Anm. Jula: ein weiteres Fragment. Allerdings eines, das Hekate sehr beschäftigt hat, denn es gibt Bilder …

Außer mir wäre wahrscheinlich nie jemand auf die Idee gekommen, daß die junge Dame im Regencape gar kein Mädchen war.

Noch nicht einmal, wenn sie jemand anders keine Antwort gegeben hätte, als er sie an der Haltestelle ganz höflich fragte, ob sie vielleicht wüßte, wie spät es ist.

Natürlich wollte ich eigentlich gar nicht wissen, wie spät es war. Ich wollte eigentlich auch gar nicht mit der Straßenbahn fahren, sondern ich hatte nur noch einen Brief zum Briefkasten gebracht – an meine Eltern, daß ich zuhause allein sehr gut zurechtkäme, und sie sollten sich nur gut erholen – und hatte gar nichts anderes im Sinn, als bei dem Nieselregen schnell wieder in die trockene Wohnung zu kommen, als ich plötzlich sah, daß vor dem Schaufenster vom Schuhgeschäft ein großes junges Mädel in einem grauen Gummiregencape stand und sich die Schuhe anguckte.

Nun war das natürlich nichts Besonderes – warum sollte sich ein Mädchen nicht Damenschuhe angucken, auch wenn es regnete? Aber unter der grauen Gummikapuze, die es über dem Kopf hatte, konnte ich gar nicht erkennen., wie es eigentlich ausschaute – und aus irgendeinem Grund interessierte mich das plötzlich: also machte ich halt und blieb auch vor dem Schaufenster stehen, als wenn ich da auch etwas ansehen wollte.

In Wirklichkeit guckte ich da aber in die Spiegelscheibe, die hinter den Schuhen war, um das Gesicht von dem Mädchen zu sehen, das sich da spiegelte, wenn ich ein bißchen schräg hinübersah; es sah richtig hübsch aus – auch ein bißchen groß und breit wie das ganze Mädel selbst auch, aber schön rund und weich und mit einem kleinen Kinn und Mündchen und einer irgendwie zierlichen Nase – aber ehe ich noch alles richtig anschauen konnte, drehte es den Kopf ein bißchen und sah mich auch genau im Spiegel – wir guckten uns richtig in die Augen – und dann drehte es sich plötzlich um, daß das ganze Gummicape raschelte, und ging mit ganz kleinen schnellen Schritten in seinen schwarzen Lackregenstiefeln davon.
Nun ist das ganz komisch: eigentlich mache ich mir gar nichts aus Mädchen – aber wenn so ein Mädchen mit Stiefeln und einem Gummiregencape an mir vorbeiraschelt, dann gibt mir das immer irgendwie einen Ruck – ich weiß nicht, was ich daran so schick finde. Aber jedenfalls brauchte ich gar nicht zu überlegen, sondern ging hinter ihr her.

Natürlich wollte ich da gar nicht etwa nachts auf der Straße eine junge Dame ansprechen – mit fünfzehn Jahren und in kurzen Hosen! – sondern mir gefiel daß bloß so, wie das Regencape da mit diesen ganz komischen Schlabberfalten., wie sie nur Gummituch macht, beim schnellen Gehen um die .Schultern und Arme und manchmal auch den Popo von dem Mädel schwang – und das konnte ich natürlich nur sehen, wenn ich hinter ihm herging.

Plötzlich hatte ich aber dabei das ganz komische Gefühl, als hätte es Angst – als wollte es richtig vor mir davonlaufen, traute sich aber auch wieder nicht, zu rennen – sondern stöckelte nur immer hastiger auf seinen hohen Lackstiefelabsätzen vor mir her, ohne sich zu trauen, auch nur den Kopf nach mir umzudrehen! Aber dann dachte ich mir wieder, daß das ja wohl Einbildung von mir sein mußte: denn zum Davonlaufen sah ich ja nun wirklich nicht aus:
Wirklich machte das Mädel dann auch plötzlich an der Straßenbahnhaltestelle halt – wahrscheinlich hatte es, dachte ich, nur auf einmal Angst gehabt, es könne die Bahn versäumen und müßte dann vielleicht noch eine Viertelstunde im Regen stehen.

Na ja – nun wollte ich auch nicht auf einmal kehrt machen, sondern ging auch bis zur Haltestelle weiter. Da war eine Straßenlaterne, und während ich so tat, als wollte ich auch auf die Bahn warten, wollte ich mir die junge Dame wenigstens zuende anschauen, nachdem sie am Laden so schnell weggegangen war.
Im Laternenlicht sah ich jetzt, daß sie unter der Kapuze lange schwarze Locken hatte, von denen ihr jetzt auf der einen Seite eine ins Gesicht fiel – und als sie die mit der Hand zurückstrich, sah ich, daß sie eine Armbanduhr umhatte.
Nun hätte ich – bloß so um das Ganze abzurunden.- furchtbar gern auch noch ihre Stimme gehört, und deshalb trat ich einen. Schritt näher auf sie zu und fragte ganz höflich:
„Entschuldigen. Sie – können Sie mir vielleicht die genaue Zeit sagen?“

Also jetzt hatte ich mich aber nicht getäuscht: sie war richtig erschrocken, als ich sie ansprach – und es sah fast so aus, als wenn sie sich auf die Lippen biß, während sie mir zuhörte, und fieberhaft überlegte – aber dann kam das Komischste: sie warf wie entrüstet den Kopf ein wenig in den Nacken, machte auf dem Hacken kehrt und ging drei kleine richtig zornige Schritte weg, bis sie schließlich, mir immer noch den Rücken und die spitze Gummikapuze zuwendend, wieder stehenblieb.
Aber in dem Augenblick kam auch schon die Straßenbahn quietschend um die Kurve an der Ecke, hielt – und das Mädchen, wieder hastig stöckelnd und regencaperaschelnd, stieg ein.

Aber ich auch.

Bis zu diesem Augenblick hatte ich das natürlich überhaupt nicht vorgehabt – was sollte ich denn mitten in der Nacht noch auf der Straßenbahn?! – aber jetzt, wo dieses seltsame Mädel mit dieser Straßenbahn gewissermaßen vor mir entfliehen wollte, wollte ich ihm meinerseits zeigen, daß das nicht so einfach ging!

Der Wagen war – bis auf zwei alte Damen und einen Mann in Arbeitskleidung, der von der Spätschicht kam – fast leer. Das Mädel war, noch immer hastig und in der nächsten Kurve fast stolpernd, ganz bis ans andere Ende des Wagens gestöckelt und hatte sich dann, das Cape wie schützend um sich raffend, auf dem äußersten Platz neben der vorderen. Tür niedergelassen. Ich setzte mich andererseits gerade am entgegengesetzten Ende auf die gegenüberliegende Bank.

Glücklicherweise hatte ich in der Tasche meiner Windjacke noch eine Sammelkarte – das Mädchen hatte sich von Schaffner auch wortlos eine solche Karte knipsen lassen – so daß ich wenigstens keinen. Ärger durch meinen plötzlichen Entschluß bekam: denn Geld hatte ich für den Weg zum Briefkasten natürlich gar nicht erst eingesteckt.

Das Mädchen warf mir noch immer keinen Blick zu – aber natürlich hatte es gemerkt, daß ich ihm gefolgt war: die erste Zeit saß es auf der äußersten Kante der Bank, als wollte es jeden Augenblick wieder aufspringen und. davonlaufen – aber als ich still in meiner Ecke sitzenblieb und auch nicht immer hinüberschaute, schien es sich ein bißchen zu beruhigen und holte sogar aus seiner Handtasche – so einer richtigen schwarzen Damenlederhandtasche – ein Liebesromanheft hervor, in dem es zu lesen. anfing: oder wenigstens tat es so, denn ich hatte den Eindruck, daß es nie eine Seite umblätterte!

Plötzlich – wir waren schon eine ganze Weile gefahren und die anderen Leute waren schon lange ausgestiegen – stand es, als die Bahn wieder einmal anhielt, ganz rasch auf und stieg hastig aus.

Aber ich natürlich auch.

Diesmal sah es sich unter seiner Regenkapuze wirklich richtig ängstlich nach mir um und begann dann wieder mit ganz schnellen kurzen Schritten die Straße entlangzutrippeln. Aber jetzt wurde mir das Theater endlich zu dumm.

Ich legte ein bißchen Tempo zu – ich kann ganz schön schnell gehen, wenn es darauf ankommt! – und hatte das eilige Regencapefräulein in noch nicht einer Minute eingeholt.

Obwohl ich direkt neben ihr ging, guckte es starr geradeaus und raschelte und. stöckelte verzweifelt weiter.

„Sie sind doch gar kein Mädchen,“ sagte ich, weiter unerbittlich Schritt haltend.

Die Gummikapuze drehte sich noch weiter von mir weg, daß ich überhaupt nichts mehr von dem hübschen Mädelgesicht darunter sah.

„Sie können auch gar nicht davon laufen,“ fuhr ich halblaut fort, „und um Hilfe oder die Polizei rufen können Sie auch nicht, weil Sie nicht die richtige Stimme dafür haben.“

Die Kapuze rührte sich nicht, während die Regenstiefel noch immer wie atemlos über das nasse Pflaster stöckelten.

„Das brauchen Sie aber auch alles gar nicht,“ sagte ich – jetzt auch fast ein wenig außer Atem – „ich will Ihnen doch gar nichts tun – oder Sie anzeigen – oder sowas. Ich – ich möchte sie nur mal richtig ansehen! „

Die Kapuze zuckte ein wenig unsicher, ohne daß die schnellen Schritte stockten.

„Ich hab mir schon immer gewünscht, mal jemand zu sehen, der sich richtig als Mädchen verkleidet hat!“ verfolgte ich dies erste Anzeichen einer Reaktion.

Sonst liest man das immer bloß mal in der Zeitung oder in einem Buch – und da steht alles auch nie richtig ausführlich – „

Die eiligen Schritte hielten abrupt inne.

„Also gut – “ flüsterte eine tonlose Stimme unter der Kapuze hervor. „Da vorne ist eine Laterne – da kannst Du mich meinethalben anschauen – aber dann läßt Du mich in Ruhe!“

Und damit raschelte die vermummelte Gestalt neben mir schon wieder mit ihren kleinen Junge-Damen-Schrittchen weiter.

Unter der Laterne machte sie halt, trat einen Schritt zurück, daß das Licht voll auf sie fiel, und stellte sich, den Kopf unter der Kapuze wie herausfordernd zurückwerfend, in Positur – einen Fuß ein wenig vorgesetzt , Schultern zurück, daß sich das Gummicape über den strammen runden Brüsten straffte, und mit einem halb unsicheren, halb triumphierenden Blick unter langen schwarzen Wimpern hervor.
„Könnten Sie – “ sagte ich vorsichtig, “ – könnten Sie vielleicht die Kapuze runtermachen? Ich meine, es regnet ja gerade nicht -und. ich hätte gern Ihre Frisur auch. – „

Mit einem kleinen Achselzucken – und viel raschelnden Regencapefalten – hob das „Mädchen“ die Arme und streifte die graue Gummikapuze nach hinten zurück, volle lange schwarze Locken freigebend, schüttelte den Kopf ein wenig und schaute mich wieder an.

„Mein Gott – sind Sie schön!“ sagte ich erschüttert. (Ich brauchte noch nicht einmal viel zu übertreiben: jetzt, wo die weichen Locken das glatte Gesicht umspielten, sah es wirklich noch viel schöner aus – wirklich nicht wie ein Männergesicht, das man bloß zurechtgeschminkt hatte. Wenn er nicht als Frau angezogen ist, muß er ganz merkwürdig aussehen, dachte ich.)

Irgendwie schien ihm dies Kompliment zu gefallen, denn er lächelte ein. bißchen – wobei er als Mädchen noch hübscher aussah. Doch dann wollte er die Kapuze rasch wieder über den Kopf ziehen:
„So – genug angeschaut?“ zischte er hastig und tonlos, wie um sich bereits wieder zum Gehen zu wenden.

„Nein!“ sagte ich laut.

Er stockte – ich spürte, daß ich Oberwasser hatte: „Nein – ich möchte Sie gern noch viel genauer ansehen – was Sie da drunter für’n Kleid anhaben – und alles – „

„Das geht doch nicht – hier mitten auf der Straße – ! ! ! “ zischelte er wieder , halb ärgerlich.

„Dann gehen wir eben zu Ihnen nach Hause – !“ erwiderte ich – ihn breit anlächelnd.

Es war richtig entzückend anzusehen – wirklich wie eine junge Dame, die zwischen Wut und Verlegenheit und ein bißchen Angst oder gar Verzweiflung kämpft – alles auf diesem hübschen weichen Mädchengesicht unter den falschen schwarzen Locken.:
„Das – das ist unverschämt! “ zischte die tonlose Stimme.

„Nein – das ist sogar furchtbar nett von mir“ sagte ich behaglich, „Stellen Sie sich vor, was jemand anders für ein Theater gemacht hätte, und was Sie alles für Unannehmlichkeiten bekommen hätten – aber ich sage ja gar nichts, ich tue ja gar nichts, ich möchte nur richtig in Ruhe bewundern, wie hübsch Sie aussehen in all den schicken Fräuleinssachen …!“

Mit jedem Wort wurde mir mehr klar, wie hoffnungslos er mir ausgeliefert war. Hatte ich mir das nicht immer mal ausgemalt: so eine ganz vornehme, elegante und stolze junge Dame mit irgendwas, wie so ein Schuft Im Film, in der Hand zu haben, daß sie alles, aber auch alles machen mußte, was ich sagte? Und hatte ich nicht, auf der anderen Seite, immer davon geträumt, mal einen ganz schick als schöne Dame verkleideten Mann zu sehen? Und jetzt hatte ich auf einmal beides in einem!

Aber gerade dieses Bewußtsein meiner Macht ließ mich einlenken:
„Und wenn Sie ehrlich sind: würden. Sie das nicht auch furchtbar gern mal jemand zeigen, den das alles wirklich richtig interessiert? Und bei dem Sie keine Angst zu haben brauchen, daß er was verrät oder so?“

Das hübsche Mädchengesicht spiegelte noch immer viel zu verräterisch jedes seiner Gefühle wieder:
„Und woher weiß ich, daß ich mich auf Dich verlassen kann?“ protestierte er wieder flüsternd. „Wenn Du sogar noch wüßtest, wo ich wohne – ! “

„Nach Hause – “ sagte ich überredend, „müssen Sie sowieso mal wieder. Und Sie können auch nichts dagegen machen, wenn ich dabei immer hinter Ihnen hergehe – also finde ich doch heraus, wo Sie wohnen. Aber – “ schlug ich plötzlich vor, „sagen Sie doch was, womit ich beweisen kann, daß Sie sich auf mich verlassen können?“

„Also jedenfalls können wir nicht ewig hier unter der Laterne stehen bleiben – da kann ja immer jemand vorbeikommen!“ meinte er, immer noch in diesem tonlosen Flüstergezischel (es war zum Lachen: wenn er mir an der Haltestelle in diesem Ton. „Viertel vor zehn“ zugezischelt hätte, wäre mir vielleicht gar nichts aufgefallen! ) und setzte sich wieder mit seinen kurzen Fräuleinsschritten in Bewegung. Ich schwenkte neben ihm ein. Irgendwie machte es mich unheimlich stolz, daß jeder, der uns begegnen würde, denken mußte, ich ginge da neben einer schicken jungen Dame im Regencape spazieren!

„Sie können das aber wirklich fabelhaft!“ sagte ich halblaut.

„Was?“ flüsterte er, ohne den Kopf zu wenden, zurück.

„Ach – so wie ’ne Dame gehen: sogar vorhin, wie Sie weglaufen wollten!“

„Denkst Du denn, ich hätte da wie ein Sprinter die Straße langsausen können?!“

ab er zurück – aber es klang weniger ärgerlich als ein bißchen geschmeichelt.

„Wo gehen wir eigentlich hin?“ fragte ich . „Ich glaub nicht, daß Sie hier wohnen! „

Er sagte nichts, hielt aber doch inne.

„Gehen wir doch wieder zur Haltestelle zurück – dann können wir mit der nächsten Bahn fahren!“ schlug ich vor.

Und tatsächlich machte er nach kurzem Zögern kehrt und ging nun in der anderen Richtung – nicht ohne daß ich höflich wieder an seine linke Seite gewechselt war, wie es das ein Fünfzehnjähriger bei einer jungen Dame zu tun hat!

„Also ist Ihnen was eingefallen?“ begann ich wieder, als er noch immer schweigend, neben mir herging.

„Was?“

„Wie ich Ihnen beweisen könnte, daß — „

„Blödsinn!“ zischte er ganz undamenhaft ärgerlich. „Wie sollst Du das schon beweisen können ?!“

Ich überlegte. „Na ja – Sie müßten eben von mir a u c h etwas wissen, was Sie nun wieder nicht verraten; dann wären wir ja quitt – nicht?“

Er zuckte unter dem raschelnden Cape unwillig die Achseln. Plötzlich kam mir eine Idee:
„Wissen Sie – wenn ich mich nun auch mal als Mädchen anziehen würde – Sie könnten mir ja zeigen, wie man das macht – und dann auch mal so spazieren ginge: dann wüßten Sie das ja dann auch von mir – genau wie ich von Ihnen., nicht wahr?“

Er blieb einen. Augenblick stehen und sah mich von der Seite her an;
„Heh!“ Er war so verblüfft, daß ihm fast ein wenig Ton in die Stimme kam (gar keine so furchtbar tiefe Stimme übrigens: kein Sopran natürlich – aber ich hatte schon Mädel gehört, die auch nicht höher sprachen!) “Sag bloß, Du hättest auch Lust, sowas zu machen?!”

Hier endet – wieder mal, ärgerlicherweise – dies Fragment…