berge oder der listenreiche Odysseus sein konnte. Daß meine Spiele umgekehrt bei den Mädchen beliebt waren, lag wohl nicht zuletzt daran, daß sie selten so „schöne Rollen“ fanden wie bei mir: ich hatte nicht nur nichts dagegen, wenn sich die furchtzitternden Millionenerbinnen über ihre perlenbestickten Roben, Nerze und Brillanten zuhause unterhielten oder Prinzessinnen einander in Blaubarts Verlies heroisch die Haare kämmten – sondern verlangte solche ultrafemininen Details geradezu kategorisch von meinen Mitspielerinnen!

Wenn irgendjemand dabei auf die Idee kam, im Spiel sein Geschlecht zu wechseln, war es häufiger eine der temperamentvolleren Darstellerinnen, die zum jungen Prinzen oder Knappen avancieren wollte, weil es dabei mehr zu schleichen oder zu befreien gab (wobei ich ihnen allerdings grundsätzlich anheimstellte, daß sie heldenhafte Mädchen sein könnten, die sich nur als Jünglinge verkleidet hätten). Eigentlich kann ich mich nur an einen Fall erinnern, in dem ich auch den Mantel eines der Mädchen anzog – und zwar, um irgendwelche bösen Gangster darüber hinwegzutäuschen, daß die echte Erbin (oder Tochter des großen Erfinders, oder was immer damals gerade die verfolgte Heldin war) bereits längst aus dem Gefängnis entwichen sei. Meine Partnerin nahm allerdings diese Idee ungeheuer ernst und gründlich und half mir nicht nur in ihren hübschen pelzbesetzten Mantel, sondern band mir auch noch ein Kopftuch um, zupfte mir verschiedene Haare als Locken in die Stirn und schmierte mir sogar – in einem kühnen Versuch des make-up – den Mund mit den Lippenstift ihrer großen Schwester knallrot.
Das selbige Schwester ausgerechnet in diesem Augenblick dazukam, .mich erst überhaupt nicht erkannte und dann höchst amüsiert feststellte, „der Bub gäbe ja ein hübscheres Mädchen ab als Du!“ machte zwar meiner Helferin größtes Vergnügen – veranlaßte mich aber, sie mit finsteren Schwüren zu ewigem Schweigen über diese Episode zu verpflichten, die (wie ich wohl nicht zu Unrecht annahm) dem Image des Grünen Mönchs – oder welch anderer geheimnisvoller Retter verfolgter Unschuldiger ich dabei gerade war – nicht bei allen anderen Mitspielern förderlich gewesen wäre.

Tatsache blieb nämlich, daß ich – trotz all meiner abenteuerlichen Ideen – körperlich nicht gerade den idealen Helden abgab: ich war blaß und schmächtig, hatte recht kleine, zarte Hände und Füße und machte in der Schule nicht einmal bei allen Turnstunden mit, weil der Arzt allerlei Knochen- oder Muskelschwächen an mir entdeckt hatte. Bei kritischeren Rettungssituationen in meinen „Schauspielen“ wußte ich allerdings solche Dinge geschickt zu kaschieren, indem ich etwa – aus lauter Rücksicht auf die zu rettenden zarten Mädchen – ebenfalls den weniger strapaziösen Weg über eine Mauer oder durch ein Gebüsch wählte oder überhaupt zurückblieb, „um die Verfolger aufzuhalten“. Da die Bösewichte in allen meinen Kompositionen imaginär waren (was übrigens niemand störte, wenn er anstattdessen eine schöne Rolle unter den „Guten“ bekam!), hatten solche heldenhaften Entschlüsse wenig reales Risiko!

Kritisch betrachtet, ging es wohl weniger darum, daß ich eigentlich Angst vor einer echten Balgerei gehabt hätte – aber solche. Dinge, deren Ausgang immer unsicher schien, paßten einfach nicht in meine künstlerische Konzeption: wenn der Graue Schatten laut Drehbuch die drei Verfolger niederzuschlagen hat, ist es nicht zweckmäßig, daß er sich wirklich mit ihnen herumprügelt und dabei möglicherweise selbst niedergeschlagen wird – und ehe man drei Mitspielern zumuten konnte, bloß so zu tun, als würden sie niedergeschlagen, ersetzte man sie doch lieber durch irreale Gestalten, die sich jeder selbst vorstellen mochte!
Zumindest bei den Eltern meiner Mitspieler fand dieses Prinzip, das wirkungsvoll blaue Augen, aufgeschlagene Knie und blutende Nasen vermied, großen Beifall – und wer überhaupt zu den Mitspielern zählte, hatte (das nahm ich als selbstverständlich) an meiner Regie nichts auszusetzen.

Dennoch schien mir die ganze Sache mit dem Mädchenmantel peinlich und etwas beschämend – hätte sie doch geradezu betont die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß ich wahrscheinlich wirklich ein hübscheres Mädchen geworden wäre als manche meiner Spielgefährtinnen! Das war nun ein Gedanke, der mir an sich gar nicht unangenehm war – man konnte sich da sogar neuen Gedankenspielen und Tagträumen hingeben, wie es eigentlich wäre, ein Mädchen statt eines Jungen zu sein! – aber zugleich ein so intimer und bestürzender Gedanke, daß ich ihn für mich allein haben wollte: und nicht als allgemeines Gesprächsthema für die ganze Runde!

Immerhin gab es da ja eine ganze Reihe von Helden in meinen Büchern, die sich bei der einen oder anderen Gelegenheit – mehr oder minder erfolgreich – als Mädchen verkleidet hatten: von Huckleberry Finn angefangen bis zum Detektiv Nobody, der allerdings ohnehin ein Meister der Maskeraden aller Art war. Andererseits jedoch hatte gerade diese Art der Maskerade etwas ganz Besonderes – gleichsam Grundsätzliches und damit auch Unheimliches, fast Unrechtes; aber gerade damit rührte sie wieder das alte, fast vergessene Thema der ganz unerhörten Täuschung, des völligen Umsturzes der ganzen Weltordnung an…

Irgendwie war mir inzwischen zwar schon längst klargeworden, daß es mit dem Unterschied zwischen Mann und Frau noch mehr auf sich haben mußte als das bloße Tragen von Hosen oder Röcken. Aber das änderte nichts daran, daß man zunächst einmal das Geschlecht nach der Kleidung beurteilte – und daß man andere, wenn die Voraussetzungen dafür einigermaßen günstig waren, dadurch leicht und gründlich täuschen konnte: wenn man zum Beispiel einem Jungen von Kind auf Mädchenkleider angezogen hätte, dann würden ihn doch alle für ein Mädchen halten – vielleicht würde er sogar selbst denken, er sei ein Mädchen?

Das eröffnete nun wieder ganz unfaßbare Perspektiven: wußte ich denn eigentlich, ob alle die Mädchen, die ich da in der Schule kannte, überhaupt wirklich Mädchen waren – oder alle Frauen, die da auf der Straße in Röcken herumliefen, wirklich Frauen? Immerhin gab es ja unter diesen Mädchen welche, die geradezu kräftiger, grobknochiger und jungenhafter waren als ich selbst! Andererseits besagte das aber gar nichts: denn offensichtlich konnte auch ein Junge in Mädchenkleidern sogar hübscher aussehen als ein wirkliches Mädchen!

Schließlich kam ich an den Punkt, an dem ich ernsthaft überlegte, wieso ich eigentlich so sicher war, selbst wirklich ein Junge zu sein -denn das ganze Argument stimmte ja umgekehrt genau so für ein Mädchen, das man von Kind auf in Jungenkleidung aufgezogen hätte! Zwar erschien mir so ein Gedanke zu unwahrscheinlich, als daß ich je mit jemand anders darüber gesprochen hätte – aber hatte ich nicht andererseits schon einmal ernsthaft die Idee erwogen, daß alle Erwachsenen, wenn sie sich nur einig wären, einem Kind völlig das Gegenteil von dem einreden könnten, was wirklich der Fall war?

Zumindest als Gedankenspiel konnte man sich abends vor dem Einschlafen – mit dem ganzen Leib gegen eine warme Gummiwärmflasche gekuschelt – doch einmal ausmalen, was es bedeuten würde, wenn ich eines Tages feststellen müßte, ich sei in Wirklichkeit ein Mädchen: vielleicht eine jener unermeßlich reichen Erbinnen, die ein verbrecherischer Anwalt in jungen Jahren beiseitegeschafft und in der Fremde unter falschem Namen als Knaben hatte aufziehen lassen? Wie es wäre, wenn eines Tages der scharfsinnige Detektiv oder geistesabwesende Professor, der diese teuflischen Machenschaften durchschaut hatte, auftauchen und mich in meine alten Rechte einsetzen würde – in all jene perlbestickten Roben, Pelze und Brillantkolliers, die ich den Heldinnen meiner Schauspiele so großzügig gönnte?

Es war nicht zu leugnen, daß dergleichen in vieler Beziehung reizvoll gewesen wäre: Hübsch genug hätte ich – das hatte man mir ja schon bestätigt – als Mädchen dann gewiß ausgesehen. Von Luxus und Reichtum umgeben wäre ich auch – und daß Damenkleider und zarte Spitzenwäsche niedlicher und wahrscheinlich auch angenehmer auf dem Körper zu tragen waren, als Männerkleider, konnte nur ein Narr bezweifeln. Zudem – der Gedanke kam mir erst jetzt – gäbe es ja wohl schwerlich eine vollendetere Rache an meiner verräterischen Nanna, als ihr plötzlich zu zeigen, daß ich in Wirklichkeit eine tausendmal schönere und elegantere Frau war als sie : eine, nach der sich ihr Martin noch die Augen ausgucken würde!

Damit allerdings geriet ich in eine Abteilung des ganzen Gedankenspiels, in der ich erheblich unsicherer war: ganz offensichtlich würden mir dann Männer in Scharen zu Füßen liegen – weil sie das grundsätzlich bei jeder schönen reichen Erbin taten. Nur war ich mir völlig im unklaren darüber, was ich mit diesen Scharen von Männern anfangen sollte! Irgendeinen davon zu heiraten – und darin wie die Nanna zuhause zu sitzen und Strümpfe zu stopfen oder Kinder zu kriegen, während er in der Welt herumfuhr und interessante Dinge tat, schien mir wahrhaftig wenig Reiz zu haben; wollte ich aber selbst in der Welt herumfahren und meinerseits interessante Dinge tun, dann brauchte ich dazu schwerlich auch noch einen Mann?

Immerhin, überlegte ich, könnte es ja sein, daß sich zum Beispiel der scharfsinnige Detektiv, dem ich meine Rettung verdankte, in Liebe zu mir verzehrte – dann war es offensichtlich nur fair, ihn auch zu heiraten (und vielleicht später mit ihm gemeinsam aufregende Dinge zu tun – ich hatte nie gelesen, daß etwa Patrizia Holm in Charteris’ Romanen Simon Templar, dem “Heiligen”, Strümpfe gestopft oder gar Kinder zur Welt gebracht hätte! Allerdings – wenn ich es recht überlegte – war sie auch gar nicht richtig mit ihm verheiratet, sondern nur einfach da – vielleicht verlobt?) In mancher Beziehung könnte es – mußte ich zugeben – recht angenehm zu sein, jemand zur Seite zu haben, der wirklich mit bloßen Händen drei Verfolger niederschlagen konnte!

Nur sprach natürlich die überwältigende Wahrscheinlichkeit dagegen, daß ich ein verkleidetes Mädchen – oder gar eine vermißte Millionenerbin war. Wenn ich erst einmal (und in irgendeinem Buch mußte das ja schließlich einmal eindeutig stehen) den exakten Unterschied zwischen Jungen und Mädchen festzustellen gelernt hatte, würde ich diese Frage ja eindeutig entscheiden können: und – eine Million zu eins! – zu dem Ergebnis gelangen, daß ich eben, wie seit jeher behauptet, ein Junge war.

Dennoch blieb der ganze Gedanke zu aufregend, um ihn wegen eines solchen störenden Details einfach völlig aufzugeben: schließlich könnte ich ja auch ein großer Hochstapler oder Verbrecher werden und einfach so tun, als sei ich eine schöne Millionenerbin? Das würde eine ganze Menge der bisherigen Vorteile erhalten – und sogar das ohnehin etwas unklare Problem, was ich mit den Scharen von Verehrern anfangen sollte, erledigen: die würde ich eben nach Strich und Faden an der Nase herumführen – eine jener grandiosen Täuschungen und Lügen, bei denen mir stets ein Schauer der Faszination über den Rücken lief! – und (das schloß übrigens den Kreis) ihnen all das Geld abnehmen, das ich für meine Rolle als reiche elegante Erbin benötigte! Sogar den Martin könnte ich – in meiner hinreißenden Schönheit und Eleganz – der Nanna ausspannen: nur um vor ihm dann höhnisch die Perücke vom Kopf zu reißen und ihm zuzurufen: Nun sieh, wem Du Dein Herz geschenkt hast – ich bin es, der schnöde verschmähte Rivale!

Das alles war so schön und aufregend, daß demgegenüber selbst die Schauspiele für meinen Harem von Ersatz-Nannas an Reiz verloren – andererseits so beruhigend irreal und unwahrscheinlich, daß man sich solchen Phantasien mit voller Begeisterung hingeben konnte ( schließlich hatte ich vor Professor Moriarty, trotz all seiner teuflisches Tücke naturgemäß weniger Angst als vor einem unbekannten knurrenden Hofhund in der Nachbarschaft!) – und so baute ich diese Phantasie geraume Zeit über mit besonderer Liebe aus:

Zunächst einmal – empfand ich – mußte der berechtigten Rache, wie beim Grafen von Monte Christo, jetzt ein entsprechendes Maß uneigennützigen Edelmuts folgen; der etwa darin liegen könnte, meine unvergleichlichen Fähigkeiten der Verkleidung in den Dienst der Spionage zu stellen – als geheimnisvolle Dame in Schwarz, die aus Panzerschränken und Geheimlaboratorien die gehütetsten Dokumente wie durch Zauberei verschwinden ließ? Aber das war immer noch – wenn auch schon unpersönlicher – bei weitem nicht edel genug: da mußte noch Gewaltigeres geschehen. Wie etwa, wenn Dr. Nemo, das rätselhafte Genie des Verbrechens, die Todesstrahlen entdeckt und mit ihnen die gesamte Menschheit bedroht hätte – fordernd, daß man ihm die zehn schönsten Frauen der Welt umgehend ausliefern müsse? Und wenn ich mich – das paßte nun wieder hübsch in das Schema der zitternden Erbinnen – natürlich in aufreizendster Robe unter sie gemischt hätte?

Um dann – jetzt lief alles in mir auf vollen Touren – bestürzt zu entdecken, daß der unheimliche Nemo a) in Wirklichkeit ein verkannter Wohltäter höchsten Edelmuts und b) in flammender Liebe zu mir (bzw. zu der schönsten Frau der Welt, für die er mich hielt) entbrannt sei ? Welche Möglichkeit, vor Scham und gräßlicher Vergeltung für meine bisherigen Missetaten innerlich zu vergehen, während ich ein liebreizendes Lächeln auf den roten Lippen tragen mußte!? Und welche Chance, als einzige Lösung mitten in seine – gerade mir zu Ehren eingeschalteten – Todesstrahlen zu hupfen, damit mein Körper zu hauchfeiner Asche verging, ehe er je mein wahres Geschlecht entdecken konnte – worauf Nemo wiederum, zutiefst erschüttert, den Todesstrahler vernichtet und nur noch dem Dienst an der Menschheit gelebt hätte!

An diesem Punkt angelangt, war ich so gerührt, daß mir die blanken Tränen über die Wangen aufs Kopfkissen liefen – aber auch so erbaut, daß ich tagelang wie auf Wolken durch die Welt ging und ungewöhnlich schlechte Schulzensuren nach Hause brachte ( aber wie kann sich auch jemand, der gerade die Welt vor dem Untergang gerettet hat, auf den Unterschied zwischen scharfem S und Doppel-S konzentrieren?).

Natürlich erreicht alles einmal seinen Höhepunkt – und überschreitet ihn dann. Dieses Schicksal blieb auch der Kreuzung aus Mata Hari, der Jungfrau von Orleans und Charleys Tante nicht erspart, die ich in jenen Wochen und Monaten erschaffen hatte – da schob sich Dr. Nemo (nebst dem gräßlichen Unrecht, das ihn zum Feind, aller Menschen gemacht hatte) in den Vordergrund, der statt Abendroben und Lockenperücken fast genau so aufregende Retorten und Atomzertrümmerungsgeräte zu bieten hatte – sowie, denn ich lebte ja immerhin auch noch in der wirklichen Welt, die Tatsache, daß ich demnächst auf eine andere, die höhere Schule übergehen würde.

Doch war es nicht diese Tatsache an sich, die für mein späteres Leben die größte Bedeutung gewinnen sollte – sondern ein zunächst nur lose damit verknüpftes, weitaus triviales Ereignis: davon ausgehend, daß ich als „Realschüler“ doch wohl einen eindrucksvolleren Platz für die häuslichen Schulaufgaben brauchen werde als bisher, ließ „Oma“ – durch zwei gewaltige, eigens herbeibeorderte Möbelpacker – einen alten Schreibtisch, der wohl noch meinem Vater gehört hatte, vom Boden herunter in mein Zimmer bringen, das er fast zu einem Drittel ausfüllte.

Dies allein fand ich nun – verständlicherweise – bereits hochinteressant und aufregend; aber es verblaßte schlagartig gegenüber der noch weit erregenderen Entdeckung, daß dieser Schreibtisch nicht leer, sondern in seinen riesigen, tiefen Seitenfächern – kein Wunder, daß er zwei Möbelträger ins Schwitzen gebracht hatte – bis oben hin mit alten Büchern, Ordnern und Manuskripten vollgestopft war!

Rückschauend betrachtet, war es von großer Bedeutung, daß ich diese Entdeckung zunächst einmal allein machte, wie ich nichts weiter tun als die Schlüssel zu den Seitentüren ausprobieren wollte; als ich sie öffnete, fielen mir geradezu Haufen von Büchern und Manuskripten entgegen – und ich hätte nicht die Leseratte sein dürfen, zu der ich mich entwickelt hatte, wenn ich nicht sofort angefangen hätte, diese unerwarteten Schätze zu durchmustern.

Da waren erst einmal unerhört viele, dickleibige und dünne Bücher – anscheinend freilich, wie ich bald feststellte, zum Teil in fremden Sprachen oder mit wissenschaftlichen Titeln, die für mich damals fast genau so unleserlich waren: „Psychopathia Sexualis“ oder „Vektoranalysis“ oder „Das Phänomen der ästhetischen Inversion und seine Beziehung zum Kult der Magna Mater“ – andere, unter denen ich mir zwar eher etwas vorstellen konnte, wie „Höhere Mathematik“, „Vorlesungen über theoretische Physik“ oder „Anorganische Chemie“, die sich aber durch das, was ich schon von ihnen verstand, recht deutlich als etwas auswiesen, was ich eben noch nicht verstand – aber auch so verheißungsvolle wie „Chemische Experimente, die gelingen“ oder „Zauberkarten und Kartenzauber“!
Noch mehr aber fesselte mich, was hinter dieser ersten Bücherreihe zum Vorschein kam: nämlich ein ganzer Stoß von Ordnern, die säuberliche, wenn auch etwas vergilbte Aufklebeschildchen trugen wie „Eigene Arbeiten / Manuskripte – Marius Gramer“, „Notizen zum Anima-Problem – Marius Gramer“, „Beiträge für Jugendbücher – Marius Gramer“ – denn Marius Gramer war, das wußte ich aus mancherlei Papieren, die man letzthin für meine Schulanmeldung ausgefüllt hatte, war der Name meines verstorbenen Vaters!

Auf einmal war dieser alte Schreibtisch, dieser staubig-strengriechende Haufen von alten Büchern und Papieren nicht nur ein abenteuerlicher Fund, wie er in Geschichten vorkam: sondern er ging mich ganz persönlich an – war eine Brücke zu meiner Vergangenheit, zu der bisher so völlig schattenhaften Figur meines eigenen Vaters!

Und womit hatte er sich alles befaßt: schon der erste Titel in dem Ordner „Beiträge für Jugendbücher“, den ich naturgemäß als erstes aufschlug, versprach nichts Geringeres als Aufklärung über „Geheimschriften – und wie man sie entziffert“!

Der Titel allein hätte schon genügt, um mich sofort mit Lesen anfangen zu lassen – aber nun gar die ersten Sätze: „Sicher habt Ihr Euch schon einmal gefragt, wie es Spione oder Detektive eigentlich fertigbringen, Nachrichten zu entziffern, die in einer Geheimschrift abgefaßt sind – obwohl sie den Schlüssel dazu gar nicht kennen … „!

Hatte ich mich das schon gefragt?! Einen Augenblick war es mir, als habe mein Vater mir beim Lesen all dieser Schmöker über die Schulter geschaut!

Und wenn es mir auch in diesem Augenblick nicht zum Bewußtsein kam – dazu war ich viel zu gespannt darauf, wie das Manuskript weitergehen würde! – spürte ich doch ganz tief drinnen etwas wie eine große Sehnsucht, einen bisher ungekannten Schmerz, eine Frage: wie wäre es wohl gewesen, wenn dieser unbekannte Vater wirklich hinter mir gestanden, mir über den Kopf gestrichen und mich dann mit in sein Studierzimmer genommen hätte, um mir – mir ganz persönlich und nicht irgendwelchen unbekannten Lesern – all solch aufregende Sachen zu erklären?
Denn erklären konnte er solche Dinge wunderbar: nicht von oben herab mit einem Unterton von „aber wie man’s wirklich macht, versteht Ihr ja doch nicht“ – sondern klar und gründlich, mit Beispielen, die Schritt für Schritt entschlüsselt wurden – und dann (er mußte sich wirklich in der Seele seiner Leser ausgekannt haben!) gab er nicht nur genaue Tabellen über die häufigsten Buchstaben, Doppel- und Dreifachbuchstaben: sondern auch noch ein Dutzend verlockend in Buchstaben, Ziffern und Symbolen geschriebene Beispiele, an denen man sich selbst in der Kunst des Dechiffrierens versuchen konnte!

Ich saß mit hochrotem Kopf , vergaß über dem Lesen Zeit und Raum – und fuhr fast erschrocken zusammen, als „Omi“ ins Zimmer kam, um mich zum Essen zu holen, nachdem ich alle Rufe dazu völlig überhört hatte!

Doch seltsamerweise schien sie fast genau so erschrocken zu sein, als sie die alten Bücher und Papiere sah. Ungeachtet meiner Proteste erklärte sie nicht nur, daß ich jetzt sofort zum Essen kommen] müsse – sondern auch, daß ich den ganzen Inhalt des Schreibtisches nicht mehr anrühren dürfe, ehe sie selbst ihn Stück für Stück durchgesehen habe!

Das empfand ich nun als eine so abscheuliche Ungerechtigkeit, daß ich – obwohl ich sonst eigentlich aufs Wort alles tat, was Omi von mir verlangte – diesmal heimlich einen kleinen Stoß, der hinter dem Hauptberg der Bücher lag und den ich noch gar nicht durchgeschaut hatte, mit einem geschickten Fußtritt bis weit hinten unter mein Bett beförderte, ohne daß sie es bemerkte.

Das ganze Essen über hatte ich natürlich kaum Appetit – und schließlich erweichte meine offensichtliche Betretenheit Omi doch soweit, daß sie mir großzügig den Ordner mit den „Beiträgen für Jugendbücher“ überließ, während sie den ganzen übrigen Schreibtischinhalt mit Beschlag belegte – teils mitnahm, teils wieder einschloß, um den Rest am anderen Tag in ihr Zimmer herunterzuholen.

Den meisten Erwachsenen wäre es nur zu natürlich erschienen, daß man eine Sammlung, die immerhin solch ausgefallene Bücher wie Krafft-Ebings „Psychopathia Sexualis“ enthielt, vorsichtshalber erst einmal durchsehen wollte, ehe man sie der Lesewut eines Zehnjährigen überließ. Ich aber war damals keineswegs erwachsen, hatte keineswegs einen Begriff davon, daß es „verbotene Bücher“ geben könne – bis jetzt hatte ich alles gelesen und lesen dürfen, was es im Hause Gedrucktes gab – und nicht zuletzt steckte in mir noch immer, zwar verborgen, aber leicht wieder erweckt das abgrundtiefe Mißtrauen, daß man mir ganz wichtige Dinge falsch schildern oder überhaupt vorenthalten könne …

Gab es, überlegte ich, da um die Bücher oder Aufzeichnungen meines Vaters irgendein dunkles Geheimnis? Etwas, das niemand – oder zumindest ich nicht – erfahren sollte? Etwa gar etwas, das – hier kam nun wieder ein Stückchen der Millionenerbinnen-Phantasie zum Tragen – mich selbst, meine Abstammung oder vielleicht selbst mein. Geschlecht betraf? Ich weiß selbst nicht mehr recht, was ich mir darunter vorstellte (eine Tagebuchnotiz „Heute gemeinsam mit Mutter und dem Doktor festgelegt, daß er ein Junge sein soll“ oder dergleichen?) – aber so sehr ich mich einerseits schämte, die Bücher unter dem Bett Omi unterschlagen zu haben (es gab zwar eine Menge von Dingen, von denen sie nichts wußte – wie etwa meine vielen interessanten Tagträume – aber kaum etwas, das ich bisher entgegen einem ausdrücklichen Gebot vor ihr geheimgehalten hätte!) – so prickelnd und aufregend war es andererseits, in meinem Besitz irgendwelche „geheimen Papiere” zu wissen, die ich eigentlich nicht lesen sollte!

Das Gefühl, hier – wie ein echter Spion oder Geheimkurier – im Besitz „heißen Materials“ zu sein, ließ mich instinktiv mit erstaunlicher Raffinesse all das tun, was solche Leute in meinen Geschichten taten: ich stürzte mich, allein, nicht etwa sofort unters Bett – sondern setzte mich brav an meinen neuen Schreib¬tisch, um weiter in dem Jugendbuch-Ordner zu blättern (obwohl ich zwar die interessanten Titel und Themen der anderen Manuskripte wahrnahm, aber viel zu aufgeregt war, um mich auf eines davon zu konzentrieren!), aß besonders viel und brav zu abend, maulte wie üblich, daß ich noch nicht so früh ins Bett wolle, und ließ mich nur mit viel Zureden auf mein Zimmer schicken. Dort löschte ich bald das Licht und lauschte im Dunkel, bis ich sicher war, daß die Omi und alle anderen im Hause zu Bett gegangen waren und schliefen. Das brauchte zwar Stunden, aber ich war so aufgeregt, daß ich keine Gefahr lief, während des Wartens etwa selbst einzuschlafen…

Dann, mitten in der Nacht, hängte ich sorgfältig meine Hose über die Bettlampe, so daß nur ein kleiner Spalt licht auf mein Kopfkissen fallen ließ – stieg dann auf Zehenspitzen aus dem Bett und versuchte, geräuschlos den Stoß aus der hintersten Ecke hervorzuangeln. Dann hockte ich mich im Nachthemd auf die Bettkante, um endlich meinen Schatz zu studieren.

Auf den ersten Blick war ich herzlich enttäuscht: das waren weder Tagebücher, noch geheimnisvolle Familienchroniken oder versiegelte Briefe – sondern lediglich ein aus dem Einband gerissenes, vergilbtes und eselsohriges Wörterbuch, ein anderes, etwas besser erhaltenes Buch „Lehrgang der Porträtphotographie“ und, für mich damals ein Höhepunkt der Langweiligkeit, ein Foto-Album mit irgendwelchen Bildern. Einen Augenblick lang schlug mein Herz wieder schneller, als aus dem Fotolehrbuch ein kleines Heftchen aus kariertem Papier fiel, das handschriftliche Aufzeichnungen trug – aber dann sah ich, daß das nur so unverständliche und technische Notizen waren wie: „Außenaufnahmen: ab ca. 7:00 Uhr bis 11:00 Uhr. Achtung: gut nur bei Sonnenschein! Das Licht ist ab 13:00 Uhr am besten! make-up: Plan 3. Bei zu langer Dauer: Stirnfalten zeichnen sich ab, mit Basic nachschminken! wenn Schwitzen: Tropfen ganz vorsichtig abtupfen (Tuch), nachpudern immer wenns glänzt!“ und ähnliches – schwerlich geeignet, mir besondere Geheimnisse zu enthüllen.

Dennoch interessierte mich nun, was oder wen man da eigentlich mit soviel Umständen aufgenommen hatte: Die erste Seite des Albums trug nur die wenig aufschlußreichen Buchstaben „M.A.“. Aber als« ich dann umblätterte, hatte ich plötzlich das Gefühl, daß ich doch einer Art Geheimnis auf die Spur gekommen war: denn die schlanke dunkelhaarige Frau, die da in einem eleganten langen Kleid photographiert war, kam mir irgendwie bekannt, vertraut vor.

Ich hatte zwar kaum eine Erinnerung an meine Mutter – aber jetzt, als ich dieses Bild vor mir sah, schien es mir so, als habe ich all die Jahre in mir eine Szene herumgetragen, in der diese Frau eine Rolle spielte: eine schlanke, dunkle Gestalt in einem langen, raschelnden Kleid, die an mein Bett getreten war und mir mit der glatten, wunderbar duftenden Hand zärtlich über die Wange gestrichen hatte – und dann eine unterdrückte, ärgerliche Stimme, die irgendetwas gerufen hatte – „wenn der Junge Dich nun sieht!” oder “wenn der Junge Dich so sieht!“ – und dann hatte sie rasch, wie erschrocken, sich aufgerichtet und war mit raschen Schritten und raschelndem Kleid verschwunden – und ich hatte mich rasch tief ins mein Kissen gekuschelt und die Augen ganz fest zugekniffen, weil man doch mit der schönen lieben Frau geschimpft hätte, wenn man gemerkt hätte, daß ich wirklich wachgewesen und sie gesehen hatte – und ich nicht wollte, daß jemand mit dieser lieben schönen Frau mit ihren zärtlichen Händen schimpfte …

Aber warum sollte eigentlich ein Junge – selbst wenn er sehr klein war und schon im Bettchen lag – seine Mutter nicht sehen? Da war doch auch wieder irgendein Geheimnis, das in die rätselhafte Welt der Erwachsenen gehörte – oder hatte ich das damals falsch verstanden, und war es die Frau gewesen, die mit diesen Worten jemand anders gehindert hatte, ins Zimmer zu treten – vielleicht weil sie fürchtete, er werde mich aufwecken, oder weil er vielleicht gar so aussah, daß das einem kleinen Jungen einen Schrecken eingejagt hätte? Denn die Stimme – aber wer wollte das aus einer so vagen Erinnerung noch entscheiden! – hatte zwar unterdrückt, aber doch mehr wie eine Frauenstimme geklungen…

Ich schüttelte den Kopf: seltsam genug, daß ich mich überhaupt nur an diese eine Szene erinnerte – vielleicht, weil ich damals ein wenig erschrocken gewesen war? Aber jetzt hatte ich ja ein ganzes Fotoalbum, um diese Erinnerung wieder aufzufrischen!

Nachdenklich, Bild für Bild studierend, blätterte ich Seite um Seite um: ja, das war gewiß immer wieder dieselbe schöne dunkelhaarige Frau – manchmal zwar im Kleid, manchmal im Mantel (auf einigen Bildern sogar, im Sessel oder malerisch auf ein Sofa hingegossen, in eleganter Unterwäsche) – mit gelegentlich etwas veränderter Frisur, als seien die Aufnahmen über eine längere Zeit hinweg entstanden – aber fast immer allein, nur auf einem Bild, gegen eine Fenstersäule gelehnt, in anscheinend lebhaftem Gespräch mit einem schlanken dunkelhaarigen Mann.

War das mein Vater? Erst jetzt kam mir zum Bewußtsein, daß ich in meinem ganzen Leben noch keine Fotos meiner Eltern gesehen hatte – obwohl es doch zu den beliebten (und für mich stets endlos langweiligen) Beschäftigungen bei Familienbesuchen gehörte, sich Albums mit Bildern irgendwelcher Onkel oder Tanten, Neffen, Nichten oder Cousinen zu zeigen; warum eigentlich nie von meinen Eltern? Gab es da keine Bilder – oder wollte man sie mir nicht zeigen?
Einen Augenblick spielte ich mit dem schrecklich-romantischen Gedanken, daß mein Vater vielleicht ein gräßliches Ungeheuer – eine Art Quasimodo?! – gewesen sein könnte, das ich noch nicht einmal als Kind erblicken durfte: der nur in einem verborgenen Zimmer, den Blicken aller Menschen entzogen, seine aufregenden Manuskripte geschrieben hatte – und über den man jetzt den Mantel des Vergessens breitete. Die schöne Frau an seiner Seite – meine Mutter – hätte ihn dann trotzdem unsterblich geliebt, wegen seiner unermesslichen Weisheit und Güte – und er hätte sie in seiner Bewunderung für ihre makellose Schönheit immer wieder fotografiert …

Aber so reizvoll das in einem Buch gewesen wäre – so unwahrscheinlich schien es mir doch, auf meine eigenen Eltern bezogen. Etwa genau so unwahrscheinlich wie die Sache mit der verschleppten Millionenerbin.

Dies brachte mich nun wieder auf das andere Buch zurück: „Klinisches Wörterbuch, von Willibald Pschyrembel, Dr. med. Dr. phil., Oberarzt am Städtischen Krankenhaus Berlin-Neukölln“ – das war offensichtlich ein Buch für Ärzte oder Leute, die Medizin studieren wollten: und darin müßte ja doch etwas über den Unterschied von Jungen und Mädchen stehen!

Es war immerhin ein Zeichen für meine schon damals nicht geringe Belesenheit, daß ich als erstes unter „G“ – für „Geschlecht“ -nachschaute, statt so unwissenschaftliche Stichworte wie „Mädchen“ oder „Junge“ überhaupt erst zu suchen. Leider wurde ich dafür nicht gerade durch eine besonders verständliche Auskunft belohnt – denn da stand unter
“Geschlechtsbestimmung, -Vererbung: die Geschlechtsverschiedenheit ist durch d. Zusammensetzg. der Erbmasse (idioplasma) bedingt. Bei den Säugetieren gibt es nur einerlei Ei-, aber zweierlei Samenzellen. Die Geschlechtsanläge (paarig wie je¬de Erbanlage) des weibl. Säugetiers ist also reinanlagig (homozygot), d.h. die Paarlinge sind gleich, die Geschlechtsan-lage des männl. Säugetiers ist mischanlagig (heterozygot),die Paarlinge sind ungleich. Es gibt also e. gleich große Zahl v. männl. bestimmten u. weibl, bestimmten männl. Samenzellen. Das Geschlecht ist durch d. Verschiedenheit d. Samenzellen in Erbanlagebestand des Mannes vorbereitet u. wird im Augenblick d. Vereinigung einer d. Samenzellen mit e. Eizelle (Befruchtung) bestimmt.”

Nachdem ich das zum dritten Male durchgelesen hatte, war ich so verwirrt wie zuvor; klar schien zwar zu sein, daß man sein Geschlecht vererbt bekam – was eine für mich zwar neue, aber ganz einleuchtende Idee war: offensichtlich heirateten sich also deshalb eine Frau und ein Mann, damit sie ihren Kindern dann mal das weibliche, mal das männliche Geschlecht weitervererben, also Jungen oder Mädchen zu Kindern haben konnten.

Aber anstatt daß nun, wie es jeder vernünftige Mensch angenommen hätte, die Mutter ihr weibliches Geschlecht an die Mädchen weitervererbte – und der Vater sein männliches an die Jungen – klang das Weitere doch so, als vererbe der Vater beide Geschlechter, männlich und weiblich, ganz nach Wunsch weiter, während die Mutter dabei gar nichts mitzureden hatte!

Konsequent weitergedacht, mußte doch dann der Vater sowohl männliche wie auch weibliche Anlagen in seinem „Erbanlagenbestand“ haben – und da man ja wohl nur Anlagen vererben konnte, die man selbst hatte, mußten alle Väter innerlich eine Mischung aus Mann und Frau sein?! Aber wenn sie – was ich zwar kaum richtig fassen konnte – sowieso schon Mann und Frau- zugleich waren: wozu brauchten sie dann zu der ganzen Sache noch die Mutter?

Ich gab es vorerst auf, dieses ganze rätselhafte Thema weiterzuverfolgen. Eines schien jedenfalls klar: was für ein Geschlecht die Kinder hatten, daß wurde – ein Verdacht, den ich ja schon lange gehabt hatte – nicht hinterher von den Eltern bestimmt, sondern lag irgendwie bereits fest, wenn man zur Welt kam. Die Frage war nur, wodurch und inwiefern?

Der nächste Eintrag
„Geschlechtscharaktere, sekundäre; Geschlechtsmerkmale. die für das betreff. Geschlecht kennzeichnend sind, aber nicht der Fortpflanzung dienen, beim Manne Bart und Körperbehaarg., beim Weibe Brüste, glatte Haut, langes Haar usw.“
ließ mich nun langsam daran zweifeln, daß der Doktor Pschyrembel wirklich so recht wußte, worüber er da eigentlich schrieb: ich brauchte doch bloß mich selbst anzugucken, um festzustellen, daß ich weder Bart noch Körperbehaarung, dafür aber eine glatte Haut hatte – zwar keine Brüste, aber die hatten die Mädchen in meiner Schule auch nicht! Und daß die Frage, wie lang mein Haar sei, nur davon abhing, wie oft man mich zum Friseur schickte, statt von meinem Geschlecht, hätte eigentlich auch ein Oberarzt am Krankenhaus wissen müssen !

Oder meinte er, daß solche Eigenschaften „nicht der Fortpflanzung dienen“, also nicht weitervererbt würden ? Das würde zwar erklärren, wieso Männer mit Barten Väter von Mädchen ohne Barte und Körperbehaarung sein konnten – schien mir aber wieder alles, was im vorigen Abschnitt gestanden hatte, über den Haufen zu werfen: denn wenn solche Merkmale nicht vererbt wurden, was zum Teufel wurde dann als „Geschlecht“ vererbt ?

Ich entschloß mich, nun doch unter „Mann“ und „Frau“ nachzuschlagen – aber diese Begriffe schien es in der Medizin überhaupt nicht zu geben; jedenfalls fand ich an der einen Stelle nur „MANN-LENTZsche Färbung der Negrikörper (s. Lyssa) in Eosin-Methylenblau“, was offensichtlich nicht zum Thema gehörte, und bei „Frau“ überhaupt nichts. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, wenn ich damit aufgehört hätte – aber nun kam mir plötzlich die Erleuchtung, daß Doktoren und Mediziner ja furchtbar oft lateinisch sprachen: und daß der alte Rektor mir ja schließlich, zur Vorbereitung auf die Oberschule, „masculinum“, „femininum“ und „neutrum“ beigebracht hatte!

Der erste Versuch auf diesen neuen Weg war allerdings nur geeignet, meine Meinung von Dr, Pschyrembel und seinen Lesern noch weiter absinken zu lassen – da stand nämlich allen Ernstes:
„Masculinus (mas, maris, m das Männchen): männlich“ !

Halb in der Erwartung, eine ähnlich geistreiche Auskunft auch unter „F“ zu finden, blätterte ich nach vorn – nicht ahnend, daß damit mein Weltbild endgültig aus den Fugen geraten würde.

Zunächst verzögerte sich dies freilich noch, weil ich an dem seltsamen Eintrag
„Fellare: Einführen d. männl. Gliedes in den Mund der Frau, zur sexuellen Befriedigung“
hängen blieb und einen Augenblick kopfschüttelnd darüber nachdachte, welches seiner Glieder – Arm oder Bein? – ein Mann da einer bedau-ernswerten Frau in den Mund stopfen mochte, und wieso diese mir ebenso blödsinnig wie unpraktikabel vorkommende Sache irgendjemand Befriedigung verschaffen könne. Doch dann las ich das nächste Stichwort:
„Feminieren (STEINACH, 1912): ein kastriertes männl. Tier durch Einpflanz. von Eierstöcken körperlich u. psychosexuell verweiblichen.“

und hatte den Eindruck, die Welt nicht mehr zu verstehen: Da hatte das Buch doch eben lauthals erklärt, männlich und weiblich seien bei den Säugetieren durch die Erbanlagen eindeutig bestimmt – nur um jetzt ebenso selbstverständlich zu erklären, natürlich könne der Professor Steinach dann so ein männliches Tier hinterher ganz nach Belieben – „durch Einpflanz. von Eierstöcken“, was immer das sein mochte – wieder „verweiblichen“! So etwas hatten ja selbst die verbrecherischsten Chirurgen in meinen Büchern – die nicht davor zurückschreckten, Menschen mit Tierköpfen oder Flügeln zu versehen – nicht zu unternehmen gewagt !

Oder meinte man da wieder mal nicht das „richtige“ Geschlecht, sondern bloß diese anderen Eigenschaften, die sich irgendwie nicht zum Fortpflanzen eigneten – eigentlich nur so eine ähnliche Sache, als habe der Professor einem Jungen Mädchenkleider angezogen und ihn dadurch „verweiblicht“ – also zum Beispiel jetzt lange Haare und glatte Haut oder sogar einen Busen erzeugt ?

Darüber noch sinnierend, kam ich zum nächsten Stichwort:
„Feminismus (femina Frau): weibische Art; vgl. Effeminatio“
Hatte das vielleicht etwas mit dem Ergebnis des „Feminierens“ zu tun? Ich blätterte noch weiter nach vorn – und las:
„Effeminatio (femina Weib): höchster Grad der konträren Sexualempfindung, wobei sich der Mann völlig als Weib fühlt, als weibl. Päderast.“
Was war das denn nun? Jetzt ging es auf einmal nicht mehr um Haare, Haut oder Busen, sondern um „Empfindungen“ und darum, wie sich jemand „fühlte“ – und zwar, was nun vollends unfaßbar schien, um einen Mann, der sich „völlig als Weib“ fühlte?! Oder doch nicht? Was war denn nun wieder ein „weibl. Päderast“?

Nach einigem weiteren Suchen fand ich aus das – oder zumindest etwas, das sich darauf zu beziehen schien:
„Päderastie (erastes Liebhaber): Knabenliebe, geschlechtl. Mißbrauch von Knaben,“

Als ich diese Worte las, spürte ich plötzlich ein hilfloses Gefühl in der Magengrube – wie in einem unerwartet nach unten abfahrenden Aufzug.

Sich „als Weib“zu fühlen“ – oder sich zumindest mit solchen Gedanken zu befassen – war offenbar ein“geschlechtlicher Mißbrauch von Knaben“, also etwas, was Knaben offenbar nicht tun sollten, aber anscheinend zuweilen taten. Und wußte ich das nicht sehr genau? Hatte ich nicht vor wenigen Wochen noch – mit Genuß und innerlichem Schauer – genau solche Gedanken gewälzt? Und war das – nachdem es ja nun in einem Wörterbuch für Ärzte abgehandelt wurde – eine ungesunde, gefährliche Sache, vielleicht sogar eine Art Krankheit oder Geisteskrankheit?

Als ich noch viel kleiner war, hatte mich schon die Vorstellung erheblich beunruhigt, daß irgendwo im Himmel ein Schutzengel alles, was ich hier auf der Welt tat, in einem großen Buch vermerken sollte. Aber wie harmlos erschien das gegenüber dem Erlebnis, daß irgendein Gedanke, den ich mir ganz persönlich in aller Harm¬losigkeit ausgedacht hatte, Wort für Wort in einem Buch für Ärzte als typische Sünde von Knaben beschrieben wurde … !

Nein, nicht direkt als „Sünde“ – als „Mißbrauch“, was zwar auch nicht sehr schön, aber immerhin noch harmloser klang. Oder wie hatte das noch gehießen? Mit einem gewissen verbissenen Mut blätterte ich zurück – was war das für eine „Empfindung“ gewesen? Ah – da stand es: „Sexualempfindung“. Ich konnte mir darunter noch nichts Rechtes vorstellen – aber vielleicht war auch das unter diesem Stichwort noch näher erklärt ?

Leider ja. Da stand es schwarz auf weiß:
„Sexualempfindung: Geschlechtsempfindung, Perverse S.; krankhafte Abweichung der Geschlechtsempfindung und des Geschlechtstriebes bis zur konträren S., wo der Mann sich als Weib, das Weib sich als Mann in geschlechtlicher Beziehung fühlt. Vgl. Päderastie. Masochismus, Sadismus, Onanie.“

Ich verglich nicht mehr weiter – mir reichte es. Nicht ein bloßer Mißbrauch – nein, eine „krankhafte Abweichung“ war es, die ich da vor ganz kurzer Zeit (und ohne es zu ahnen – nein, sogar mit einem tiefen Vergnügen) erlebt hatte!

Ich ließ das Buch sinken und sah mit einem gewissen Entsetzen an mir selbst herunter – als müsse man jetzt diese Krankhaftigkeit in Form von Aussatz oder Pestbeulen schon an meinem Leib feststellen können.

Doch dann gewann wieder mein nie versiegendes Mißtrauen gegen alles, was Erwachsene behaupten mochten, die Oberhand: wenn auch dieser Dr. Pschyrembel hier einen unerwarteten und erschütternden Zufallstreffer gemacht hatte – so änderte das noch immer nichts daran, daß sein ganzes Buch von Widersprüchen wimmelte: erst wurde das Geschlecht vererbt. Dann wurde es plötzlich wieder nicht vererbt – oder wenigstens nichts von dem, woran man Männer und Frauen so normalerweise zu unterscheiden pflegte. Und schließlich behauptete er noch, daß man dieses ganze Geschlecht sowieso hinterher verändern könne. Und am Schluß sollte es noch eine Krankheit sein, über all das nachzudenken!

Ich kroch wieder unter die Bettdecke – inzwischen spürte ich erst, wie kalt ich im Nachthemd da auf der Bettkante geworden war – und begann, gegen die Decke starrend, die ganzen Widersprüche nocheinmal zu sortieren. Daß in einem solchen Wörterbuch – das ja nicht für Kinder, sondern Erwachsene geschrieben war – geradezu Lügen standen, war nicht anzunehmen. Aber ich hatte schon öfter einmal erlebt, daß verschiedene Leute die gleichen Tatsachen auf ganz verschiedene Weise zusammenfügten und beurteilten – und was da in dem Buch mit den Tatsachen gemacht wurde, schien doch auch hinten und vorn nicht zusammenzustimmen.

Nahmen wir also mal das Unwahrscheinlichste (das wahrscheinlich gerade deshalb sicher stimmte – denn sonst hätte sich ja niemand getraut, es in ein Buch zu schreiben): diese erstaunliche Behauptung, daß die Väter sowohl weibliche wie männliche Anlagen in sich hätten. Wenn das stimmte – warum sollte es dann eigentlich so krankhaft sein, daß sie sich manchmal auch wie eine Frau fühlten? Wenn sich eine Frau wie ein Mann fühlte, dann hatte sie dazu – nachdem sie ja gar keine männlichen Anlagen in sich hatte! – viel weniger Recht, und war vielleicht verrückt; aber bei den Vätern – oder, da ja wohl alle Männer Väter werden konnten, bei Männern überhaupt – wäre es ja gerade im Gegenteil unnormal gewesen, wenn sie nie etwas von den in ihnen steckenden weiblichen Anlagen gemerkt hätten!

Natürlich – normalerweise mußten sie sich verständlicherweise wie Männer fühlen; aber – und so war das vielleicht auch gemeint? – wenn sie mal krank waren, zum Beispiel Fieber hatten oder sich sonst nicht wohl fühlten (und deshalb sowieso nicht arbeiten oder sonstige Männergeschäfte ausführen konnten), dann mochte doch wohl die andere, weibliche Hälfte in ihnen hervorkommen – dazu fiel mir eine grimmige Bemerkung der Omi ein: Männer, wenn sie krank seien, stellten sich viel schlimmer an als Frauen!

Oder – kam mir jetzt als neue Idee – waren das vielleicht jene Zeiten, in denen sie die weiblichen Anlagen auf eventuelle Töchter vererbten: während sie ihre Söhne natürlich mit männlichen Anlagen versorgten, wenn sie sich so richtig männlich fühlten? Das würde dann aber heißen, daß sich – da es ja etwa gleich oft Töchter wie Söhne gab – Männer sehr oft in diesem Zustand der (wie hieß es ? „Konfusen“ oder „konträren“) Sexualempfindung fühlen mußten: na ja, die Leute waren ja auch oft krank, zum Beispiel erkältet!

So gesehen, schien die ganze Sache nun halb so beunruhigend: daß ich. da mit dem Gedanken herumgespielt hatte, ich könnte oder möchte vielleicht auch ein Mädchen sein, war dann eine Sache, die den meisten Männern gelegentlich passierte – vielleicht umso öfter, je erwachsener sie wurden? – und die nur einerseits hieß, daß ich mich zu der Zeit gesundheitlich nicht ganz wohlgefühlt haben mußte (stimmt, ich hatte ja auch herzlich schlechte Schulzensuren gehabt! – andererseits aber, daß ich später auch einmal in der Lage sein würde, Töchtern weibliches Geschlecht zu vererben. Und das war ja ganz beruhigend, denn natürlich hätte ich, wenn ich später mal Vater wurde, genau so gern ein paar Mädchen unter meinen Kindern gehabt, wie Söhne.

Andererseits, dachte ich abschließend mit einem gewissen Grimm, war es natürlich wieder typisch für die Erwachsenen, mir eine so wichtige und interessante Sache vollkommen zu verschweigen: sogar in all den Büchern, die ich bisher gelesen hatte, wurde so etwas mit keinem Wort erwähnt – obwohl ja schließlich auch der tollste Romanheld mal Zeiten haben mußte, in denen er sich „wie eine Frau“ fühlte! (Das erklärte nun endlich auch, warum sich zum Beispiel der Detektiv Nobody manchmal so täuschend als elegante Dame ausgeben konnte!) Oder war diese ganze Sache so selbstverständlich, daß man sie deshalb nicht erwähnte – so wie all diese Helden sicher auch mal aufs Klo mußten, ohne daß dies jemals zur Sprache kam?

Nun, vielleicht – dachte ich, nun nach dem langen Wachbleiben und all den Aufregungen doch auf einmal kräftige Müdigkeit spürend – lag das alles auch daran, daß ich keine Eltern gehabt hatte, die mir all diese Dinge rechtzeitig und ausführlich erklären konnten? Ich angelte mir noch einmal das Fotoalbum heran und suchte das Bild, wo die schöne Frau dem schlanken Mann gegenüberstand: wenn das meine Eltern gewesen waren, dann hätte ich sicher auch mit ihnen über all solche Fragen reden können …

Und mit diesem Gedanken und dem Bild der beiden Gestalten vor Augen schlief ich endlich ein.

Nachwort:

Nunmehr also zur Unterscheidung von – um mit Goethe zu sprechen – “Dichtung und Wahrheit”. Nach den Angaben des Autors beruhen auf realen Erinnerungen:

  • Die ihm gegebene erste Erklärung über den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen.
  • Seine abfälllige Einstellung zu “kleinen Mädchen” und im Gegensatz dazu seine Verehrung für “erwachsene Frauen”
  • Seine ersten Gedanken über “echte” und “unechte” Frauen
  • Die doppelte “Kreuzritter-Krisis” über “Nanna” (=Schwester) und “Schule” nebst anschließender Krankheit und “Verfremdungs-Gefühl”
  • Übergang auf “gemischte” Privatschule mit Jungen und Mädchen nebst “Haarzerr-double-standard”
  • Eine Episode als “Abenteuer-Regisseur” mit einem etwa gleichaltrigen Mädchen (während eines Urlaubs)

Diese hat er dann allerdings zu einer umfassenden Erfindung eines ganzen “Mitspielerinnen-Harems” ausgebaut – wie auch die “Mädchenmantel-Episode” erfunden ist: was natürlich den Biographie-Analysten maßlos ärgert: denn die wird ja hier als der Drehpunkt zu den nächsten “Mädchen-Träumen” benutzt – jetzt weiß man wieder nicht, wie die wirklich starteten!
Denn diese Phantasien nun – sagt der Autor – habe er von einem bestimmten Punkt an mehr oder weniger alle wirklich gehabt.

Die ganze “Schreibtisch- und Album-Story” ist natürlich handlungsbezogen erfunden (wenn auch die erwähnten Artikel und Notizen real sind)

und bei den (wörtlichen!) Pschyrembel-Zitaten und ihrer Interpretation ist dem Autor natürlich seine doppelte Neigung zu Spekulation und Ironie total durchgegangen
(obwohl sich da sowohl Ansätze für den späteren “Animagie”-Dialog” wie für die geplante “Vater-Sohn”/”Mutter-Tochter”-Handlung – eine Super-Phantasie des reifen Hellmut Wolfram – finden!)

Befragt, was denn nun wirklich der “Drehpunkt” gewesen sein könne, gab der Autor leider nur vage Vermutungen von sich – was die Jula-These bestätigen könnte, daß eben der ganze “Mädchentraum-Komplex” doch von Anfang an angelegt gewesen sei: und möglicherweise durch die “Kreuzritterkrise” nur ans Licht kam?

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